Geistliches Leben

Donnerstag, 27. Oktober 2016

Raus aus der Beobachterrolle

Wie Jesus dem Zöllner Zachäus einen neuen Anfang ermöglicht – Gedanken zum Lukas-Evangelium 19, 1–10 von Pastoralreferent Dr. Thomas Stubenrauch

Kennen Sie Waldorf und Statler? Die beiden kauzigen Opas aus der Muppet-Show? Bei jeder Vorstellung saßen sie in ihrer Loge und beobachteten genüsslich das Geschehen auf der Bühne. Keiner war vor ihrem Sarkasmus sicher. Miss Piggy machten sie wegen ihres divenhaften Auftretens lächerlich, den dänischen Koch wegen seiner ungewöhnlichen Rezepte. Und an den linkischen Versuchen von Kermit dem Frosch, das Chaos vor und hinter der Bühne im Griff zu behalten, ließen sie erst recht kein gutes Haar.

Ja, es hat viele Vorteile, wenn man nicht selbst auf der Bühne stehen muss, sondern in der Loge sitzt. Man kann ungehemmt lachen, wenn andere sich blamieren; ungeniert kritisieren, wenn jemand einen Fehler macht.
Was im Theater funktioniert, gibt es auch im echten Leben: Menschen, die bei politischen oder gesellschaftlichen Themen besserwisserisch mitdiskutieren, aber selbst keine Verantwortung als Mandatsträger übernehmen. Menschen, die zwar große Reden über Umweltschutz und globale Gerechtigkeit schwingen, aber selbst nicht bereit sind, ihren Lebensstil zu ändern.

Auch im geistlichen Leben kann ich Beobachter bleiben. Wenn ich zwar Sonntag für Sonntag den Gottesdienst mitfeiere und dabei die Schriftworte höre, das Gehörte aber nicht mit meinem Leben in Beziehung setze, sondern stattdessen lieber den Prediger kritisiere. Wenn ich mehr oder weniger fromm das Credo und das Vaterunser mitbete, aber alles dafür tue, dass mein Leben so weitergeht wie bisher. Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass! – Nach dieser Devise leben nicht wenige Christinnen und Christen …

Von einem, der auch lieber Beobachter bleiben wollte, erzählt das Sonntagsevangelium. Der Zöllner Zachäus erfährt, dass Jesus in die Stadt kommt. Sicher hat er schon viel gehört von dem Rabbi aus Nazaret, von seinen aufrüttelnden Predigten, anrührenden Gleichnissen und Hoffnung schenkenden Wundern. Das will er sich nicht entgehen lassen. Aber ja nicht in der ersten Reihe, sondern lieber als stiller Zuschauer – auf einem Baum.

In der Bibel heißt es: Er war so klein, dass ihm die Menschenmenge den Weg versperrte. Das aber gab es öfters, dass Menschen von sich aus nicht in der Lage waren, um ganz nah an Jesus heranzukommen: die vier Männer, die einen Gelähmten auf einer Trage zu Jesus bringen wollten; der blinde Bartimäus, der nicht sehen konnte, wo Jesus war. Doch im Gegensatz zu Zachäus fanden sie Mittel und Wege, um Jesus ganz nahe zu sein: Die einen stiegen aufs Dach, der andere rief so laut er konnte.

Zachäus aber scheint es ganz recht zu sein, dass ihm seine Größe einen Vorwand gibt, um auf einen Baum zu steigen und so auf Distanz zu bleiben. So kann er Jesus sehen, ohne von ihm gesehen zu werden. Er kann Jesu Worte hören, ohne sich selbst angesprochen zu fühlen. Er kann sich den Pelz waschen lassen, ohne fürchten zu müssen, dass er selbst dabei nass wird.

Doch Jesus will keine Zuschauer. Er sieht dem ungeliebten Zollpächter in die Augen, spricht ihn an und lädt sich zu ihm nach Hause ein. Und Zachäus? Schnell – steigt er herunter. Freudig – nimmt er Jesus auf. Er ergreift die Chance, die Jesus ihm bietet, seinem Leben eine neue Richtung und mehr Tiefe zu geben. Er achtet nicht mehr länger zuerst darauf, was die anderen denken, sondern was hier und jetzt das Richtige ist. Er hat nicht länger Angst davor, sein Leben zu ändern, sondern tut das, was er als Willen Gottes erkennt.

Aus einem Beobachter ist ein Angesehener geworden. Aus einem passiv Abwartenden einer, der sein Leben in die Hand nimmt. Aus einem, der mit dem Finger auf andere zeigt, einer, der das eigene Unrecht erkennt und seinen Reichtum mit vollen Händen an die verteilt, an denen er schuldig geworden ist.
Die Begegnung mit Jesus war dafür der Auslöser. Doch – ich glaube, begonnen hat die Verwandlung des Zachäus schon vorher: mit der Sehnsucht. Der Sehnsucht nach mehr Leben, nach echten Beziehungen, nach einem tragenden Sinn – die durchs Beobachten allein nicht gestillt wird. Jesus hat ihm gezeigt, dass ein Leben in Gemeinschaft mit ihm diese Sehnsucht stillt. Das aber hat seinen Preis. Es kostet die Überwindung, vom Baum zu steigen, das heißt: die Beobachterrolle aufzugeben, sich angreifbar zu machen und Konsequenzen in Kauf zu nehmen. Doch die Begegnung mit Jesus hat ihm ebenso gezeigt, dass der Gewinn den Einsatz bei weitem übersteigt: ein Leben in Fülle!

Und wann steigen Sie vom Baum?

Schreiben Sie Ihre Meinung zu diesem Beitrag an:  Dr. Thomas Stubenrauch
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