Kultur

Mittwoch, 16. Dezember 2020

Stille Freunde der Kindheit

Stille Freunde der Kindheit Sie waren Spielkameraden, Tröster und Kuschelgenossen – Manche Geschenke bewahren ihre Bedeutung bedeutsam

Kasperle und Co. sind wie Puppen und Kuscheltiere auch heute begehrte Spielsachen. (Foto: Pixabay)

Puppen und Kuscheltiere zählen trotz einer Flut von Elektronik noch immer zu den beliebtesten Geschenken unter dem Weihnachtsbaum. Im Spiel werden sie für Kinder lebendig, können Halt geben und trösten. Und manchmal werden sie Freunde fürs Leben.
Die Nase der Kasperpuppe ist mächtig lädiert. Und auch der Teufel hat wohl ordentlich einstecken müssen, sein Gesicht und vor allem die Hörner sind ramponiert. Kein Wunder, sagt Hanni Steiner und schmunzelt: „Die beiden haben sich ständig geprügelt.“ Die Kämpfe, die stets der Kasper gewonnen hat, spielten sich auf der Puppenbühne ab. Das Duo gehört zu einem siebenköpfigen Pappmaché-Ensemble, das Hanni Steiner zum Weihnachtsfest 1948 von ihren Eltern geschenkt bekommen hat. Und bis heute in Ehren hält.
Die Handpuppen und das damals zehnjährige Mädchen – das war Liebe auf den ersten Blick. „Die Tür ging auf, Kasper war da – und ich war hin und weg“, erinnert sich die heute 82-Jährige an den Heiligabend, den sie nach einer Flucht aus Pommern in Braunschweig erlebte. Der Kasper und Gretel, die Hexe und der Teufel, der König und die Königin gehörten zusammen mit einem Polizisten zur Grundausstattung der Bühne, die sie bald mit selbst gebastelten Figuren ergänzte. Seppl, Räuber, Zauberer, Prinz und Pastor kamen dazu und ein Donnerblech für die Akustik. Im Spiel mit den Puppen „hat meine Fantasie Purzelbäume geschlagen“, blickt Hanni Steiner zurück. „Ich habe ihnen eine Persönlichkeit gegeben und konnte mit ihnen alles loswerden – Kränkungen, Lustiges, einfach alles.“ Die Figuren wurden zu einem Geschenk, das über Generationen bedeutsam blieb: „Die Puppen sind ein Stück von meinem Leben, ich könnte sie nie wegtun.“
Dass Menschen und gerade Kinder totes Material beleben und damit so spielen können, als wäre es ein menschliches Gegenüber – das ist ein erstaunliches Phänomen, sagt die Frankfurter Puppenforscherin und Psychologie-Professorin Insa Fooken.
„Kinder können Puppen und Kuscheltiere als Dialogpartner inszenieren.“ Das spielende Kind übernehme die Regie, steuere, wie weit es gehen wolle. „Das ist Probehandeln ohne pädagogischen Zeigefinger.“ Wie es Hanni Steiner als Kind getan hat, so belegen noch heute Mädchen und Jungen ihre Puppen und Kuscheltiere mit allen möglichen Gefühlen. „Man kann sie anschreien, beschimpfen, abknuddeln, man kann sie in die Ecke stellen und sie tragen nicht nach“, sagt Puppenexpertin Fooken und ergänzt: „Sie lassen Vergebung erfahren, rechnen Schuld nicht auf, sind nicht beleidigt oder böse und brechen auch den Kontakt nicht ab.“
So böten Puppen eine gute Möglichkeit, „an Beziehung zu glauben“. Und: „Es sind See-
lentröster, die Halt geben, bei Angst, bei Trauer, bei Verlusterfahrungen.“

Schreiben Sie Ihre Meinung zu diesem Beitrag an:  epd
Keine Kommentare

Pilger-Community

Um Kommentare verfassen zu können müssen Sie in der Pilger-Community angemeldet sein.

Falls Sie noch kein Benutzerkonto haben, können Sie sich
hier kostenlos registrieren.

Die Kommentarfunktion dient dem Austausch der Pilger-Community untereinander. Alle Kommentare drücken ausschließlich die Ansichten der Autoren (Nutzer) selbst aus. Der Betreiber der Website www.pilger-speyer.de ist für den Inhalt einzelner Beiträge nicht verantwortlich. Hier finden Sie die  ausführlichen Nutzungsbedingungen und Regeln zur Kommentarfunktion.

Zurück zum Archiv

Anzeige

Abo der Pilger

Bestellen Sie bequem online Ihre persönliche Ausgabe der Kirchenzeitung.

Anmeldung im Benutzerbereich

Passwort vergessen?
neu registrieren