Kirche und Welt

Donnerstag, 09. August 2018

Prägende theologische Figur des 20. Jahrhunderts

Der Münsteraner Theologe Johann Baptist Metz feierte am 5. August seinen 90. Geburtstag

Johann Baptist Metz 1980. Metz zeichnet sich bis heute durch seine leidenschaftlichen Diskussionsbeiträge aus. Foto: KNA

Er zählt zu den bedeutendsten Theologen des 20. Jahrhunderts und hatte Einfluss auf die lateinamerikanische Befreiungstheologie, die ihn ihrerseits inspirierte: Er hat in den vergangenen Jahrzehnten die Theologie im intellektuellen Diskurs mitsprachefähig gemacht. Am 5. August feierte Metz seinen 90. Geburtstag. Die Uni Münster will ihn am 15. September mit einem Festakt ehren.

Seinem Alter entsprechend geht es Metz gut. Sein Leben ist untrennbar mit einem tragischen Ereignis verbunden: Als 16-Jähriger kehrt er am Ende des Zweiten Weltkriegs zu seiner Kompanie zurück. Und findet „nur noch Tote, lauter Tote“ – überrollt von einem Jagdbomber- und Panzerangriff. „Ich konnte ihnen allen, mit denen ich noch tags zuvor Kinderängste und Jungenlachen geteilt hatte, nur noch ins erloschene tote Antlitz sehen. Ich erinnere nichts als einen lautlosen Schrei.“

Es ist diese Grunderfahrung, die Metz bewegt und ihn nach Gott und Gerechtigkeit für die unschuldigen Opfer fragen lässt. Wie überhaupt, so Metz, ist nach der Menschheitskatastrophe von Auschwitz noch eine Rede von Gott, eine Theologie, möglich? Seine eigene Gotteserfahrung beschreibt er als „Erfahrung des Leidens an Gott“, wie sie sich nicht zuletzt im Schrei Jesu am Kreuz verdichtet – „der Schrei jenes Gottverlassenen, der seinerseits seinen Gott nie verlassen hatte“.

Weil er die Opfer der Geschichte, die Ausgegrenzten und Wehrlosen, nicht vergessen will und kann, entwickelt er seine „Neue Politische Theologie“. Neu, weil Carl Schmitt (1888 bis 1985) in der Weimarer Republik glaubte, Totalitätsanspruch und Führerdenken theologisch rechtfertigen zu können. Davon will und muss sich Metz absetzen. Der Oberpfälzer aus der „erzkatholischen Kleinstadt“ Auerbach, der von 1963 bis 1993 Fundamentaltheologie in Münster lehrt und dort seinen Lebensabend verbringt, tritt für eine Spiritualität ein, die für Leid empfindsam ist. „Compassion“ heißt der Schlüsselbegriff, der mit „Mitgefühl“ und „Empfindsamkeit“ nur ungenau übersetzt ist. Davon ausgehend will Metz Korrekturen.

Bei aller Intellektualität ist Metz Priester und Seelsorger. Die „Kultur der Empfindsamkeit“ ist für ihn keine wissenschaftliche Attitüde, sondern Realität seines Lebens. Er kritisiert „monströse Großraumpfarreien“ und wirbt für Gemeinden, die „lernbereite Erzählgemeinschaften“ bilden – und zwar „Jenseits bürgerlicher Religion“, wie sein wohl wichtigstes Buch heißt.

Der Kirche etwa hält er vor, einseitig Sünde und Erlösung der Täter in den Mittelpunkt gerückt zu haben: „Schließlich galt Jesu erster Blick nicht der Sünde der anderen, sondern dem Leid der anderen.“

Mit Blick auf die Religionsfreiheit fordert Metz, die historische Wahrheit nicht zu unterschlagen: Glaubens- und Gewissensfreiheit, die die Kirche heute für sich und andere reklamiere, seien gegen sie erstritten worden, vor allem von der Reformation und der politischen Aufklärung.

Den Leitungsstil und die Grundanliegen des Papstes aus Argentinien sieht Metz grundsätzlich positiv. Aber dennoch merkt er an: Die Rede von den Armen allein genüge nicht; sie könne erst universal gelten und auch Nicht-Glaubende verpflichten, wenn sie „auf die Leidenden ausgeweitet“ werde. (Michael Jacquemain)

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