Kultur

Donnerstag, 23. Februar 2017

Paradoxes Spiel von Flieh- und Bindekräften

Bräuche in der Fasnachtszeit: Geordnete Regelverstöße in verwurzelten Traditionen

Ausgelassene Fröhlichkeit: In den „tollen Tagen“ genießen es viele Menschen, in andere Rollen zu schlüpfen. Foto: actionpress

Sich extravagant auszustaffieren und zugleich in der Masse nicht aufzufallen, anders als die anderen zu sein und doch unter Gleichen – das ist der Reiz des Karnevals. In den tollen Tagen geben wir unserer Sehnsucht nach, nicht mehr uns selbst zu verkörpern. Wir schlüpfen in die Haut eines Idols oder bringen eine dunkle Seite in uns zum Vorschein. Im Spiel mit der Verkleidung wird noch einmal unsere Kindheit wach, denn nur die Kinder dürfen ihre Rolle ungestraft verlassen. Als jemand anderes können wir unsere Ausgelassenheit umso hemmungsloser ausleben, den inneren Schweinehund von der Leine lassen.

An den tollen Tagen stehen die Werte Kopf. Kein Wunder, dass sich aus dem derben Mummenschanz des Mittelalters der politische Karneval entwickelte, der sich nicht mehr mit rustikalen Rüpeleien begnügte, sondern die Herrschenden parodierte. Die Übergabe rheinischer Rathausschlüssel an die Narren an „Weiberfasnacht“ beschreibt die Sehnsucht nach einer Umkehrung der Verhältnisse. Garderegimenter im rheinischen Karneval persiflieren das strenge Militär. Der seit jeher gerne genutzte klerikale Habit als Kostümierung zeugt noch von einer Zeit, als die Kirche die moralischen Normen bestimmte und die Zeit des Fastens, des „Carne vale“ – „Fleisch, lebe wohl“ – einläutete. Der Karneval schielt auf die Fastenzeit und feiert die Zeit des Fleisches, in der noch einmal richtig zugelangt wird.

Im 21. Jahrhundert kommt dem Vexierspiel mit der eigenen Identität eine andere Bedeutung zu, als zu der Zeit, in der es noch keine Computerspiele gab. Der „Avatar“ ist eine künstliche Figur, in der der Spieler sich seine eigene Identität kreiert. Mittlerweile wird diese Fantasiefigur aus dem Netz in Live-Rollenspielen in die Wirklichkeit zurückverlagert. Menschen verkörpern sie nun in echt, treffen sich zu Mega-Events, um möglichst authentisch ein Wikinger-Dorf zu inszenieren oder Mittelalterschlachten nachzustellen.

Der Kölner Psychologe Wolfgang Oelsner sagte in einem Interview in der „Frankfurter Allgemeinen“, wie wichtig es sei, die kollektive Entgrenzung zu kanalisieren: „Die Karnevalsvereine bemühen sich darum, diesem Fest des scheinbaren Unsinns einen Sinn zu geben und auf ihr Regelwerk aufmerksam zu machen. Ein Fest, das derart Affekte und Triebe freilegt, braucht eine gewisse Ritualisierung. Wenn diese im Brauchtum verankert ist, kann man am ehesten verhindern, das alles im Chaos endet.“

Oelsner attestiert dem Karneval, ein Spiel von Flieh- und Bindekräften zu sein: „Das Paradoxe daran ist, dass der Karneval einerseits dazu dient, Anarchie zu inszenieren. Auf der anderen gibt es aber nichts Konservativeres als das Singen von Karnevalsliedern, in denen man sich ständig zu einer Region bekennt.“

Die Konformität des geordneten Regelverstoßes, eingebunden in verwurzelte Traditionen, ist in der alemannischen Fasnacht noch tiefer ausgeprägt als in Regionen rheinischen Frohsinns. Das „Häs“, das Narrenkleid und die geschnitzten Holzmasken unterscheiden sich von Stadt zu Stadt. Eines eint sie: Sie erinnern noch an die archaischen Dämonen, Hexen und Teufel. Die Masken werden als Gegenzauber eingesetzt und bewirken zweierlei: Sie sollen den Schrecken erschrecken, indem sie ihn zurückspiegeln. Außerdem macht man sich durch die Maskierung unkenntlich, so dass einem die bösen Geister nichts anhaben können.

Und wenn doch? Was bedeutet es heute für unsere Sehnsucht nach Verkleidung, wenn die Vermummung als gesellschaftliche Bedrohung angesehen wird? War es in den 1980er Jahren noch die Geißel Aids, die vielen nicht nur den Karneval in Rio verdarb, so ist es heute der Terror, der hinter jeder Maske lauern könnte. Die „Horrorclowns“ der vergangenen Monate, die Menschen wahllos verletzten, haben vielerorts den Spaß an der Kostümierung gedämpft.

Unser Wunsch, uns zumindest an gewissen Tagen in beschützter Umgebung in Verwegenheit zu üben, wird dennoch nie ganz verschwinden. Er ist eine anthropologische Konstante. Dem echten Narren bangt nur vor dem Aschermittwoch. (red)

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