Im Gespräch

Mittwoch, 20. Februar 2019

Starkes Signal gegen Missbrauch

Papst entlässt Ex-Kardinal McCarrick aus dem Priesterstand

Der einst einflussreiche Erzbischof von Washington wurde aus dem Priesteramt entlassen. Seinen Kardinalstitel hatte er bereits vorher verloren. Foto: KNA

Bereits vor Weihnachten hatte es Spekulationen gegeben, die Entlassung des früheren Kardinals und Erzbischofs von Washington, Theodore McCarrick, stehe unmittelbar bevor. Besonders groß waren Erwartungen und Nervosität in den USA, Papst Franziskus möge diese „Baustelle“ vor Beginn des Anti-Missbrauchsgipfels im Vatikan kommende Woche schließen. Im Juli vergangenen Jahres bereits hatte Franziskus den einstigen Star-Kleriker aus dem Kardinalsstand entlassen. Zuletzt war ein Kardinal vor 90 Jahren aus dem Kardinalsstand ausgeschieden – der Vorgang hatte allerdings nichts mit Missbrauch zu tun.

 

McCarrick wurde laut Urteil der Glaubenskongregation des sexuellen Fehlverhaltens mit Minderjährigen und Erwachsenen in Verbindung mit Machtmissbrauch für schuldig befunden. Außerdem habe er das Beichtsakrament missbraucht, indem er Beichtwillige zu Verstößen gegen das sechste Gebot, also unerlaubtem sexuellem Verhalten, verführte. Dafür erhielt der 88-Jährige nun die kirchliche Höchststrafe für einen Kleriker. Zugleich ist er der höchste katholische Würdenträger, dem dies in modernen Zeiten widerfährt.


Gegen das erste Urteil vom 11. Januar hatte McCarrick Widerspruch eingelegt. Am vergangenen Mittwoch wies die monatlich tagende Ordentliche Versammlung der Glaubenskongregation den Einspruch zurück. Kardinal Luis Ladaria informierte den Papst, der das Urteil als unwiderruflich bestätigte. Am Freitag wurde McCarrick, der seit Monaten zurückgezogen in einem Kloster in Kansas lebt, mitgeteilt, dass er ab sofort aus dem Klerikerstand entlassen sei. Ein so bestrafter Priester darf weder klerikale Kleidung tragen noch seelsorgerisch tätig sein oder die Sakramente spenden. In akuter Todesgefahr ist ihm Letzteres jedoch erlaubt, da seine Priesterweihe nicht erlischt.
Zwei Dinge sind an dem Urteil bemerkenswert: Zum einen wurde McCarrick auch wegen sexuellen Fehlverhaltens gegenüber Erwachsenen schuldig gesprochen. Er hatte volljährige, aber abhängige Seminaristen in ein Strandhaus eingeladen hatte und war dort sexuell übergriffig geworden. Zum anderen bewertet die Kongregation den Missbrauch von Amtsmacht als verschärfenden Strafgrund. Genau das ist einer der Kritikpunkte des Papstes am sogenannten Klerikalismus.
Zwar stehen Missbrauch von erwachsenen Schutzbefohlenen sowie Machtmissbrauch bei dem am 21. Februar beginnenden Bischofstreffen im Vatikan nicht explizit auf der Agenda; dort geht es vordringlich um Missbrauch von Minderjährigen. Dass aber die Teilnehmer über weitere Themen sprechen, war zu erwarten. Mit dem McCarrick-Urteil rücken diese Aspekte nun zusätzlich ins Blickfeld.


Dabei genoss McCarrick wegen seines sozialen Engagements, seines diplomatischen Geschicks und bester Verbindungen in höchste Kreise jahrzehntelang großes Ansehen. Als Erzbischof von Washington (2001 bis 2006) galt er zudem als Vorkämpfer gegen Missbrauch und hatte Anteil an der „Null-Toleranz“-Politik gegen übergriffige Priester. Die Vergehen, deretwegen er nun verurteilt wurde, liegen in der Zeit davor. So hatte er zwischen 1970 und 1990 nicht nur Priesteramtskandidaten zum Sex verführt, sondern auch mindestens zwei Minderjährige missbraucht.
Zusätzliche Aufmerksamkeit erhielt der Fall McCarrick, als Ende August vergangenen Jahres Ex-Vatikandiplomat Carlo Maria Vigano Franziskus sowie hochrangigen Kurienmitarbeitern vorwarf, McCarrick mit wichtigen Aufgaben betraut zu haben, obschon seine Fehltritte im Vatikan bekannt gewesen seien. Der Vatikan wies dies zurück. Aber nicht nur Vigano wollte wissen, warum McCarrick trotz allem eine derartige Karriere habe machen können. Franziskus versprach damals eine gründliche Untersuchung des Falls.


Ob über das jetzt ergangene Urteil hinaus das Ergebnis dieser Untersuchung bekanntgegeben wird, steht noch dahin. Eine angemessene und immer wieder zugesagte Transparenz ließe das erwarten. Dann aber gäbe es wohl auch Einblicke in die letzten Jahre von Franziskus‘ Vorvorgänger Johannes Paul II. (1978 bis 2005). Zu dessen Zeit war McCarrick trotz bereits kursierender Gerüchte um die Übergriffe im Strandhaus zum Erzbischof der US-Hauptstadt und Kardinal ernannt worden. (KNA)

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