Geistliches Leben

Mittwoch, 04. November 2015

Teilen und helfen

Was uns heute zwei arme Witwen aus der Heiligen Schrift zu sagen haben _ Gedanken zum Markus-Evangelium 12, 41–44 von Professor Hans Kirsch

„Ablehnung und Gewalt gegenüber Fremden, das Aufkommen alter und neuer Formen von Nationalismus, ethnische Säuberungen, Vertreibung und Flucht zeigen, dass der Boden humaner und christlicher Ethik, auch in einem von christlicher Tradition geprägten Europa dünn ist“, heißt es im Gemeinsamen Wort der Kirchen zu Migration und Flucht, 1997. Nach 18 Jahren ist dieser Boden offenkundig noch dünner geworden. Die Bundeskanzlerin macht mutig und bestimmt von ihrer  Richtlinienkompetenz Gebrauch: Wir öffnen den Flüchtlingen, die ausgehungert und traumatisiert zu uns kommen, die Tore an den Staatsgrenzen, in unsere Häuser und Herzen. Dafür bezieht die Bundeskanzlerin paradoxer Weise aus den eigenen Reihen Prügel.

Leute, die sich christlich und sozial nennen, vergessen hierbei einen Kernbestand unseres Glaubens: „Meine Brüder, was nützt es, wenn einer sagt, er habe Glauben, aber es fehlen die Werke. …. Wenn ein Bruder oder eine Schwester ohne Kleidung ist und ohne das tägliche Brot und einer von euch zu ihnen sagt: geht in Frieden und wärmt und sättig euch!, ihr gebt ihnen aber nicht, was sie zum Leben brauchen, was nützt das?“ (Jakobusbrief 2,14–16). Das wäre nicht nur Scheinheiligkeit, sondern purer Zynismus.

Wir brauchen in der Pastoral weniger attraktive Events und „Sonderangebote“, um soziologisch herausgefilterte Gruppen milieuspezifisch zu beglücken, sondern in Wort und Tat die Verkündigung des Gottes Jesu Christi, der sich Moses vor der Übergabe der zehn Gebote so vorgestellt hat: “Ich bin Jahwe, dein Gott, der dich aus Ägypten geführt hat, aus dem Sklavenhaus. Du sollst neben mir keine anderen Götter haben“ (Buch Exodus 20,1–2). Im genannten Schreiben kommentieren unsere Bischöfe das so: „Dieses erste Gebot macht die Befreiung von Sklaverei und Unterdrückung zum unvergesslichen und unablösbaren Attribut Gottes. Darum rücken Fremde, also Menschen, die von Gleichgültigkeit, Misstrauen und Unterdrückung bedroht sind, in die Mitte der Schutzbestimmungen Gottes. Das Schutzgebot gegenüber Fremden durchzieht wie ein roter Faden die Sammlung der Gebote des Alten Testaments.“. Betrachten wir auf diesem Hintergrund die heutige erste Lesung und das Evangelium.

„In jenen Tagen machte sich der Prophet Elija auf den Weg und ging nach Sarepta.“ Das klingt harmlos, im Zusammenhang gelesen wird aber klar, dass es sich hier um eine Flüchtlingsgeschichte handelt. Ahab war 22 Jahre lang König von Israel und sehr reich geworden. Seine Frau Isebel brachte den Gott Baal ins Land. Man betete nicht mehr zu Jahwe, sondern opferte dem Baal. Dies hatte zur Folge, dass in Israel ein politisch-wirtschaftliches System entstand, das oben Macht und Reichtum, unten aber Armut und Unterdrückung erzeugte. Weil sie dies öffentlich anprangerten, wurden die Jahwe treuen Kritiker beseitigt. Nur der Prophet Elia war übrig geblieben. Um dem Tod zu entgehen, floh er in die Wüste. Mit Jahwes Hilfe überlebte er dort, um schließlich in das phönizische Sarepta zu gehen. Am Stadttor trifft dieser politisch verfolgte Flüchtling auf eine Witwe, die am Ende ihrer Kraft war. Sie sammelte Holz, um mit dem letzten Rest ihres Vorrats für sich und ihren Sohn etwas zuzubereiten. „Das wollen wir noch essen und dann sterben.“ Fast unverschämt klingt die Aufforderung des Fremden hierauf: „Bring mir auch  einen Bissen mit“. Selbst in äußerster Not erfüllt sie aber die Bitte des Fremden und gewährt ihm obendrein noch Unterkunft in ihrem Haus.

Nahrung und Behausung geben, das ist die aktuelle Herausforderung an uns Christen, kurzfristig notfalls in Massenunterkünften, dann aber mitten unter uns und in unseren Herzen.  Dabei wäre es sehr hilfreich, wenn in den jetzt aufgelösten Pfarrgemeinden führungsstarke, tiefgläubige Persönlichkeiten vorangingen, um vor Ort die Hilfsbereiten zusammenzuführen, zu ermutigten und zu begleiten. Dann könnten die mehr und mehr um sich greifenden Verarmungsängste sich als gegenstandslos erweisen. Denn dann würde sich auch bei uns die der Witwe gemachte Zusage bewahrheiten: „Der Mehltopf wurde nicht leer, und der Ölkrug versiegte nicht.“ Das Geheimnis dieses nie leer werdenden Kruges ist das bedingungslose Teilen – sogar dann, wenn man selbst hungrig bleibt. Im krassen Gegensatz dazu steht die Ideologie des Kapitalismus, wo bedingungsloses Nehmen und Anhäufen oberstes Gebot ist. Aber man kann nicht zwei Herren dienen, Jahwe, dem Gott Jesu, und Mammon, dem Gott des Geldes.

Wenn geteilt wird, ist für alle genug da. Wir brauchen nicht zu warten bis Reiche teilen,  sondern jeder kann selbst anfangen. Uns, die wir meistens nur von unserem Überfluss geben, muss doch zu denken geben und anspornen, dass es in den heutigen biblischen Texten die Bettelarmen sind, die selbstverständlich geben und helfen. Jesus macht seine Jünger auf die arme Witwe am Opferstock aufmerksam und stellt diese Frau in den Mittelpunkt. Es ist dies die letzte Handlung seines öffentlichen Auftretens, vielleicht ein Resümee seines Redens und Handelns, seiner Botschaft vom Reich Gottes, die „gutes Leben für alle“ ermöglicht – wenn wir es so machen wie die beiden Witwen.

Schreiben Sie Ihre Meinung zu diesem Beitrag an:  Hans Kirsch
Keine Kommentare

Pilger-Community

Um Kommentare verfassen zu können müssen Sie in der Pilger-Community angemeldet sein.

Falls Sie noch kein Benutzerkonto haben, können Sie sich
hier kostenlos registrieren.

Die Kommentarfunktion dient dem Austausch der Pilger-Community untereinander. Alle Kommentare drücken ausschließlich die Ansichten der Autoren (Nutzer) selbst aus. Der Betreiber der Website www.pilger-speyer.de ist für den Inhalt einzelner Beiträge nicht verantwortlich. Hier finden Sie die  ausführlichen Nutzungsbedingungen und Regeln zur Kommentarfunktion.

Zurück zum Archiv

Anzeige

Abo der Pilger

Bestellen Sie bequem online Ihre persönliche Ausgabe der Kirchenzeitung.

Anmeldung im Benutzerbereich

Passwort vergessen?
neu registrieren