Kultur

Mittwoch, 21. November 2018

Promenadologie, die Spaziergangwissenschaft

Bistum Speyer als Mitorganisator von „Faire Spaziergänge“ in Kaiserslautern und Speyer

Ein Spaziergang ist mehr als nur Pflichtprogramm nach dem Sonntagsbraten. Foto: Adobe Stock

Es ist eine Wissenschaft für sich: das Spazierengehen. Früher war der Sonntagsspaziergang für Familien Pflichtprogramm nach dem Sonntagsbraten. Generationen pflegten dieses Ritual – bis der klassische Spaziergang aus der Mode kam. Flanieren, Schlendern, ziellos Umherstreifen passte nicht mehr zu dem durchgetakteten Alltag einer Generation, die ihre Schritte zählt und den Kalorienverbrauch errechnet. Doch der Spaziergang kehrt zurück: Als Geschäftsmodell, Wissenschaft, Philosophie und als Weg, die Welt zu verändern. 

„Spazieren schafft Schönheit“, ist das Credo von Professor Martin Schmitz, Spaziergangswissenschaftler an der Kunsthochschule Kassel. Auch ist er professionell unterwegs, wenn er mit seinen Studenten spazieren geht. Gegründet wurde der Lehrstuhl für Spaziergangswissenschaft in den 1980er Jahren vom Schweizer Soziologen Lucius Burckhardt.

Dieser hat die Promenadologie als Wissenschaft ins Leben gerufen, die vor allem für Designer, Städtebauer und Architekten eine wichtige Rolle spielt. Dabei werde der Zusammenhang zwischen Bewegung, Wahrnehmung und Gestaltung erforscht, erklärt der Spaziergangswissenschaftler. „Es geht darum, sich völlig unvorbereitet den eigenen Stadtraum oder die umgebende Landschaft zu erschließen.“ Wissenschaftlich betrachtet sei das Spazierengehen das ziellose, vorurteilsfreie und absichtslose Herumschweifen, ohne genaue Vorstellung von dem Ziel zu haben.

Spazierengehen als Methode gibt es seit langem schon in der Philosophie: „Ich kann nur beim Gehen nachdenken. Bleibe ich stehen, tun dies auch meine Gedanken“, schrieb der Philosoph Jean-Jacques Rousseau (1712 bis 1778), der damit auf den Spuren von Aristoteles und Co. wandelte: Die sogenannten Peripatetiker trafen sich zu philosophischen Spaziergängen in einer Wandelhalle, griechisch Peripatos. Sie glaubten, dass das Denken erst so richtig beim Spazieren in Gang komme. Schmitz kann das bestätigen: „Gehen hat einen unglaublichen Beschleunigungseffekt auf das Denken und das Mitteilen der Gedanken.“

Dass Spazierengehen die Welt verändern kann, glaubt auch Silke Scheidel von der Evangelischen Arbeitsstelle Bildung und Gesellschaft in Kaiserslautern. Zusammen mit der Frauenarbeit im Bistum Speyer organisiert sie „Faire Spaziergänge“ in Kaiserslautern und Speyer. „Wir gehen miteinander durch die Stadt und schauen uns vor allem positive Beispiele an“, sagt Scheidel. Im Blick hat sie dabei besonders die Arbeitsbedingungen und die Ökobilanz der Produkte, die in den Schaufenstern liegen.„Wir wollen Schritt für Schritt zu einer faireren, nachhaltigeren Gesellschaft kommen“, sagt Scheidel. Die Flaneure werden auf die Läden aufmerksam gemacht, die sich für faire Arbeitsbedingungen und Nachhaltigkeit engagieren. Die nächsten „Fairen Spaziergänge“ sind für Herbst 2019 geplant.

Für einen gelungenen Spaziergang empfiehlt der Fachmann Schmitz übrigens: „Einfach an Orte gehen, an denen man schon lange nicht mehr oder noch nie war.“ Auch privat flaniert der Kasseler Spaziergangswissenschaftler gerne – mit Vorliebe am Sonntag. (epd)

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