Aus dem Bistum

Mittwoch, 15. August 2018

Sich in der Kirche wirklich zuhause fühlen

Das Bistum Speyer geht mit neuer Initiative auf homosexuelle Frauen und Männer zu

Homosexuelle Paare sollen in der Diözese künftig ganz bewusst willkommen geheißen werden. Foto: Shutterstock

Offiziell fanden sie bislang in der katholischen Kirche kaum Beachtung: Männer und Frauen, die sich zum jeweils gleichen Geschlecht hingezogen fühlen. Denn die Kirche tat sich im Umgang mit Homosexualität schwer, widerspricht sie doch ihrer Sexualmoral. Seit einiger Zeit lässt sich ein Umdenken beobachten, das nun auch im Bistum Speyer spürbar wird.  

Die Diözese hat eine Initiative gestartet, mit der sie auf homosexuelle Frauen und Männer zugehen möchte. Konkret bietet sie sowohl Betroffenen als auch Eltern und Angehörigen Gespräche und persönliche Begleitung an. Zu diesem Zweck hat das Bischöfliche Ordinariat eigens ein Faltblatt herausgebracht, das in diesen Tagen mit einem Begleitbrief von Domkapitular Franz Vogelgesang, Leiter der Hauptabteilung Seelsorge, an die Pfarreien verschickt wird. In dem Schreiben verweist Vogelgesang unter anderem auf Aussagen in der Enzyklika „amoris laetitia“ von Papst Franziskus, aus denen hervorgehe, „dass es in all unserem seelsorglichen Tun zunächst darum gehen muss, den einzelnen Menschen in seiner konkreten Lebenswirklichkeit zu sehen“. Angeregt von dem Familienpapier habe auch Bischof Dr. Karl-Heinz Wiesemann den Wunsch geäußert, sich diesem Seelsorgefeld zuzuwenden, das bisher nicht explizit im Blick gewesen sei, so Vogelgesang.

Angesprochen auf die Initiative, bringt der Speyerer Oberhirte ihr zentrales Anliegen auf den Punkt: „Damit möchten wir als Bistum verdeutlichen, dass homosexuelle Menschen in unserer Kirche willkommen und wertgeschätzt sind.“ Sie sollen sich in Gemeinden, kirchlichen Gruppen und Verbänden zuhause fühlen können, wie die Ansprechpartner der Initiative, Monika Kreiner vom Referat Frauenseelsorge und Axel Ochsenreither vom Referat Männerseelsorge, ergänzen. Die beiden Pastoralreferenten wollen Vorurteile abbauen, Diskriminierung verhindern und dem Thema in der Kirche „ein Gesicht und eine Stimme“ geben. Denn vielfach sei die Lebenssituation von homosexuellen Frauen und Männern noch immer von Abwertung und Zurücksetzung bestimmt.

Diese Haltung kommt nicht von ungefähr. „Früher wurde Homose–xualität als Krankheit betrachtet, die therapiert werden muss, oder man war der Überzeugung, dass es sich um eine frei gewählte Neigung handelt“, beschreibt Monika Kreiner die gängigen Meinungen. Dies sei sowohl von medizinischer als auch von psychologischer Seite klar widerlegt, so dass eine neue Ausgangssituation vorliege. 


Homosexualität und die Bibel
Auch die biblischen Aussagen aus dem Alten und Neuen Testament, die bislang herangezogen worden seien, um Homosexualität als Sünde zu brandmarken, ließen sich klar entkräften, so Kreiner. Als Beispiel nennt sie eine Bibelstelle aus dem Buch Leviticus im Alten Testament, in der es heißt: „Und bei einem Mann sollst du nicht liegen, wie man bei einer Frau liegt. Es wäre ein Gräuel.“ Die Bibel kenne keine homosexuellen Beziehungen, sondern es gehe ihr darum, sexuelle Gewalt zu verurteilen, stellt die Pastoralreferentin klar. Darüber hinaus würde Sexualität heute grundsätzlich anders gesehen, „weil sie einen Selbstzweck hat“. Papst Franziskus habe mit „amoris laetitia“ den Weg geebnet, sie unabhängig von der Fortpflanzung positiv zu bewerten.

Monika Kreiner und Axel Ochsenreither ist es bewusst, dass es sich bei der Initiative „Verschiedenheit wertschätzen“ um einen Prozess handelt, der sich entwickeln muss. Letztendlich möchten sie ein Umdenken auf allen Ebenen der Diözese erreichen. Dass sie das nicht alleine können, liegt auf der Hand. Zusätzlich sollen an verschiedenen Orten im Bistum Seelsorgerinnen und Seelsorger für Gespräche und Begleitung zur Verfügung stehen, um etwa Angehörigen eines homosexuellen Sohnes oder einer lesbischen Tochter zu vermitteln: „Dein Sohn/deine Tochter ist ein Geschöpf Gottes und deshalb in Ordnung.“ Vertraulichkeit wird garantiert. Monika Kreiner kann sich auch vorstellen, „mittels Vorträgen in den Pfarreien über das Thema zu informieren und so zum Abbau von Vorurteilen beizutragen“.

Die Pastoralreferentin und Axel Ochsenreither freuen sich nicht nur darüber, dass es bereits in der Hälfte der deutschen Bistümer ähnliche Initiativen gibt, sondern dass auch in vielen Pfarreien und Gemeinden in der Diözese Speyer die Akzeptanz gegenüber homosexuellen Menschen schon ganz selbstverständlich vorhanden ist.


Lesbisch und kirchlich engagiert
Diese Erfahrung machen auch Barbara Müller und Regina Schmitt (Namen von der Redaktion geändert). Die beiden 64 und 63 Jahre alten Frauen, die in Ludwigshafen wohnen, sind seit mehr als 17 Jahren ein Paar. In jungen Jahren verlief ihr Leben in ganz unterschiedlichen Bahnen. Barbara Müller war in der Diözese Speyer fünf Jahre lang im kirchlichen Dienst beschäftigt, bevor sie als Grundschullehrerin arbeitete. Ihre homosexuelle Neigung hatte sie schon früh für sich erkannt und akzeptiert. Ganz anders Regina Schmitt. Sie heiratete, bekam drei Kinder. Mit Mitte 30 trennte sie sich von ihrem Ehemann, um endlich das zu leben, wonach sie sich sehnte: eine lesbische Beziehung.

Bei einem Wochenende für lesbische Frauen der Evangelischen Akademie in Baden-Württemberg vor mehr als 17 Jahren lernten sich Barbara Müller und Regina Schmitt kennen und lieben. Bis vor dreieinhalb Jahren führten die beiden Frauen aus der Pfalz aus beruflichen Gründen eine Fernbeziehung. Denn Regina Schmitt arbeitete in Südbaden bei der Deutschen Bahn. Seitdem sie in Altersteilzeit sind, leben sie gemeinsam unter einem Dach.

Die katholische Kirche ist den Frauen wichtig; denn sie hat sie bis heute nachhaltig geprägt. Auch wenn die Institution das Paar offiziell bislang nicht gerade mit offenen Armen aufgenommen hat. Kurzzeitig hatten sie zwar überlegt, altkatholisch zu werden, sich aber dann dagegen entschieden, weil sie hofften, dass sich doch noch etwas ändert. Für Barbara Müller und Regina Schmitt ist homosexuell und katholisch zu sein, kein Widerspruch. „Homosexuelle Menschen sind auch von Gott gewollt“, sind sie überzeugt. Die beiden Frauen stehen ganz selbstbewusst zu ihrer Beziehung, nicht nur im familiären Umfeld und gegenüber Freunden, sondern auch in ihrer Pfarrei in Ludwigshafen. „Wir gehen damit nicht hausieren, verstecken uns aber auch nicht“, bringt es Barbara Müller auf den Punkt.

Sie selbst engagierte sich bereits im Pfarrgemeinderat und in der Firmvorbereitung. Darüber hinaus gehört sie der Katholischen Arbeitnehmer Bewegung an. Regelmäßig bietet die 64-Jährige zudem meditatives Tanzen an. Regina Schmitt ist Mitglied bei der Katholischen Frauengemeinschaft. Offene Ablehnung wegen ihren sexuellen Neigungen ist dem Paar bislang nicht begegnet, auch nicht im kirchlichen Umfeld.

Dennoch sind sie „ganz happy“ über die neue Initiative des Bistums Speyer. „Wir finden es toll, dass sich nun etwas bewegt“, bekräftigt Barbara Müller. „Das ist zumindest einmal ein Anfang.“ Doch die 64-Jährige und ihre Partnerin wünschen sich noch mehr: dass die Kirche ihre homosexuelle Partnerschaft segnet. Und: „Dass es in allen kirchlichen Gruppierungen möglich ist, offen über Homosexualität zu sprechen.“  (pede)

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