Kirche und Welt

Mittwoch, 22. April 2020

Singen ist riskant

Wie könnten in Zeiten von Corona sichere Gottesdienste aussehen? Hier sind ein paar erste Antworten

Kommunionspende mit Handschuh: Szene aus einem Gottesdienst in Leipzig am 20. April (Foto: kna/Dominik Wolf)

Nach und nach sollen Gottesdienste trotz der Corona-Krise wieder erlaubt werden. Aber klar ist: In der Kirche darf sich keinesfalls jemand mit dem Virus anstecken. Wie kann das funktionieren?

Wann soll es Lockerungen geben?
Die Politik und Religionsvertreter haben sich geeinigt, dass die Kirchen Konzepte entwickeln, wie Gottesdienste unter Einhaltung der Hygieneregeln stattfinden können. Die Arbeit an diesen Konzepten dauerte bei Redaktionsschluss dieser Ausgabe noch an. Erste Lockerungen sollen bald nach dem nächsten Treffen von Bund und Ländern am 30. April möglich sein. Sachsen hat das Gottesdienst-Verbot bereits gelockert. Die Regelungen, die kommen, dürften je nach Bundesland und Bistum unterschiedlich sein.

Wie groß sollte der Mindestabstand zwischen den Gläubigen sein?
Thomas Mertens, Vorsitzender der ständigen Impfkommission und langjähriger Ärztlicher Direktor des Instituts für Virologie am Universitätsklinikum Ulm, empfiehlt auf Anfrage dieser Zeitung zwei Meter in jeder Richtung.

Sollten die Gläubigen eine Maske tragen?
Der Virologe Mertens hält das für sinnvoll. Erst jüngst seien „Daten gut publiziert worden, die belegen, dass das Maskentragen die Raumluftbelastung mit Viren tatsächlich reduziert“, sagt er.

Wie könnte eine sichere Kommunionausteilung aussehen?
Für Mertens ist das „ein kritischer Punkt, da man sich naturgemäß frontal nahe kommt“. Er warnt, ein virusausscheidender Priester oder junger Kommunionausteiler könne möglicherweise ein erhebliches Risiko für mehrere sein. Prälat Karl Jüsten, Leiter des Katholischen Büros in Berlin, schlägt auf dem Portal domradio.de vor, man könnte die Kommunion auf den Altar legen und die Gläubigen nehmen sie sich. Oder sie werde mit desinfizierten Handschuhen ausgeteilt. Die praktikabelste Lösung könne von Kirche zu Kirche unterschiedlich sein: „Es muss jedenfalls garantiert sein, dass sich über das Kommunionausteilen das Coronavirus nicht ausbreiten kann.“

Werden durch das Singen die Viren weiter verbreitet als durchs Sprechen?
Nach Einschätzung des Virologen Mertens ist das bei lautem Gesang mit weit geöffnetem Mund wohl so. Die Menge der über die Atemluft ausgeschiedenen Viren sei bei einem kräftig singenden Sänger sicher stärker. Mehrere Vorfälle bestätigen, dass Singen riskant ist: So meldeten sich bei der evangelischen Berliner Domkantorei nach einer Probe Anfang März 59 der 78 anwesenden Mitglieder krank, 31 von ihnen wurden positiv auf Corona getestet.

Wie lange sollten Gottesdienste dauern, um das Ansteckungsrisiko klein zu halten?
Es sei „sehr plausibel anzunehmen, dass kürzer besser ist als länger“, sagt der Virologe Mertens.

Welche Rolle spielt der Kirchenraum?
Um das Infektionsrisiko zu reduzieren, sei ein großer Raum wohl günstiger als ein kleiner, sagt Mertens. Gottesdienste im Freien wären noch besser.

Wie riskant sind Gottesdienste in Kirchen zurzeit generell – vor allem angesichts der Tatsache, dass der Großteil der Kirchgänger älter ist und so zur Risikogruppe zählt?
Bei Gottesdienstbesuchern handle es sich vielfach um die Personen, für die auch bei Lockerung der allgemeinen Beschränkungen weiter Beschränkungen gelten werden, sagt Mertens. „Das Gottesdienstangebot wäre dann eine Aufforderung, entgegen der für diese Personengruppe weiterhin geltenden Empfehlungen zu handeln.“ Er denke schon, dass man mit epidemiologisch vertretbarem Risiko kurze Gottesdienste abhalten könnte, wenn Hygienemaßnahmen strikt durchgehalten würden, so Mertens. Aber das Problem sei komplex. „Das Argument, dass einzelne Gottesdienstbesucher für sich die Entscheidung zum Risiko einer Infektion treffen, würde ich keinesfalls akzeptieren, da bei Infektion immer auch andere betroffen sind“ – etwa Ärzte, Pfleger und Mitbewohner.

Wie praktikabel sind Gottesdienste mit Einschränkungen für Gemeinden?
Eine konkrete Antwort darauf hat Markus Böhme, Pfarrer und Dekan in der Gemeinde Heilige Familie in Zwickau, gefunden. In einem Brief an seine Gemeindemitglieder begründet er differenziert, warum in seiner Gemeinde bis zum 3. Mai keine Gottesdienste stattfinden werden – obwohl Sachsens Landesregierung Gottesdienste mit bis zu 15 Besuchern wieder erlaubt. Diese Lockerung werfe „eine Menge neuer Probleme auf“, schreibt Böhme. Denn damit seien strengste hygienische Auflagen verbunden. Auch die Auswahl der 15 berechtigten Teilnehmer würde schwerfallen.
Für keine gute Idee hält Böhme es, Menschen aus der Corona-Risikogruppe zu bitten, auf den Gottesdienstbesuch zu verzichten. Damit würden vor allem ältere Gemeindemitglieder von der Mitfeier der Messe ausgeschlossen sein: „Das halte ich nicht nur für ungerecht, es scheint mir moralisch nicht vertretbar zu sein.“

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