Kirche und Welt

Mittwoch, 28. Juli 2010

Offenes Gespräch zwischen Bischöfen und Laien

Der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Alois Glück (70), mahnt eine neue Gesprächskultur in der Kirche an.

ZdK-Präsident Alois Glück.

Bischöfe und Laien sollten einander ohne Ängstlichkeit und auf Augenhöhe begegnen. Auswege aus der kritischen Lage der Kirche müssten gemeinsam erörtert werden, sagte der ehemalige CSU-Spitzenpolitiker in einem Interview mit der Katholischen Nachrichten-Agentur an seinem Wohnsitz im oberbayerischen Hörzing.

Herr Glück, als Sie vor neun Monaten in Ihr neues Amt gewählt wurden, befand sich das Zentralkomitee der deutschen Katholiken in einigen Turbulenzen. Heute wird die ganze katholische Kirche gebeutelt, nicht nur in Deutschland. Haben Sie sich das so vorgestellt?

Kein Mensch hat das so erwartet. Die große Frage ist, ob aus der Krise Neues wächst, wie es schon oft in der Geschichte war. Das muss die Zukunft zeigen. Aber es sind wahrhaft turbulente Zeiten.

Der Ruf nach Reformen wird unter den Gläubigen lauter. Gefordert wird eine neue Synode der deutschen Bistümer oder gar ein Drittes Vatikanisches Konzil. Ist das der richtige Weg?

Momentan ist die Zeit dafür nicht reif. Aber wir brauchen wieder eine Kultur des Vertrauens und des offenen Gesprächs. Zur Zeit des Konzils und der Synode in den 1960er und 1970er Jahren haben Amtsträger, Laien, Wissenschaftler und andere Persönlichkeiten partnerschaftlich um den richtigen Weg gerungen. Davon sind wir heute meilenweit entfernt. Wenn keine Bereitschaft zur Veränderung sichtbar wird, dann wird der Auszug aus der Kirche weiter zunehmen. Der Erosionsprozess hat längst die Mitte der Kirche erreicht. Es geht nicht nur um diejenigen, die nur noch lose Verbindungen haben.

Eine Frucht der Synode war die Gemeinsame Konferenz der Bischöfe mit dem ZdK. Wie steht es um den neuen Anlauf, dieses Forum wiederzubeleben?

Das Zentralkomitee sieht sich weder als Zuschauer noch als Opposition. Wir müssen aufgreifen, was die Gläubigen bewegt, und da spüren wir auch in unseren Reihen sehr viel Unruhe. Insofern haben wir die Aufgabe zu drängen, aber auch zu integrieren. In der Gemeinsamen Konferenz haben wir für den November eine Arbeitstagung zur Zukunft der Kirche in Deutschland vereinbart. In den letzten Wochen bin ich optimistischer geworden, was die Chancen für einen konstruktiven Dialog betrifft. Ich registriere bei vielen Amtsträgern eine neue Bereitschaft, sich mit der Situation auseinanderzusetzen. Für manche schwierige Themen wird Vertrauen und auch Vertraulichkeit wichtig sein. Es kommt jetzt darauf an, ein Klima der Angst vor Kontrolle und Ausgrenzung zu überwinden.

Wo müssten notwendige Reformen zuerst ansetzen?

Es ist nicht getan mit einer vordergründigen Modernisierung. Aber die Kirche muss sich einlassen auf die heutigen Lebenswelten. Das größte Alarmzeichen ist für mich, dass die Kirche nicht nur einen immensen Vertrauensverlust als moralische Institution erlitten hat. Immer mehr Menschen erwarten gar nicht mehr von den Kirchen – das trifft die evangelische genauso –, dass sie zu Sinnfragen etwas Wichtiges beitragen können. Damit sind die Kirchen in ihrem Grundauftrag infrage gestellt.

Durch die Missbrauchsfälle ist die Kirche stark mit sich selbst beschäftigt. Sehen Sie die Gefahr, dass sich die Kirche in wichtigen politischen Debatten kein Gehör mehr verschaffen kann?

Dieser Gefahr müssen wir uns stellen. Zu viele in unserer Kirche haben noch nicht registriert, dass wir unter den Bedingungen einer offenen Gesellschaft unsere Überzeugungen in einem geistigen Wettbewerb vertreten müssen. Der Hinweis auf die Tradition oder auf das Christentum trägt heute nicht mehr als Begründung. Öffentlichkeit und moderne Zeitgenossen sind auch nicht einfach Gegner. Durch Kritik oder Einwände muss man sich nicht gleich persönlich angegriffen fühlen.

Es hat in jüngster Zeit zwei wichtige Urteile gegeben, zur PID und zur Sterbehilfe. Haben Sie überhaupt noch Zeit und Energie, die damit verbundenen Debatten zu führen?

Das Zentralkomitee wird sich nicht auf innerkirchliche Fragen reduzieren lassen, so drängend diese gerade sind. In beiden Fällen haben wir Stellung bezogen. Gerade in Fragen des Lebensschutzes sind wir bleibend gefordert. Denn mit den neuen Möglichkeiten von Biotechnologie und Medizin ist die Wanderung auf einem Grat verbunden, der immer schmäler wird. Wo geht es um Hilfe für den Menschen, wo um Manipulation, Zugriff auf seine Integrität und Würde? Wir können uns diesen Entwicklungen nicht verweigern, müssen aber äußerst wachsam sein. Wenn man einmal damit anfängt, und sei es vor der Geburt, zwischen lebenswertem und -unwertem Leben zu unterscheiden, wird keine andere Lebensphase ausgespart bleiben, auch Alter und Krankheit nicht. Damit aber droht der direkte Weg in eine inhumane Leistungswelt.

Machen Sie auch mal Urlaub von Ihren vielen Ehrenämtern?

Erst einmal fahre ich mit meiner Frau eine Woche nach Südtirol. Ende August geht es mit unseren Enkelkindern und deren Eltern in ein Familienhotel nach Österreich. Und ganz besonders freue ich mich auf eine Trekkingtour ins Atlas-Gebirge nach Marokko mit Kameraden von der Bergwacht im September.

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