Geistliches Leben

Donnerstag, 07. Juli 2016

Schaut den Menschen ins Gesicht

Beispiel vom Barmherzigen Samariter stellt uns vor große Herausforderungen – Gedanken zum Lukas-Evangelium 10, 25–37 von Pfarrer i.R. Bernhard Lin­vers

Die Beispielerzählung vom „Barmherzigen Samariter“ wird ausgelöst durch die Frage eines Gesetzeslehrers; da fragt ein ausgebildeter Theologe einen – theologischen – Laien nach den Bedingungen für das „ewige Leben“. Er fragt, um Jesus auf die Probe zu stellen. Mit einer Gegenfrage verweist Jesus auf das Gesetz über die Gottes- und Nächstenliebe, das der „Theologe“ ja kennen muss. Dann spitzt sich die Frage zu: „Wer ist denn mein Nächster“?

Jesus schildert eine Szene, die seinen Zuhörern bestens bekannt ist, denn auf dem Weg von Jerusalem nach Jericho lungerten Banden, die Reisende überfielen. Und so erzählt Jesus: Ein solch Überfallener lag am Straßenrand, da kam ein Priester vorbei – er kam vom Tempeldienst und war auf dem Heimweg. Ein Priester auf dem Weg zum bzw. vom Tempeldienst durfte kein Menschenblut berühren. So ging er an dem Verletzten vorbei und erfüllte somit sein religiöses Gesetz. Der Levit – eine Art „Tempeldiener“ – nimmt sich den Priester zum Vorbild und macht es genauso.   

Der dritte Mann, der sich des Verwundeten annimmt, ist ausgerechnet ein Samariter. Juden und Samariter waren Erzfeinde. Als die Juden aus der babylonischen Gefangenschaft heimkehrten, wollten die Samariter ihnen helfen, den Tempel wieder aufzubauen, was die Juden ablehnten. Darauf bauten die Samariter auf dem Berg Garizim ihren eigenen Tempel; es kam zum endgültigen religiösen und kulturellen Bruch. Im Neuen Testament finden sich mehrere Hinweise, dass dieser Bruch auch zur Zeit Jesu noch bestand. So hatten die Samariter während des Paschafestes im Tempel Totengebeine ausgestreut, was diesen Hass noch steigerte.

Einen Samariter stellt Jesus nun als Beispiel für ein menschenwürdiges Verhalten dar; der Priester und der Levit stehen für das jüdische Gesetz und den Kult. Damit verscherzt Jesus sich die Sympathie des Gesetzeslehrers; er macht aber auch deutlich, dass der Liebe zum Mitmenschen keinerlei Schranken gesetzt sind. Der unter die Räuber gefallene Unbekannte erinnert daran, dass Gesetz und Kult sich im zwischenmenschlichen Bereich tödlich auswirken, wenn sie nicht dazu dienen, den Blick auf den leidenden Mitmenschen zu lenken.                  

Jesus radikalisiert das Liebesgebot. Der Gesetzeslehrer geht von der Frage aus: „Wer ist mein Nächster?“ Jesus dreht diese Frage um: Es geht nicht darum festzulegen, wer in welchen Fällen mein Nächster werden kann, sondern darum, dass ich einem anderen Nächster werde, dass ich mich ihm als Nächster erweise. Die Situation des Anderen ist bestimmend, dass ich Nächster werde. Wenn ich mich von seiner Situation ansprechen, anrühren lasse, wenn mich seine Situation zum Handeln herausfordert, werde ich ihm Nächster. Und dann ist es vollkommen unwichtig, welcher Rasse oder welcher Hautfarbe einer angehört, in welcher sozialen Schicht ein Mensch lebt, ob es sich um körperliche, geistige oder seelische Nöte handelt. Die Frage ist auch nicht, ob einer Christ, Jude oder Muslim, ob Hindu oder Buddhist ist, die Frage lautet: „Was bist Du für ein Mensch?“                              

Jesus will mit dieser Beispielgeschichte vom barmherzigen Samariter daran erinnern, dass das Gebot der Nächstenliebe über alle nationalen Grenzen und ideologischen Schranken hinausreicht und auch gegenüber Andersdenkenden und Andersgläubigen seine Gültigkeit behält. „Handle danach und du wirst leben“, ermutigt Jesus den Gesetzeslehrer. Was immer über Gottes- bzw. Nächstenliebe gesagt wird, erweist sich als leeres Gerede, wenn man in Gott nicht seinen Vater und seine Mutter erkennt und in jedem Menschen seine Schwester und seinen Bruder.

Sicher ist unsere Situation heute viel komplexer, und wir sehen eine fast unüberschaubare Fülle von Herausforderungen; und immer wieder hören und lesen wir, wie Menschen ausgenutzt werden, die konkret helfen wollten. Vielleicht müssten wir alle noch kreativer werden, um Visionen zu entwickeln.  Papst Franziskus sagte vor einigen Wochen bei seinem Besuch auf der Insel Lesbos: „Schaut den Menschen ins Gesicht und hört ihre Geschichte!“ Dann können wir versuchen zu handeln – jeder nach seinen Erfahrungen.

Schreiben Sie Ihre Meinung zu diesem Beitrag an:  Redaktion
Keine Kommentare

Pilger-Community

Um Kommentare verfassen zu können müssen Sie in der Pilger-Community angemeldet sein.

Falls Sie noch kein Benutzerkonto haben, können Sie sich
hier kostenlos registrieren.

Die Kommentarfunktion dient dem Austausch der Pilger-Community untereinander. Alle Kommentare drücken ausschließlich die Ansichten der Autoren (Nutzer) selbst aus. Der Betreiber der Website www.pilger-speyer.de ist für den Inhalt einzelner Beiträge nicht verantwortlich. Hier finden Sie die  ausführlichen Nutzungsbedingungen und Regeln zur Kommentarfunktion.

Zurück zum Archiv

Anzeige

Abo der Pilger

Bestellen Sie bequem online Ihre persönliche Ausgabe der Kirchenzeitung.

Anmeldung im Benutzerbereich

Passwort vergessen?
neu registrieren