Kirche und Welt

Mittwoch, 26. Juni 2019

Tourismusboom in Israel

Steigende Besucherzahlen auch bei den Heiligen Stätten im Land

Auf den Spuren Jesu: Pilger auf dem historischen „Zuckerweg“ vom Toten Meer nach Jerusalem. (Foto: Rönn)

Israel vermeldet derzeit einen Tourismusrekord nach dem anderen. Bei Besuchern beliebt sind nicht zuletzt die vielfältigen Pilgerstätten des Landes – wie die Brotvermehrungskirche in Tabgha. Rund 1,9 Millionen Touristen kamen laut offiziellen Angaben in den ersten fünf Monaten ins Land, 150 000 mehr als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Bis zum Jahresende dürfte die Vier-Millionen-Marke überschritten werden.

Etwa die Hälfte der Besucher sind Christen, von denen sich 40 Prozent als „Pilger“ bezeichnen. Hauptmagnet ist für sie Jerusalem mit der Grabeskirche und den vielen bedeutsamen Stätten von Christen, Juden und Muslimen; auch Bethlehem ist besonders attraktiv. Danach gehören die Orte am See Genezareth wie Kapernaum, Magdala, der Berg der Seligpreisungen und Tabgha zu den beliebtesten Zielen.

Besonders im Fokus ist seit Jahren die Brotvermehrungskirche in Tabgha, eine der idyllischsten und meistbesuchten Heiligen Stätten, die von deutschen Benediktinern geleitet wird. Seit dem verheerenden Klosterbrand von 2015 waren hier immer wieder Bauarbeiten im Gange. Damals legte ein religiöser Fanatiker Feuer, das Atrium und die Anbauten wurden weitgehend zerstört; es entstand Millionenschaden. 2017 weihte der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki die renovierte Kirchenanlage am Nordufer des Sees von Neuem ein.

Derzeit wird der Vorplatz des Gotteshauses erneuert, der von den Lösch- und Baufahrzeugen stark ramponiert wurde. Zum 1. Oktober soll auch er fertig sein. Schon jetzt quillt mitunter der Parkplatz vor lauter Bussen über, die täglich mehrere tausend Besucher ausladen.

Der Überlieferung zufolge hat Jesus vor 2 000 Jahren an diesem abgelegenen Ort mit fünf Broten und zwei Fischen 5 000 Menschen gespeist. Schon Ende des 4. Jahrhunderts berichteten Pilger von einer Erinnerungsstätte dort. Um jene Zeit entstand auch die erste von vier Kirchen. Sie wurde vermutlich von einem Erdbeben zerstört und ab Mitte des 5. Jahrhunderts bedeutend größer neu errichtet – mit eindrucksvollen Fußbodenmosaiken, die teils noch heute bewundert werden können. Möglicherweise mit dem Persereinfall 614 wurde auch dieser Bau zerstört. Nach Jahrhunderten der Brache entstand 1935 eine Notkirche und 1982 der heutige Bau, die vierte Kirche. Über die Brotvermehrungskirche ist soeben ein neuer Kirchenführer erschienen. Eine Neuausgabe war notwendig, da die Restbestände der noch aus den 80er Jahren stammenden alten Auflage bei dem Klosterbrand 2015 komplett vernichtet wurden. Das von dem Theologen und Historiker Georg Röwekamp im Kunstverlag Josef Fink herausgegebene Heft beschreibt die Stätte und ihre Geschichte. Dabei berücksichtigt der Autor, der Chef des Jerusalem-Büros des Deutschen Vereins von Heiligen Lande ist, die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse.

Vorsichtiger als in früheren Ausgaben geht er mit historischen Zuordnungen und Verknüpfungen um. Er beschreibt ausführlich die Bodenmosaiken mit den Wasserpflanzen und -tieren, die Hauptattraktionen der Kirche. Und vor allem die vor den Altar verlegte Darstellung des Korbes mit den Broten und Fischen – eines der bekanntesten Heilig-Land-Motive. Aber er schildert Tabgha auch als Ort der religiösen Erinnerung, der Frömmigkeit und der Gottesverehrung – in der hellen, dreischiffigen Basilika oder am malerischen Messplatz direkt am Seeufer, mit einem mächtigen Basaltstein als Altar.

Davor verblassen dann auch viele Diskussionen, etwa ob Tabgha tatsächlich der Ort der Brotvermehrung war; ob in dem wasserreichen Gebiet der sieben Quellen die erste der beiden in den Evangelien beschriebenen Vermehrungen stattgefunden haben kann; und ob die zweite am anderen Ufer des Sees, im Ostjordanland zu lokalisieren sei – oder ob es gar nicht zwei verschiedene Ereignisse waren. „Historische Sicherheit ist hier nicht zu gewinnen“, schreibt Röwekamp. „Doch gilt an den biblischen Orten ja ohnehin, dass es bei den dortigen Erinnerungsbauten letztlich nicht um den Ort selbst geht, sondern um einen Zugang zur Bedeutung der Erzählung.“

(Johannes Schidelko)

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