Im Gespräch

Donnerstag, 22. Oktober 2015

Papstvotum soll nach Synode bindend sein

Erzbischof Heiner Koch fordert Treue zur Entscheidung des Papstes

Papst Franziskus bei seiner Grundsatzrede über die Zukunft der Kirche. Foto: actionpress

Der Festakt zum 50-jährigen Bestehen der Welt-Bischofssynode schien zunächst als Routinetermin, eine feierliche Unterbrechung der aktuellen Versammlung der Oberhirten zum heftig diskutierten Thema Ehe und Familie. Aber Papst Franziskus nutzte die Feier zu einer programmatischen Rede, die manche italienische Medien (etwa „La Stampa“) als „Wende“ für die Kirche bezeichneten. Vor den 270 versammelten Bischöfen forderte er eine Aufwertung der synodalen Strukturen der Kirche, sprach sich für ein Überdenken des Papstprimats aus und plädierte für eine Dezentralisierung der Kirche, die den Bistümern und den Bischofskonferenzen neue Rollen gibt.


Für den Berliner Erzbischof Heiner Koch ist klar, dass sich alle Katholiken an die Entscheidungen halten müssen, die Papst Franziskus nach Abschluss der Familiensynode treffen wird. In einem Interview der „Tagespost“ vom 20. Oktober sagte Koch wörtlich: „Wenn der Heilige Vater ein klares Votum spricht, so oder so, erwarte ich von der gesamten Kirche, auch der deutschen Kirche, dass sie sich an dieses Votum hält. Punkt.“


Koch äußerte sich auch zur Frage, ob er Spielräume sehe für Änderungen der pastoralen Praxis in Deutschland, wenn der Ausgang der Synode nicht den von den drei deutschen Bischöfen (Marx, Bode, Koch) vertretenen Positionen entspreche. Mit Sicherheit, so der Familienbischof, werde man „weder gestern, noch heute, noch morgen die Verbindung mit dem Heiligen Vater und der katholischen Kirche verlassen“.


Zugleich erwarte er von allen, „dass man mit der Loyalität, die man Johannes Paul II. und Benedikt XVI. entgegengebracht hat, nun auch zu Franziskus steht“. Er habe außerdem „das große Vertrauen, dass uns der Heilige Geist, auch durch den Papst, zu einem Ergebnis führt, dass uns neu die Wahrheit erkennen lehrt“.
Es wäre auch „völlig zu knapp gesprungen, zu sagen, dass wir alles nur auf die Frage der wiederverheirateten Geschiedenen reduzieren“, so Koch weiter. Als wichtige weitere Themen nannte er die Ehevorbereitung, den Umgang mit alten und sterbenden Menschen in den Familien und die Frage, „was es bedeutet, wenn jetzt so viele Menschen mit anderen Religionen zu uns kommen“.


Persönlich würde Koch gerne mit der Botschaft aus Rom abreisen, dass die Kirche viele Menschen und ihre unterschiedlichen Anliegen im Blick habe und beachte. Dazu gehörten auch Homosexuelle, die den Wunsch hätten, nicht diskriminiert, sondern geachtet und geschätzt zu werden. Oder Menschen, die Kinder haben, die den Glauben an Gott verloren oder sich von der Kirche getrennt haben. Diesen wolle er vor allem die Nachricht bringen, „dass wir sie stärken, dass wir zu ihnen stehen, dass wir sie mit ihren Sorgen nicht alleine lassen, dass es keine abgehobene, menschenferne Synode war“.


Auf die Frage nach dem Erwartungsdruck betonte Koch, dieser Druck sei sehr gegensätzlich: Es gebe Menschen, die erwarten, „dass die Kirche klar bei ihrer Linie bleibt, auch wenn das dann dazu führt, dass die Kirche noch stärker abgelehnt wird und die Menschen sich von ihr abwenden“. Andere dagegen sagten, „dass Gott uns gerade in den Menschen in Gebrochenheit nahe ist und wir viel mehr auf sie hören müssen“. Dazwischen liege „eine ganze Palette“ von Perspektiven.


Kardinal Reinhard Marx hat die Papst-Rede zum 50-jährigen Bestehen der Bischofssynode als „historisch“ bezeichnet. „Immer wieder hat Franziskus von einer ,synodalen Kirche‘ gesprochen. Damit hat er unmissverständlich unterstrichen: Wir haben den Auftrag, das Zweite Vatikanische Konzil weiter zu verwirklichen“, erklärte der Vorsitzende des Deutschen Bischofskonferenz am vergangenen Wochenende in Bonn. Synodalität bedeute, so Marx, teilzunehmen, aufeinander zu hören sowie den Weg in Treue zur Tradition und Kollegialität gemeinsam zu gehen. Dazu gehöre „eine gesunde Dezentralisierung“, bei der den nationalen Bischofskonferenzen eine besondere Rolle zukomme, fügte Marx hinzu.


Mit der Einrichtung der Bischofssynode hatte Papst Paul VI. (1963-1978) eine Idee des Zweiten Vatikanischen Konzils aufgegriffen und diese noch während der Kirchenversammlung umgesetzt. Offiziell geschah dies am 15. September 1965, unmittelbar nach Eröffnung der vierten und letzten Sitzungsperiode des Konzils, mit dem Motu Proprio „Apostolica sollicitudo“. Seitdem haben die Päpste immer wieder über die Synode nachgedacht, sie reformiert und auch experimentiert. Nicht immer waren ihre Aufgaben klar. Vor allem in den 1990er Jahren, in denen Johannes Paul II. nicht weniger als neun Synoden einberief, schien das Gremium in eine Sackgasse zu laufen. Benedikt XVI. straffte den Verlauf, bemühte sich um mehr Austausch und Diskussion. Aber vor allem Franziskus versucht seit Pontifikatsbeginn die Synode konsequent aufzuwerten. Bislang hat es 27 Synoden gegeben, 14 ordentliche, drei außerordentliche und zehn Sonderversammlungen. (kna)

Schreiben Sie Ihre Meinung zu diesem Beitrag an:  Redaktion
Keine Kommentare

Pilger-Community

Um Kommentare verfassen zu können müssen Sie in der Pilger-Community angemeldet sein.

Falls Sie noch kein Benutzerkonto haben, können Sie sich
hier kostenlos registrieren.

Die Kommentarfunktion dient dem Austausch der Pilger-Community untereinander. Alle Kommentare drücken ausschließlich die Ansichten der Autoren (Nutzer) selbst aus. Der Betreiber der Website www.pilger-speyer.de ist für den Inhalt einzelner Beiträge nicht verantwortlich. Hier finden Sie die  ausführlichen Nutzungsbedingungen und Regeln zur Kommentarfunktion.

Zurück zum Archiv

Anzeige

Abo der Pilger

Bestellen Sie bequem online Ihre persönliche Ausgabe der Kirchenzeitung.

Anmeldung im Benutzerbereich

Passwort vergessen?
neu registrieren