Kirche und Welt

Mittwoch, 22. November 2017

Papst Franziskus mit diplomatisch heikler Reise

Christen in Myanmar und Bangladesch sollen bei Versöhnung helfen

Mehrere huderttausend muslimische Rohingya sind von Myanmar nach Bangladesch geflohen, wo die meisten unter erbärmlichen Umständen in Lagern leben. Foto: ZUMA Press / actionpress

Vom 26. November bis zum 2. Dezember reist Papst Franziskus nach Myanmar und Bangladesch. Seine 21. Auslandsreise ist unter anderem vor dem Hintergrund der Krise um die Rohingya diplomatisch heikel.

Sagt er’s oder sagt er’s nicht – das „R“-Wort? Knapp eine Woche vor der Reise des Papstes nach Myanmar fragen sich viele: Nimmt Franziskus das Wort „Rohingya“ in den Mund, wenn er birmanischen Boden betritt? Menschenrechtler fordern, der Papst solle Klartext reden. Bischöfe in Myanmar hingegen mahnen, er möge es nicht tun, da dies wütende Proteste nationalistischer Buddhisten auslösen könne.

Am 18. November war Kardinal Charles Maung Bo, Erzbischof von Ragun, beim Papst. Er wolle ihn um ein privates Treffen jenseits des offiziellen Programms bitten, sagte er Radio Vatikan – „mit Vertretern verschiedener Religionen wie Buddhisten, Muslimen, Hindus und Christen“. So könne der Papst eventuell einen Dialog anstoßen. Ob es dazu kommt, ist bislang unklar. Vielleicht gleich zu Beginn der Reise? Im offiziellen Programm zumindest klafft zwischen Ankunft am Montagmittag (Ortszeit) und ersten offiziellen Treffen eine 24-stündige Lücke.

Die dreieinhalb Tage in Myanmar stehen unter dem Leitwort „Liebe und Frieden“, das Motto der anschließenden Visite in Bangladesch lautet „Harmonie und Frieden“. Einen direkten thematischen Bezug weisen nur zwei Programmpunkte auf: Eine Begegnung mit dem Obersten Rat der buddhistischen Mönche in Myanmar und ein interreligiöses Friedenstreffen – im eher kleinen Rahmen des Gartens des Erzbischöflichen Palais in Dhaka.

Stattdessen dominieren die politischen und pflichtgemäßen kirchlichen Termine; für einen Papst, der gerne an die Ränder der Gesellschaft geht, ist das durchaus auffällig, zumal in einem Land wie Bangladesch, das von Billigjobs in Textilfabriken und Arbeitsmigration geprägt ist, oder Myanmar mit seiner armen Landbevölkerung und einem gravierenden Aids-Problem.

Am 28. November trifft Franziskus in Myanmars Hauptstadt Naypyidaw dann unter anderem die De-facto-Regierungschefin Aung San Suu Kyi. Der Papstbesuch wird als Unterstützung für die zuletzt heftig kritisierte Friedensnobelpreisträgerin gewertet.

Die Ortsbischöfe und der Vatikan charakterisieren die Reise vor allem als Ermutigung für die christliche Minderheit. Im mehrheitlich buddhistischen Myanmar machen die Katholiken etwa ein Prozent der Bevölkerung aus; in Bangladesch leben unter 159 Millionen Einwohnern nach Kirchenangaben 375000 Katholiken, das entspricht 0,24 Prozent. Zudem werden auch Christen Opfer eines zunehmenden Extremismus in beiden Ländern.

In Myanmar heizen Ultranationalisten wie der buddhistische Mönch Ashin Wirathu den Rohingya-Konflikt zusätzlich an. Nachdem die Regierung ihm öffentliche Auftritte verboten hat, setzt er seine Kampagnen auf Facebook fort. Und da für viele im Land das Internet hauptsächlich aus Facebook besteht, ist die Wirkung entsprechend verheerend. Ein Großteil der Bevölkerung fürchte, gewalttätige Extremisten aus Syrien könnten in Südasien eine neue Front eröffnen, sagte Kardinal Bo neulich dem italienischen Pressedienst SIR.

Ähnlich angespannt ist die Lage in Bangladesch. Dort gewinnen seit Jahren islamistische Gruppen, beeinflusst und finanziert aus der arabischen Welt, an Einfluss – auch unter einigen Rohingya diesseits und jenseits der Landesgrenze zu Myanmar. Glücklicherweise hat sich die zeitweise kritische Lage zwischen beiden Ländern jüngst etwas entspannt. In Bangladesch selbst nahm die Polizei vergangene Woche die mutmaßlichen Mörder dreier liberaler Blogger fest, die 2015 und 2016 umgebracht worden waren, und erhob Anklage im Fall des Mordes an einem Katholiken im Juni 2016, der für Proteste gesorgt hatte.

Eine Hauptursache für den Erfolg von Extremisten in beiden Ländern sind Armut und Ungleichheit. In Myanmar lebten 80 Prozent der Menschen in Armut, so Kardinal Bo. In Bangladesch, so eine Erhebung vom Juni, besuchen 25 Prozent der 15- bis 29-Jährigen weder eine Schule oder Universität noch gehen sie irgendeiner Arbeit nach.

Bei den Themen Armut und Gerechtigkeit kann Franziskus sehr deutlich werden. Vorerst hält er sich jedoch an Dialog und Versöhnung. Sein Gebetsanliegen für die katholische Kirche im November lautet: „Beten wir für die Christen Asiens, damit sie sich für den Dialog, den Frieden und gegenseitiges Verständnis einsetzen, vor allem gegenüber den Angehörigen anderer Religionen.“ Ein frommes und anspruchsvolles Anliegen – auch für seine eigene Reise. (Roland Juchem, KNA)

 

 

Amnesty-Bericht: Rohingya seit vielen Jahren in Myanmar unterdrückt

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International beklagt in einem aktuellen Bericht eine systematische Diskriminierung und Ausgrenzung der Rohingya in Myanmar seit Jahrzehnten. Repressionen gegen die Bevölkerungsgruppe hätten seit 2012 drastisch zugenommen, teilte die Organisation am 21. November in Berlin mit. Die meisten Rohingya seien staatenlos. Das führe dazu, dass sie zahlreiche Grundrechte gar nicht oder nur zum Teil wahrnehmen könnten.
Die Rohingya in Myanmar werden laut der Asien-Expertin von Amnesty International, Anika Becher, zu Menschen zweiter Klasse gemacht. Ihnen sei der Zugang zu Bildung und einer Gesundheitsversorgung verwehrt. Der Bundesstaat Rakhine sei für die Rohingya wie ein Gefängnis unter freiem Himmel, so Becher. In den zurückliegenden Monaten waren nach einer Welle der Gewalt mehrere hunderttausend Rohingya nach Bangladesch geflohen. (red)

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