Im Gespräch

Freitag, 24. Juni 2016

Sie würden sich im Grab rumdrehen

Es ist ein schwarzer Freitag für die Gründer eines vereinten Europa – und für die Europäische Union.

Vieles in Bewegung: Die britische Entscheidung zum Verlassen der EU hat viele Fragen eröffnet.

Eine Seele ist ein flüchtig Ding - vor allem in kontinentaler Perspektive. Das vereinte Europa, dessen geistige Kraft derzeit zu implodieren scheint, ruhte einst auf den Schultern von Männern christlicher Überzeugung.

Die Wirtschaft hat's gegeben, die Wirtschaft hat's genommen. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs waren Kohle und Stahl die Instrumente zum Frieden in Europa. Die gemeinsame Bewirtschaftung der zentralen Stoffe der Rüstungsindustrie durch die Erbfeinde Frankreich und Deutschland war für den damaligen französischen Außenminister Robert Schuman im Kern aktive Friedenspolitik. Das Instrument der "Montanunion", also der gemeinsamen behördlichen Aufsicht über die Stahl- und Kohleproduktion, sollte zur Keimzelle der europäischen Einigung werden.

Es ist eine Ironie der Geschichte, dass sich Großbritannien erst dann der damaligen Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) zuwandte, als die eigene Kohle- und Stahlindustrie seit den 60er Jahren darniederlag und Europa für den Wirtschaftssektor Vorteile versprach. Die Idee des europäischen Friedensprojekts, die politische Union, hat dagegen für die Engländer nie große Bedeutung besessen.

Das siegreiche England war aus dem Zweiten Weltkrieg eher mental gestärkt hervorgegangen. Das idealistische Gefühl auf dem Kontinent, nach den kriegerischen Katastrophen nun zu einem gemeinsamen Gebilde zusammenwachsen zu müssen, hat es nie geteilt. Im Gegenteil: Die EU als ein potenziell einflussreicher Staatenbund erinnerte sie wohl eher an eine verlorene gute alte Zeit, als das britische Empire einer der großen Player auf der Weltbühne war. Die Nostalgie war kein guter Ratgeber.

Rückfall in nationale Egoismen, Rosinenpickerei und populistische Stimmungsmache haben das EU-Projekt in den vergangenen Jahren von innen ausgehöhlt. Erst die Finanzkrise, dann die Flüchtlingskrise haben den über den einstigen Eisernen Vorhang hinaus vereinten Kontinent an eine neuerliche Zerreißprobe gebracht. Ein Gespenst geht um in Europa: "Grexit" hieß es zuerst, dann "Brexit". "Czexit", "Nexit" oder "Frexit" wird es seit heute heißen.

Die 52:48-Volksentscheidung der Briten hat Europa waidwund geschossen. Sie ruft die EU-Gegner aller Länder auf den Plan, unter Berufung auf einen Volkswillen ebenfalls über den Verbleib abzustimmen. Die Gründungsmitglieder Niederlande und Frankreich könnten die nächsten sein; in Tschechien ist die Diskussion längst im Gange.

Aber auch die Briten selbst könnten sich noch wundern, welche Pandora-Büchse sie an ihrem "Independence Day" geöffnet haben. Facharbeitermangel, Finanzplatz London, rechtliche Entflechtung sind Stichwörter dafür; aber auch die Frage: Bleiben die EU-freundlichen Schotten im Vereinigten Königreich? Werden die Nordiren tolerieren, dass demnächst eine stabile EU-Außengrenze quer durch Irland verläuft?

Die "Seele Europas" scheint müde, ausgehaucht an diesem Schwarzen Freitag. Für einen Neustart des Projekts wird eine Rückbesinnung auf die Anfänge nötig sein. Drei katholisch geprägte Politiker brachten die Vision eines vereinten Europa hervor: der Italiener Alcide de Gasperi (1881-1954), der Deutsche Konrad Adenauer (1876-1967) und der Franzose Robert Schuman (1886-1963). Letzterem verlieh das EU-Parlament gar den Ehrentitel "Vater Europas".

Bereits in den 1920er Jahren, noch vor dem Trauma von Faschismus und Krieg, knüpften sie mit Gleichgesinnten aus ganz Europa ein Netz von Kontakten. Diese Beziehungen sollten nach 1945 zur Keimzelle der europäischen Einigung werden.

Doch zunächst schlugen die drei zwischen den Weltkriegen wechselvolle politische Karrieren ein - die jedoch durchaus Ähnlichkeiten aufweisen. Alle drei stammen aus politisch hin- und hergerissenen Grenzregionen: Adenauer aus dem Rheinland mit seinen separatistischen Tendenzen und französischer Besatzungsgeschichte. Der gebürtige Luxemburger Schuman, der sich in Elsass-Lothringen als Grenzgänger zwischen deutschem Heer und französischer Nationalversammlung niederließ. Und De Gasperi, der aus der Region Trient stammte, die als "Welsch-Tirol" zunächst zum Habsburgerreich gehörte und 1920 an Italien fiel.

Alle drei wurden Juristen und bekleideten politische Ämter, die sie durch den Faschismus einbüßten. Alle drei gingen ins Gefängnis, in den Widerstand oder in die innere Emigration - bis 1945 ihre Stunde schlug. Als Adenauer, de Gasperi und Schuman nach dem Krieg steile politische Karrieren hinlegten, christdemokratische Parteien gründeten und Regierungen bildeten, kam ihnen ihre kompromisslose Haltung gegenüber den Diktaturen zupass.

Gemeinsam war ihnen die Skepsis gegenüber einer Überhöhung des Nationalen, die Einsicht eines "Nie wieder" sowie eine geschichtliche Interpretation des 20. Jahrhunderts, die sich gleichermaßen gegen Diktatur, Liberalismus und Sozialismus richtete. Das Geschichtsbild eines gleichsam im Christentum geeinten Abendlandes lateinisch-karolingischer Prägung machte es ihnen in der "Stunde Null" leichter, die Teilung Europas zu akzeptieren und sich ganz der Westintegration zu widmen.

Die Geschichte hatte diese Zweiteilung nach 1989 überwunden. Doch inzwischen scheinen die Züge wieder rückwärts zu fahren. Schuman, de Gasperi und Adenauer standen für das übernationale Prinzip. Am Freitag des "Brexit" dürften sie sich im Grab rumdrehen.



Stimmen aus den Kirchen zum Brexit

 

Papst Franziskus hat Respekt vor der Entscheidung Großbritanniens zum EU-Austritt angemahnt und zur Besonnenheit aufgerufen. "Es war der ausdrückliche Wille des Volkes", sagte er während des Flugs von Rom nach Armenien. "Das erfordert von uns allen eine große Verantwortlichkeit, um das Wohl des britischen Volks und auch das Wohl und das Zusammenleben des ganzen europäischen Kontinents zu gewährleisten”, so Franziskus vor den mitreisenden Journalisten.

Der Generalsekretär des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Stefan Vesper, hat die Europäische Union zu Veränderungen aufgerufen. "Die EU stärken, indem wir sie reformieren", schrieb er am Freitagmorgen auf Facebook. Zudem warb Vesper für einen noch entschiedeneren Einsatz der Christen für Europa. In fünf "unsortierten Gedanken" zum Brexit, für den sich die Mehrheit der Briten am Donnerstag per Volksabstimmung ausgesprochen hat, formuliert der ZdK-Generalsekretär: "Das ist Demokratie, die Entscheidung ist zu respektieren." Er wirbt zugleich dafür, die "proeuropäischen britischen Freunde" nicht zu vergessen; es dürfe nun jedenfalls nicht ganz Großbritannien in einen Topf geworfen werden. In dem Post griff Vesper den ehemaligen Londoner Bürgermeister und führenden Kopf der Brexit-Kampagne, Boris Johnson, scharf an. Typen wie er würden sich nicht lange halten, "denn ihre dreisten Versprechungen werden schnell vergehen". Nach dem angekündigten Rücktritt von Großbritanniens Premier David Cameron gilt Johnson, der ebenfalls zur Konservativen Partei gehört, als ein möglicher Nachfolger.

Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) hat die britische Entscheidung zum Austritt aus der EU bedauert. Man müsse nun "in Ruhe" die Gründe für das Votum zu analysieren, mahnte der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm am Freitag in Hannover an. "Der bevorstehende Austritt eines Landes aus der EU ist schmerzlich und muss Anlass sein, das Friedensprojekt Europa umso kräftiger voranzutreiben", so der bayerische Landesbischof. "Als Kirchen werden wir uns mit unserem internationalen ökumenischen Netzwerk weiter für ein geeintes und solidarisches Europa einsetzen", so Bedford-Strohm weiter. Wenn sich bestätige, dass vor allem viele junge Menschen für den Verbleib Großbritanniens in der EU gestimmt hätten, sei das eine besondere Verpflichtung, in diesem Engagement nicht nachzulassen. "Für mich ist die Jugend die Hoffnung Europas."

Mit Blick auf den Ausgang des Brexit-Referendums in Großbritannien spricht der Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) von einem "traurigen Tag für Europa". Das Votum der Briten für einen Austritt aus der EU bezeichnete die BDKJ-Vorsitzende Katharina Norpoth am Freitag in Düsseldorf als falschen Schritt. Um die anstehenden Herausforderungen zu lösen, brauche es "ein gestärktes Europa, kein geschwächtes Europa", so Norpoth. Ersten Analysen zufolge stimmten vor allem die älteren Briten für einen EU-Austritt ihres Landes; die Jüngeren dagegen votierten mehrheitlich für einen Verbleib in der Union. Der BDKJ appellierte an die verbliebenen EU-Mitgliedstaaten, gemeinsam neue Perspektiven für Europa zu entwickeln. "Junge Menschen leben heute scheinbar selbstverständlich in einem friedlichen und vereinten Europa." Gleichwohl drohten Gefahren. Populisten und Europaskeptiker dürften nicht die Oberhand gewinnen. "Es liegt jetzt an allen Europäerinnen und Europäern die Zukunft Europas zu gestalten."

Kardinal Vincent Nichols hat nach dem britischen Referendum Respekt vor dem Wählerwillen angemahnt. Dies sei im Vereinigten Königreich eine "großartige Tradition". Die Briten hätten mit der Entscheidung für einen EU-Austritt einen "neuen Kurs" eingeschlagen, der viele Herausforderungen mit sich bringe, erklärte der Vorsitzende der katholischen Bischofskonferenz von England und Wales am Freitag auf Anfrage der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). "Wir beten dafür, dass alle Beteiligten diese Aufgabe – trotz tiefgreifender Meinungsverschiedenheiten - mit Respekt und Höflichkeit angehen." Der Kardinal warb dafür, "den Verwundbarsten" in diesem Prozess beizustehen - besonders jenen, die leicht zu Opfern von Ausbeutung und Menschenschlepperei werden könnten. "Wir beten dafür, dass unsere Nation auf unsere traditionsreiche Großzügigkeit setzt, Fremde willkommen heißt und Bedürftigen Schutz bietet." Es gelte nun, hart zu arbeiten, um sich als gute Nachbarn zu erweisen und zur Lösung internationaler Probleme beizutragen.

(Alexander Brüggemann, KNA, der pilger)

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