Kirche und Welt

Donnerstag, 25. Februar 2016

Priorität für Flüchtlinge

Bischöfe legen bei Vollversammlung Leitbild für ihre Flüchtlingsarbeit vor

Frühjahrsvollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz im Kloster Schöntal. Bei einem „Markt der Möglichkeiten“ stellten Hilfswerke aus der Diözese Rottenburg-Stuttgart ihre Flüchtlingsarbeit vor. Foto: KNA

In der Politik spitzt sich der Streit um das Flüchtlingsthema weiter zu – und die deutschen Bischöfe positionieren sich eindeutig. Zum Abschluss ihrer Vollversammlung in Kloster Schöntal verabschieden sie ein Leitbild, das es in sich hat.

„Prioritäten setzen“ will die katholische Kirche beim Thema Flüchtlinge – und dazu gehört nicht der Schlagabtausch mit der Chefin der rechtspopulistischen AfD, Frauke Petry. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, kann nach eigenem Bekunden „nicht erkennen“, dass deren in einem Zeitungsinterview erhobenen Vorwürfe stimmten. Petry hatte die Position der Kirche als verlogen bezeichnet und gesagt, einige Bischöfe kümmerten sich mehr um Muslime als um ihre christlichen Glaubensbrüder.

Marx zeigte am 18. Februar nach dem Ende der Frühjahrsvollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz im baden-württembergischen Schöntal sichtlich wenig Interesse, näher auf Petrys Äußerungen einzugehen. Prioritäten, das sind für ihn beispielsweise die Lage im syrischen Aleppo oder ertrinkende Flüchtlinge im Mittelmeer. Und Marx stellte die am Vormittag des 18. Februar verabschiedeten Leitsätze für die kirchliche Flüchtlingsarbeit vor, die er als Ermutigung für alle haupt- und ehrenamtlich Engagierten verstanden wissen will. Demnach will die Kirche ihre bisherige Arbeit fortsetzen und sogar ausweiten – und dabei zugleich „immer auch das Wohl der gesamten Gesellschaft und insbesondere die Bedürfnisse der benachteiligten Menschen in unserem Land im Blick“ haben.

Diese Fürsorge entspricht nach den Worten der Bischöfe dem Selbstverständnis der Kirche. Ansonsten gäbe sie ihre Identität auf, so Marx. In dem Papier gehen die Bischöfe auf konkrete Schritte kirchennaher Institutionen ein, etwa den Wohnungsbau, die bessere berufliche Qualifikation von Flüchtlingen, die medizinische und psychotherapeutische Versorgung Asylsuchender sowie die Unterstützung allein reisender Kinder und Frauen.

Auf Einladung der Bischöfe hatten sich Politiker aus Nord und Süd auf den Weg in die alte Zisterzienserabtei gemacht. Nach dem einstündigen Treffen zeigte sich Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) ebenso zufrieden wie der bayerische Innenminister Joachim Herrmann (CSU). Scholz wörtlich: „Die Bischöfe sind hier die richtigen Gesprächspartner.“ Er lehnte Obergrenzen für Flüchtlinge erneut ab – ebenso wie die Bischöfe, anders als Herrmanns CSU. Allerdings, darauf legte Marx Wert, fiel das Wort Obergrenze in der ganzen Debatte nicht einmal.

Besonders großen Eindruck in dem idyllisch gelegenen Kloster hinterließ ein Amtsbruder der deutschen Oberhirten: Erzbischof Francesco Montenegro aus Sizilien, der auch für die Flüchtlingsinsel Lampedusa zuständig ist und vor einem Jahr völlig überraschend Kardinal wurde. Ebenso ruhig wie entschieden wandte er sich gegen eine schnelle Rückführung etwa von Bootsflüchtlingen. „Wir haben die Pflicht, diese Menschen aufzunehmen.“ Viele Frauen seien auf ihrer monatelangen Flucht mehrfach vergewaltigt worden, auch andere Geflüchtete seien oft stark traumatisiert. Der Hildesheimer Bischof Norbert Trelle sagte, Montenegro verleihe vielen Flüchtlingen „eine unüberhörbare Stimme“.

Ähnlich der Mainzer Kardinal Karl Lehmann, der kurzfristig seine Teilnahme an der Vollversammlung aus gesundheitlichen Gründen abgesagt hatte. Daher wurde seine vorbereitete Predigt verlesen. Darin fordert Lehmann gegenüber Flüchtlingen eine Haltung der Nächstenliebe. Bereits im Alten Testament der Bibel werde betont, dass man den Fremden lieben solle „wie sich selbst“. In Schöntal hätte der langjährige Vorsitzende der Konferenz vermutlich zum letzten Mal als amtierender Bischof an einer Vollversammlung teilgenommen. Im Mai wird er 80 und dann nimmt der Papst üblicherweise den Rücktritt eines Kardinals an.

Neben der Flüchtlingsfrage, die das viertägige Treffen dominierte, ging es natürlich noch um weitere Fragen: etwa um das katholische Schulwesen, um das Reformationsgedenken 2017, um Genmanipulationen an Embryonen, um den nächsten Weltjugendtag in Krakau. Bei alledem war aber klar: In Schöntal wollten die Bischöfe Prioritäten setzen. (Michael Jacquemain und Thomas Winkel)

Der Leitbild-Text der Bischöfe zur Flüchtlingsarbeit findet sich auf unserer Homepage www.pilger-speyer.de unter Menü-Punkt „Im Wortlaut“

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