Kultur

Donnerstag, 27. Oktober 2016

Papstbleistift, Bayernfahne und ein Traumausblick

Was Besucher in der Papstwohnung in Castel Gandolfo erwartet

uch die Hauskapelle ist jetzt für Besucher zugänglich. Foto: actionpress

Benedikt XVI. mochte Castel Gandolfo, war oft und gerne da. Das zeigen kleine Details der dortigen Papstwohnung, die auf Anregung von Papst Franziskus nun von jedermann besichtigt werden kann. Zu entdecken gibt es viel.

Vielleicht hat Papst Benedikt XVI. die kleine blauweiße Bayernfahne, die im Arbeitszimmer der päpstlichen Privatsekretäre steht, persönlich nach Castel Gandolfo gebracht. Möglich wäre es – schließlich war er oft und gern beim Sommersitz der Päpste in den Albaner Bergen. Schaut man genauer hin, sind die Zeichen deutlich zu erkennen: Im Büro der Privatsekretäre, in dem auch Erzbischof Georg Gänswein, Privatsekretär des emeritierten Papstes arbeitete, hängt ein Schwarzweiß-Porträt von Benedikt XVI. Nebenan, im päpstlichen Arbeitszimmer, sollen gar noch der Originalbleistift und -radiergummi Benedikts XVI. auf dem Schreibtisch liegen.

„Wir haben nichts verändert, alles ist originalgetreu“, sagt der für das Areal der sogenannten Päpstlichen Villen in Castel Gandolfo verantwortliche Direktor Osvaldo Gianoli bei seiner Führung durch die insgesamt 16 Räume der Papstwohnung im Apostolischen Palast, die nun gegen zehn Euro Eintritt die Tür für Besucher öffnet.
Abgesehen von Absperrseilen und nötigen Umräumarbeiten soll alles authentisch sein.

Es fällt leicht, sich Joseph Ratzinger vorzustellen, wie er hinter dem Nussbaumschreibtisch sitzt, den für ihn so typischen Bleistift in der Hand in seiner kleinen Schrift an Enzykliken oder Büchern schreibt. Vielleicht schaut er kurz auf die kleine weiße Madonnenstatue auf dem Schreibtisch im Papstbüro, nimmt ab und zu einen Schluck Tee aus der feinen weißen Porzellantasse mit Goldrand, die ihren Platz griffbereit neben einer schlichten schwarzen Schreibtischlampe hat.
Intim hingegen der Besuch im Schlafgemach der Päpste. Hier soll sich eine kuriose Begebenheit zugetragen haben: Erzählungen zufolge wurden in dem kleinen Bett mit Goldgestell sogar Kinder geboren – damals als Papst Pius XII. (1939 bis 1958) den Einwohnern Castel Gandolfos während des Krieges Zuflucht im Apostolischen Palast bot.

„Besucher können hier den Atem der Geschichte spüren“, so der Direktor der Vatikanischen Museen, Antonio Paolucci. Die Museen organisieren die Führungen im Appartement, deren Route nicht nur durch Schlafgemach und Arbeitszimmer, sondern auch durch mehrere Säle, die Bibliothek und die Privatkapelle führt. Hier spielte sich ein historischer Moment ab: Vor dem Marmor-Altar beteten 2013 erstmals zwei Päpste gemeinsam: der Emeritus Benedikt XVI. und der neu gewählte Franziskus.
Die Kapelle, die viele bislang nur von Fotos kennen, können sie nun selbst sehen: die kleinen blauen Kreuzwegkacheln; die zwei großen, jeweils eine ganze Wand einnehmenden Gemälde und  durchs Fenster die wunderbare Landschaft der Albaner Berge. Auch die macht, wie Paolucci betont, die Faszination der Papstwohnung aus: „Natur und Kunst verbinden sich hier auf ganz wunderbare Weise.“ Wer durch die Fenster auf die grünen Hügel der Albaner Berge und den riesigen Albaner See blickt, der himmelblau und still direkt unter dem Betrachter zu liegen scheint, der weiß, was Paolucci meint.

Vielen ist unverständlich, dass Papst Franziskus diesen magischen Ort zu meiden scheint. Er besuchte seine Sommerresidenz nur drei bis vier Mal. Für Paolucci zeigt sich die Politik und Seelsorge von Franziskus auch in der Öffnung des Papst-Appartements für Besucher: Er wolle an die Ränder der Welt gehen, habe viel zu tun und sei oft unterwegs. „Daher verzichtet er auf seine Sommerresidenz und stellt sie dem Volk zur Verfügung.“

Von den 33 Päpsten hätten nur 15 die Residenz regelmäßig aufgesucht. Den Umbau des etwa 25 Kilometer südlich von Rom gelegenen Geländes veranlasste Papst Urban VIII. (1623 bis 1644). Nach wie vor diene die Wohnung primär dem Papst. „Selbstverständlich freuen wir uns immer sehr, wenn wir Franziskus oder auch den emeritierten Papst Benedikt XVI. beherbergen können.“ Und bis das vielleicht irgendwann mal wieder so weit ist, können sich die Besucher über ungewohnte Einblicke ins Leben der Päpste freuen. (Stefanie Stahlhofen)

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