Geistliches Leben

Donnerstag, 24. August 2017

Schlüsselgewalt

Nicht Macht, sondern Dienst – Gedanken zum Matthäus-Evangelium 16, 13–20 von Pfarrer i.R. Bernhard Lin­vers

Uns älteren Katholiken ist aus diesem Evangelium besonders die Sätze geläufig: „Du bist Petrus, der Fels, und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen…“ Und: „Ich werde dir die Schlüssel des Himmelreiches geben…“ Dies war die Abgrenzung zu den anderen christlichen Kirchen und stellte die Einzigartigkeit unserer Kirche heraus. Inzwischen entdecken wir auch andere Bilder in diesem Text.

Da ist zunächst die Frage Jesu an seine Jünger: „Für wen halten die Leute den Menschensohn?“ Und dann ganz präzise: „Für wen haltet ihr mich?“ Der Evangelist legt Petrus die Worte in den Mund: „Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes.“ Bei dem Wort  „Messias“ schwang bei einem Juden etwas mit wie die Hoffnung Israels auf Befreiung von Versklavung und Unterdrückung. Es klang mit die Sehnsucht nach Gerechtigkeit und Frieden und Heil.

Es genügt nicht, die Beschreibungen, was Jesus für andere bedeutet hat, einfach zu wiederholen, sondern sie müssen mich selbst weiterführen zu der Frage: Was bedeutet Jesus für mich und welche Rolle spielt er in meinem Leben? Ich darf nicht einfach nur nach Petrus rufen und seine Antwort wiederholen, ich muss eine Antwort auf meine Weise geben. In meinem Leben und in meiner Umwelt muss ich schauen, wo ich Menschen helfen kann, freier und verantwortungsvoller zu handeln.

Das Wort: „Sohn Gottes“ – was sagt es mir? In der alten orientalischen Welt besagt das Wort „Sohn“ nicht nur eine biologische Abstammung.Zum Beispiel wurden besonders weise Menschen als „Söhne der Weisheit“ bezeichnet. Das heißt dann für hier:     In diesem Jesus ist Gott ganz und gar „verkörpert“. Ist mir klar, dass ich an diesem Jesus ganz Gott, das Wesen Gottes, den Willen Gottes erkennen kann, und motiviert es mich, am Lebens- und Glaubensstil Jesu etwas für meinen Lebens- und Glaubensstil abzulesen?

Christen müssen über die Grenzen der Konfessionen hinweg – in den verschiedenen Kulturräumen unserer Welt – Bilder über Jesus  Christus, seine Botschaft und sein Leben entwickeln, die in den Menschen etwas aufleuchten lassen, das sie zum Nachdenken und Weiterfragen reizt. Dies ökumenisch zu tun, ist sicher eine interessante und für die Zukunft des Christentums – mindestens in unserm Kulturkreis – überlebenswichtige Aufgabe.

Als Zeichen für seine neue Aufgabe übergibt Jesus dem Petrus Schlüssel. Wir kennen viele künstlerische Darstellungen, in denen Petrus zwei Schlüssel – meistens „über Kreuz“ – in seinen Händen hält. Schlüssel haben sich in Form und Material im Laufe der Menschheitsgeschichte geändert, aus Holz wurde Metall, eine reiche Verzierung mit einem individuellen Bart, elektronische Schlüssel bis hin zu modernen Chips. Wer Schlüssel hat, hat Macht – „Schlüsselgewalt“ sagen wir, zunächst über Maschinen. Mit dem Drehen eines Schlüssels springt der Motor eines Autos an, einer komplexen Technik, einer komplexen Maschine, aber der Mensch ist Herr über die Technik und die Geschwindigkeiten.

Schlüsselgewalt gibt es auch über Menschen; man kann einen Menschen „einsperren“ aber auch „aussperren“. Was dies für die Betroffenen bedeutet, dafür hat jeder von uns sicherlich persönliche Erfahrungen. Und was bedeutet es, wenn in den Familien die Kinder einen eigenen „Hausschlüssel“ bekommen. Welches Vertrauen setze ich in Personen, denen ich beispielsweise für meinen Urlaub einen Wohnungs- und Briefkastenschlüssel überlasse.         

Schlüssel haben dienende Funktionen. So übergibt Jesus dem Petrus die Schlüssel, um die Tür zum Himmelreich zu öffnen. Er selbst ist und bleibt die Tür und so hat Petrus für ihn und die Menschen eine „Dienstfunktion“. Auch im Matthäusevangelium sagt Jesus: „Weh euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler! Ihr verschließt den Menschen das Himmelreich. Ihr selbst geht nicht hinein, aber ihr lasst auch die nicht hinein, die hineingehen wollen“(23,13).

Jesus, der Messias, der Sohn Gottes, wollte nicht, dass wir von der Willkür, der Macht, aber auch nur von dem guten Willen anderer Menschen abhängig würden. Der Schlüssel in der Hand des Petrus ist ein Symbol dafür, dass der Himmel immer für alle offen ist – für alle. Für alle, die durch die Tür ins Leben gehen wollen. So vielfältig, wie die Menschen sind, so vielfältig lädt Jesus sie ein, und so vielfältig können sie ihren Weg gehen.

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