Im Gespräch

Mittwoch, 22. Juli 2015

Starker Anstieg bei Kirchenaustritten

Katholische Kirche verliert Mitglieder, noch deutlicher die evangelische Kirche

Grafik: KNA

Im vergangenen Jahr sind so viele Menschen wie noch nie aus der katholischen Kirche in Deutschland ausgetreten. Auch die bisher vorliegenden Zahlen aus der evangelischen Kirche deuten einen ähnlichen Trend an.

Der „Franziskus-Effekt“ hat die katholische Kirche in Deutschland bisher nicht erreicht – zumindest nicht, was die Zahl der Kirchenaustritte angeht, oder er hat noch Schlimmeres verhindert. Wie die Deutsche Bischofskonferenz am Freitag in Bonn bekanntgab, erklärten im vergangenen Jahr 217716 Katholiken ihren Austritt aus der Kirche. Der letzte Negativ-Rekord liegt vier Jahre zurück: 2010 waren es mehr als 180000, der Hauptanlass waren damals Medienberichte über Fälle von sexuellem Missbrauch Minderjähriger durch katholische Geistliche.

Über die Ursachen für die neuerliche Austrittswelle wird noch spekuliert. Schon jetzt zeichnet sich ab, dass sie auch die evangelischen Landeskirchen mit großer Wucht trifft. Deren Austrittszahlen sind noch nicht bekannt, doch die Gesamtzahl der Protestanten hat laut Evangelischer Kirche in Deutschland (EKD) um mehr als 400000 abgenommen, während die Gesamtzahl der Katholiken um rund 230000 zurückging.

Aus den katholischen Bistümern ist zu hören, 2014 sei ein ungewöhnlicher „Austritts-Jahrgang“: Neben dem üblichen steuerbedingten Höhepunkt im Dezember gab es gleich zwei weitere „Spitzen“. Die eine lag im März. Das war der Monat, in dem das Drama um den Limburger Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst seinem Höhepunkt zusteuerte. Die andere Spitze lag offenbar im Oktober. Sie entwickelte sich nach dem Bekanntwerden eines neuen Kirchensteuer-Einzugsverfahrens auf Vermögenserträge, das von manchen Beitragszahlern subjektiv als drohende zusätzliche Steuerlast empfunden wurde – auch weil es den Kirchen nicht gelang, ausreichend über den Sachverhalt zu informieren.

Bemerkenswert an der jüngsten Statistik sind neben den Austritten einige andere Indikatoren: So ist der Anteil der sonntäglichen Gottesdienstbesucher unter den verbliebenen Katholiken nach Jahrzehnten eines starken Rückgangs erstmals wieder leicht gestiegen. Ähnliches gilt für die Zahl der Erstkommunionen und Eheschließungen. Sollte sich dies in den kommenden Jahren zu einem Trend verdichten, läge die Deutung nahe, dass die Kirche zwar an ihren Rändern weiterhin viele sogenannte Taufschein-Christen verliert, gleichzeitig aber in ihrem Kern der Anteil der „praktizierenden Katholiken“ wächst. Auch in evangelischen Landeskirchen ist seit einiger Zeit ein ähnlicher Trend zu beobachten.

Der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, erklärte zu den neuen Daten, die hohe Zahl von Kirchenaustritten mache den Bischöfen „schmerzlich bewusst, dass wir Menschen mit unserer Botschaft nicht erreichen“.Der Freiburger Religionssoziologe Michael Ebertz sieht einen rasch voranschreitenden, dramatischen Verlust der Kirchenbindung. „Immer weniger Menschen kommen überhaupt noch in ihrem Alltag mit Pfarrern oder anderen Vertretern von Kirche in Kontakt“, sagte er der Katholischen Nachrichtenagentur. Zudem zeigten Studien auch, dass die bisher wichtigsten Gründe für eine Kirchenmitgliedschaft zunehmend an Plausibilität verlören: das soziale Engagement der Kirche sowie das Anbieten von Riten an wichtigen Lebensabschnitten wie Taufe, Trauung oder Bestattung. (red)

Im Bistum Speyer verließen rund 5470 Gläubige ihre Kirche

Leichte Steigerung bei Gottesdienstbesuchern – Neues Seelsorgekonzept soll Wege aufzeigen

 Die Zahl der Kirchenaustritte im Bistum Speyer hat mit rund 5470 im vergangenen Jahr einen neuen Höchststand erreicht. Rund 1000 Katholiken mehr als im Jahr 2013 hätten ihrer Kirche den Rücken gekehrt, teilte Bistumssprecher Markus Herr am 17. Juli  in Speyer mit. Nach einer Statistik der Deutschen Bischofskonferenz lag die Zahl der Katholiken im Bistum Speyer bei rund 550000 – etwa 7000 weniger als im Vorjahreszeitraum. Der Anteil der Gottesdienstbesucher hat sich von 8,9 Prozent im Jahr 2013 auf 9,3 Prozent im Jahr 2014 leicht erhöht, was rund 51000 sonntäglichen Gottesdienstbesuchern entspricht.

Bei den Taufen (3377), Erstkommunionen (3814), Firmungen (3205), Trauungen (1001) und Bestattungen (6367) bewegen sich die Zahlen in etwa auf Vorjahresniveau. Auch die Zahl der Eintritte (50) und Wiederaufnahmen (150) sind auf niedrigem Niveau stabil geblieben. In der Gegenüberstellung von Taufen einerseits sowie Bestattungen und Austritten andererseits zeigt sich eine bedenkliche Zukunftsperspektive – zumindest, was die Mitgliederzahlen angeht.
Als Konsequenz aus den negativen Zahlen wolle das Bistum Speyer mit dem Modell der „Pfarrei in Gemeinden“ die Evangelisierung und die Öffnung über die Kerngemeinden hinaus – wie im neuen Seelsorgekonzept des Bistums vorgedacht – weiter vorantreiben, so Bistumssprecher Markus Herr. (red)

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