Im Gespräch

Donnerstag, 21. Dezember 2017

Religionsfreiheit weltweit bedroht

Kirchen sehen das Recht auf Glaubenswechsel als Lackmustest

Nur die Fassade ist stehen geblieben. Die zerstörte Kirche von Karakosch, südöstlich von Mossul, ist nur eine von vielen im Irak. Foto: KNA

Das Recht auf Religionsfreiheit ist keineswegs selbstverständlich. Immer öfter werden Menschen wegen ihres Glaubens unterdrückt oder verfolgt.

Trauriges Beispiel aus jüngster Zeit. Erst am Sonntag (17. Dezember) wurden bei einem Selbstmordanschlag  auf eine Kirche in Pakistan mindestens acht Menschen getötet. Der IS bekannte sich zu der Bluttat. Laut Medienberichten galt das Attentat einer methodistischen Kirche im westpakistanischen Quetta. In dem Gebäude hatten sich demnach mehr als 400 Menschen zum Gottesdienst versammelt. An dem Anschlag seien mindestens zwei Terroristen beteiligt gewesen, hieß es. Einer der beiden höchsten 20 Jahre alten Männer habe seinen Sprengstoffgürtel am Eingang der Kirche gezündet, sein Komplize sei von der Polizei erschossen worden. Die beiden Attentäter hätten jeweils 15 Kilogramm Sprengstoff am Körper getragen, sagte ein Polizeisprecher. Das schnelle Eingreifen der Sicherheitskräfte habe eine größere Tragödie verhindert.

Christen gehen in Papkistan einen Leidensweg, Bibi zum Beispiel. Seit 2009 sitzt sie in Haft. Die Mutter von fünf Kindern wurde von einem Gericht zum Tode verurteilt. Ihr Vergehen: Sie soll in einem Wortgefecht mit muslimischen Frauen den Propheten Mohammed beleidigt haben. Dafür drohte ihr in Pakistan die Todesstrafe. Asia Bibi ist mittlerweile zu einer Symbolfigur geworden für die ungezählten Menschen, die aus religiösen Gründen verfolgt werden. Am 15. Dezember stellten die evangelische und die katholische Kirche in Deutschland einen gemeinsamen Bericht vor, der die Verletzungen des Rechts auf Religionsfreiheit weltweit dokumentiert und analysiert.

Der erste Bericht von Deutscher Bischofskonferenz und Evangelischer Kirche in Deutschland zu diesem heiklen Thema liegt vier Jahre zurück. 2013 fand er ein breites Echo. Die Bundesregierung nutzte ihn 2016 als eine Quelle für ihren umfassenden Bericht zur Lage der Religions- und Weltanschauungsfreiheit weltweit. Seit 2013 hat die religiöse Unterdrückung nach Meinung der Autoren des neuen Berichts im Weltmaßstab weiter zugenommen.

Nicht nur Pakistan sieht für Blasphemie drakonische Strafen vor: von Geldstrafen über lebenslange Haft bis hin zur Todesstrafe. Ähnlich scharfe Gesetze gelten in mehrheitlich muslimisch geprägten Ländern wie Jemen, Ägypten, Malaysia oder Indonesien. Häufig werden diese Regelungen auch missbraucht, um private Fehden auszutragen. Recherchen im Fall Bibi zeigten, dass die Anzeige gegen die Christin die Fortführung privater Auseinandersetzungen war.

In Pakistan ist der sunnitische Islam Staatsreligion. Wer sich vom Islam abwendet und etwa zum Christentum konvertiert, wird mit dem Tode bedroht. Die Urteilsvollstreckungen können meistens verhindert werden; dennoch lastet ein enormer Druck auf den Konvertiten. Hinzu kommt die gesellschaftliche Ächtung. Auch eine muslimische Frau aus Kirgistan kostete der Übertritt zum Christentum fast das Leben. Ihre Verwandten wollten sie töten, sie empfanden die Konversion als Schändung der Familienehre. Die Frau wurde gewarnt und konnte entkommen. Bis heute darf niemand wissen, wo sie lebt.

Der Glaubenswechsel führt zudem häufig zu sozialer Stigmatisierung. Konvertiten werden nicht selten als Verräter angesehen, die sich für Geld von ausländischen Missionaren kaufen lassen. Der Bericht der Kirchen schildert anonym den Fall eines jungen Tunesiers. Er wurde als Missionar beschimpft, nachdem er Christ geworden war. Sein Vater setzte ihn massiv unter Druck: „Ihm wäre es wohl am liebsten, wenn ich tot wäre“, so der junge Mann. Tarek floh nach Deutschland, ließ sich in einer evangelischen Kirchengemeinde taufen und kämpft nun um sein Bleiberecht.

Wie die Staaten mit Glaubenswechsel oder Glaubensabfall umgehen, sei gewissermaßen der Lackmustest dafür, ob sie das Menschenrecht auf Religionsfreiheit respektieren, erklärte die evangelische Bischöfin Petra Bosse-Huber bei der Vorstellung des Berichts in Berlin. Sie erinnerte daran, dass auch im Iran und in Saudi-Arabien der Abfall vom islamischen Glauben ein Kapitalverbrechen sei.

Nicht nur Staaten, auch Terroristen unterdrücken die Religionsfreiheit. So verbreitet etwa in Nigeria die Terrororganisation Boko Haram Angst und Schrecken unter allen, die nicht strenggläubige Muslime nach ihren Standards sind. Laut Bericht sind seit 2011 mehr als 28000 Menschen getötet worden; 1,8 Millionen Nigerianer sind in ihrem eigenen Land auf der Flucht.

Das Schicksal der Menschen in Nigeria steht dieses Jahr auch im Mittelpunkt des Weltgebetstags für Verfolgte und bedrängte Christen. Besonders die Christen des Landes litten unter islamistischer Gewalt, so Erzbischof Ludwig Schick (Bamberg), der den Bericht für die katholische Seite vorstellte. Der Gebetstag für die verfolgten Christen wird am Gedenktag des Märtyrers Stephanus am 26. Dezember begangen. (Dana Kim Hansen)

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