Geistliches Leben

Mittwoch, 23. Mai 2018

Sabbat – Sonntag, ein Streitpunkt

Gedanken zum Markus-Evangelium 2, 23–3,6 von Diakon Hartmut von Ehr

Was sagt der 6.Januar eines Jahres den Pfälzern im Rheingraben und der 15.August den Westpfälzern? Richtig! Invasionen von Kauflustigen strömen über die Landesgrenzen. 

Das Grundgesetz stellt den Sonn- und Feiertag unter einen besonderen Schutz. Das Arbeitszeitgesetz legt zudem fest, dass Arbeitnehmer an „Sonn- und gesetzlichen Feiertagen von 0 bis 24 Uhr nicht beschäftigt werden“ dürfen. Doch es gibt längst Ausnahmen: Immer häufiger zum Beispiel stellen Kommunen Anträge auf verkaufsoffene Sonntage, damit Kunden an ihren freien Tagen einkaufen können.

Anderes Beispiel: Im Advent 2015 hatte Amazon in Rheinberg Sonntagsarbeit angeordnet. Doch die Genehmigung dafür war rechtswidrig. Die Sonntagsruhe müsse geschützt werden, so ein Gericht. Es sei nicht erkennbar, dass „Amazon ohne Bewilligung der Sonntagsarbeit ein so großer Schaden entstanden wäre, dass dieser das Interesse am Erhalt der Sonntagsruhe hätte überwiegen können“, heißt es im Urteil.

Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Zumal sowieso schon jeder fünfte Arbeitnehmer in Deutschland arbeiten muss. In der Pflege ist jeder Zweite von regelmäßiger Sonntagsarbeit betroffen. Ebenso in der Gastronomie, den Medien, bei  Polizei und Feuerwehr und in größeren Betrieben, bei denen die Produktion nicht gestoppt werden kann. 

Arbeitsmarktexperten erklären den Trend zur Sonn- und Feiertagsarbeit mit dem Vormarsch der Dienstleistungsgesellschaft und der Digitalisierung sowie dem demografischen Wandel. „Wir sehen einen Trend zur Rund-um-die-Uhr-Gesellschaft“, heißt es dazu bei der Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di, die mit kirchlichen Arbeitnehmerorganisationen eine Allianz für den freien Sonntag gegründet hat.

Würde sich diese Resolution auch gegen das Vorgehen Jesu im heutigen Evangelium richten? Auch hier geht es um die Sabbat-Ruhe. Das hebräische Wort „Sabbat“ ist abgeleitet von dem gleichlautenden Verb „sabbat“, und das heißt „aufhören“. An diesem Tag haben die Arbeiten und Beschäftigungen aufzuhören.

Die Pharisäer hielten sich streng an Gottes Gebote. Sie taten es aus einem tieferen Sinn. Der siebte Tag der Woche als Tag Gottes zeichnet sich durch das Unterlassen von Arbeit aus. Stattdessen sollen sein Rast und Ruhe, Freiheit und Friede, Fülle und Fest. Der Sabbat, später der christliche Sonntag, ist ein Bild, ein Vor-bild, ein Vorschein der künftig allumfassend heilen und heiligen Welt. Deshalb darf es nicht anders sein: Juden und Christen sollen sich der Heiligkeit des Tages entsprechend verhalten.

Eine Einschränkung macht Jesus allerdings. Dabei erinnert er an eine Episode aus dem Leben Davids, des großen Königs Israels. Dieser hatte sich das geweihte Brot aus dem Tempel geholt, um damit seinen und seiner Freunde Hunger zu stillen. Ein Sakrileg! Allerdings: Bei David spielte sich dieser Zwischenfall nicht an einem Sabbat ab. Auch das macht deutlich: Es geht Jesus nicht um den Sabbat als solchen, sondern um den Umgang mit religiösen Vorschriften, mit Regeln und Ordnungen. Jesus will sagen: Wenn ein Grundbedürfnis des Lebens wie Hunger befriedigt und Not gelindert werden sollen, dann dürfen Regeln, die für sich genommen durchaus sinnvoll sind, keine unüberwindbaren Hindernisse darstellen.

Also: Die Gültigkeit des Dritten Gebotes „Du sollst den Feiertag heiligen" stellt Jesus nicht in Frage. Jesus wird mit den Jüngern am Sabbat den Synagogengottesdienst besucht haben. Er wird sich auch an die vielfältigen Sabbatvorschriften gehalten haben. In der Bergpredigt betont Jesus ausdrücklich, dass er kein Jota  an den Geboten Gottes verändern will. Wer also aus dem Streitgespräch über das Ruhetagsgebot eine grundsätzliche Ablehnung von gesetzlichen Vorschriften durch Jesus ableiten will, der liegt falsch.

Der Sonntag sollte Sonntag bleiben!

Es bleibt die Frage: Müssten wir nicht anfangen aufzuhören? Aufhören, mit unseren schulpflichtigen Kindern am Sonntag die Hausaufgaben zu machen? Aufhören, am verkaufsoffenen Sonntag unbedingt einkaufen zu gehen? Aufhören, am Sonntagabend die beruflichen Mails zu checken? Aufhören, Hemden zu bügeln, Kellerregale zu zimmern, Bäume zu schneiden und und und. Müssten wir nicht anfangen, damit aufzuhören: sonntags?

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