Geistliches Leben

Donnerstag, 24. September 2015

Offen und weit

Auch außerhalb von Gemeinde und Kirche ist Gottes Geist lebendig – Gedanken zum Markus-Evangelium 9, 38–43.45.47–48 von Pastoralreferentin Regina Mettlach

Gibt es Jüngerschaft und Nachfolge Jesu auch außerhalb der Kirche? „Meister, wir haben einen gesehen, der trieb in deinem Namen Dämonen aus. Er schließt sich uns aber nicht an.“ Wie kann einer sich auf den Namen Jesu berufen, aber nicht dem Kreis der Jünger beitreten? Dämonenaustreibungen im Namen Jesu, Heilungen unter Berufung auf die Kraft Jesu, werden im Neuen Testament oft bezeugt. „Hindert ihn nicht“, ist die Antwort Jesu. Er begründet die geforderte Toleranz pragmatisch: „Lasst ihn gewähren. Denn keiner, der in meinem Namen auftritt, kann schlecht von mir reden. Freut euch doch, wenn der Geist Gottes auch außerhalb eurer Reihen lebendig ist.“

Dem Evangelisten Markus geht es im Textabschnitt des heutigen Sonntags um die Stellung der Außenseiter in den Gemeinden. Es stünde den Gemeinden gut an, meint er, wenn sie diese nicht schroff ablehnten und sich abgrenzten, sondern wenn sie diese Menschen grundsätzlich bejahen würden. Auch dort weht der Geist Gottes. Wenn irgendwo gute Taten „wegen Christus“ geschehen, sagt er, so ist das nicht zu verurteilen.

Unter den urchristlichen Verkündigern gab es ein ausgeprägtes Konkurrenzdenken, wie der Zweite Korintherbrief zeigt. Dort hören wir von den Auseinandersetzungen zwischen Paulus, der einen heidenchristlichen Hintergrund hat, und seinen judenchristlichen Gegnern. Wer ist legitimiert? Wer kann es besser? Wer hat recht?

Hintergrund für das Verhalten der Jünger im Markus-Evangelium ist das Bedürfnis der frühen Kirche, sich ihrer Identität, ihrer Zugehörigkeit zu Jesus, zu vergewissern. Man hatte eine Ordnung geschaffen und die sah vor, dass nur die Jünger das Recht hatten zu predigen und Wunder zu wirken. Auch heute kennen wir das: Einmal herausgehoben durch eine besondere Aufgabe, will der Mensch seine Sonderstellung bewahren und genießen. Er klebt an seiner Aufgabe und wacht eifersüchtig darüber, dass kein anderer auf diesem Terrain grast. Doch Jesus sagt: „Wer nicht gegen uns ist, ist für uns.“ Die Kräfte im Umfeld der Kirche, die sich im Sinne der Sache Jesu regen, sollen nicht von vorneherein ausgeschlossen werden.

Nachfolge heißt im Markus-Evangelium: Tun im Namen Jesu. Das Bekenntnis zu Jesus kommt nicht nur im Wort zum Ausdruck, sondern vor allem im Verhalten und im Tun. Unfriedliches Nebeneinander und Gegeneinander in der Gemeinde ist ein Ärgernis. Wenn keine Rücksicht auf die „Kleinen“ – das meint die Geringen und Schwachen – genommen wird, macht das den Christusglauben unglaubwürdig. Der Jünger Jesu hat seine Jüngerschaft so ernst zu nehmen, dass er sich durch nichts hindern lassen darf. Der Evangelist mahnt: Wenn du etwas findest, was dich von Gott abbringt, sei es Hand, Fuß oder Auge, dann lass das hinter dir, tu es weg, damit du ungehindert ins volle Leben gehen kannst. In der Nachfolge Jesu gilt die Entschiedenheit für den Weg, der ins Reich Gottes führt. Das Reich Gottes ist überall da zu finden, wo Menschen in ihrem Leben Gott Platz machen, wo sie in Gott verortet sind – auch außerhalb der Kirche.

Vielleicht sollten wir uns vom Wunsch der heutigen Lesung aus dem Buch Numeri tragen lassen: Möge der Geist Gottes doch auf alle herabkommen, sagt Mose dort. Alle sollen Propheten sein, alle, nicht nur die Amtsträger. Und er widerspricht vehement dem Josua, der die Beschränkung will.

Heutzutage sagen wir es mit dem Schlagwort: „Der Geist weht, wo er will.“ Jeder hat die ihm von Gott gegebene Chance, sein Charisma, seinen Wert und seine Würde. Der Platz, an dem einer steht, ist der Boden Gottes, den es zu beackern gilt, je nach der eigenen Art und Fähigkeit. Das Tun von Christen heißt: aufbauen, aufwerten, dem anderen zur wahren Größe verhelfen. Es kann heißen, so zu leben und zu handeln, dass der andere spürt, er ist etwas Besonderes, nämlich ein Kind Gottes. Jesus mutet uns zu, Privilegien abzugeben und einen offenen Blick für das Fremde zu haben.

Papst Franziskus sagte beim Mittagsgebet an Pfingsten: „Die Kirche wird nicht in der Isolation geboren. Sie entsteht als universale (…) mit einer eindeutigen und zugleich für alle offenen Identität. Sie bleibt nicht verschlossen, sondern hat eine Identität, mit der sie die ganze Welt umarmt, ohne jemanden auszuschließen. Niemandem schlägt die Mutter Kirche die Tür ins Gesicht, niemandem! Nicht einmal dem größten Sünder, niemandem! Und dies kraft der Gnade des Heiligen Geistes. Die Mutter Kirche öffnet ihre Türen allen, weil sie Mutter ist.“

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