Kultur

Mittwoch, 15. November 2017

Ohne ihn keine Moderne

Zum 100. Geburtstag des französischen Bildhauers Auguste Rodin

Der Denker – ein Motiv, das der Bilhauer Auguste Rodin mehrfach umsetzte. Foto: actionpress

Der Denker, Der Kuss, Amor und Psyche: Die Skulpturen von Auguste Rodin sind weltberühmt. Bereits zu Lebzeiten höchst anerkannt in der Kunstszene, reicht der Einfluss des Bildhauers bis in die heutige Zeit hinein.

„Ein kleiner, breitschultriger Mann von riesiger Körperkraft“: So erinnerte sich der Philosoph Georg Simmel an den Bildhauer Auguste Rodin. Mit den Marmorbüsten, die Simmel selbst „gerade nur anheben konnte“, habe Rodin „wie mit Spielzeugen“ hantiert. In diesem Jahr widmen einige der renommiertesten Museen der Welt dem Künstler eigene Ausstellungen. Am 17. November jährt sich der Todestag Rodins zum 100. Mal.

Rodin, der am 12. November 1840 in bescheidenen Verhältnissen zur Welt kam, wählte für seine erste bedeutende Plastik ein Modell aus der Pariser Unterschicht: einen Mann vom Pferdemarkt, nach dem die „Maske des Mannes mit der gebrochenen Nase“ entstand. Rodins Sinn für soziale Themen könnte bei einem Kurzaufenthalt in einem Kloster geschärft worden sein. Nach dem Tod seiner Schwester trat er mit 22 Jahren in den Reformorden „Peres du Tres-Saint-Sacrement“ ein. Innerhalb weniger Monate überzeugte ihn der Ordensgründer jedoch, sich wieder der Bildhauerei zuzuwenden.

Rodin galt als Einzelgänger und als äußert schaffensfreudig. „Man muss arbeiten, nichts als arbeiten, und man muss Geduld haben“ – diesen Rat gab Rodin einst dem deutschen Dichter Rainer Maria Rilke. Künstler seien „die einzigen Menschen“, die ihren Beruf gern ausübten, fügte er hinzu. Zeitweise lebten und arbeiteten die beiden Künstler im heute als „Musée Rodin“ bekannten Hotel Biron in Paris; Rodin ermutigte Rilke zur Arbeit in den Pariser Jardins, woraus dessen bekanntestes Gedicht „Der Panther“ entstand. Wenige Jahre später kam es zum Zerwürfnis. Doch Rodin prägte den Schriftsteller nachhaltig. „Die großen wissenden Freunde“, schrieb Rilke nach dem Tod des 35 Jahre älteren Bildhauers, „werden nicht mehr da sein.“

Viele Plastiken Rodins zeigen einfache Leute im harten Berufsalltag oder Figuren in inneren Konfliktsituationen – perfektioniert im von Dante inspirierten „Höllentor“, an dem er 37 Jahre lang immer wieder arbeitete. Sein Ziel war es, flüchtige Augenblicke festzuhalten, ohne ihnen die Dynamik zu nehmen. Lebendig scheinen Rodins Figuren besonders durch ihre Gebärden und Gesten – und dadurch, dass er vor kaum einem Motiv zurückschreckte. Was landläufig als hässlich gilt, könne in der Kunst etwas sehr Schönes werden: Auch das wollte der gebürtige Pariser zeigen, etwa in Figuren wie „Die alte Vettel“. Er erklärte, hässlich sei in der Kunst das, „was keinen Charakter hat, das heißt weder eine äußere noch eine innere Wahrheit besitzt“. Dazu passt, dass Rodins Figuren teils unbearbeitete, rohe Stellen aufweisen, die unfertig wirken. Rodin ließ manche Flächen seiner Figuren bewusst unbearbeitet oder zerstückelte sie. Der Betrachter sollte angeregt werden, die eigene Fantasie einzusetzen, um das Unvollendete zu ergänzen.

Manche Zeitgenossen Rodins konnten sich kaum vorstellen, wie solch lebhaft scheinende Skulpturen entstehen konnten. So traf ihn einst der falsche Vorwurf, einen Abguss als Kunst verkaufen zu wollen – aus heutiger Sicht abwegig. „Kunstwerke können sich jederzeit verändern und weiterentwi-ckeln“, so fasst der Kunsthistoriker Gerhard Finckh die Auffassung Rodins zusammen. Zu Lebzeit des Bildhauers ein völlig neuer Gedanke.

Spätestens durch die Technik des „Non-Finito“ habe der Künstler der Moderne den Weg bereitet, meint Finckh, der Direktor des Von der Heydt-Museums in Wuppertal ist. Von der damals neuartigen Möglichkeit allerdings, naturgetreue Abbilder zu erhalten – dem Fotografieren – distanzierte sich Rodin: „Der Künstler ist wahr, die Photographie lügt; denn in Wirklichkeit steht die Zeit nicht still“, erklärte er. Eine persönliche Begebenheit war es unterdessen, die Simmel besonders beeindruckte: Wie Rodin den eigenen Tod bedachte und nicht fassen konnte, wie er „ganz primitiv und fast kindlich“ davon sprach mit der Frage: „Warum all das lassen?“. Simmel konstatiert, Rodin habe sich „nur in seinem Werk aussprechen“ können.  (Paula Konersmann, KNA)

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