Geistliches Leben

Donnerstag, 28. Juli 2016

Unser Leben ist nur eine Leihgabe

Es kommt darauf an, durch Liebe reich zu werden vor Gott – Gedanken zum Lukas-Evangelium 12, 13–21 von Pfarrer i.R. Monsignore Ernst Roth

In der Antike zirkulierte ein Witz über den Geiz: „Der Gipfel des Geizes ist es, wenn ein Mensch sein Testament aufsetzt und als Namen seines Erben den eigenen Namen aufführt.“ Alles für sich haben wollen, behalten wollen, selbst über den Tod hinaus; nichts hergeben, nicht teilen mit anderen. Zu dieser Einstellung eines Menschen sagt uns Jesus im Evangelium: Seht zu und hütet euch vor jeder Habsucht; denn auch wenn einer Überfluss hat, so hat sein Leben seinen Bestand nicht aus seinem Besitz. Und Jesus illustriert diese Mahnung mit einem Gleichnis: Ein reicher Bauer, mit übergroßer Ernte, plant größere Scheunen zu bauen und wird zu sich selbst sagen: Du hast viele Güter da liegen für viele Jahre. Ruhe aus, iss, trink, und freu dich des Lebens!

Der Bauer führt einen Monolog, im Dienst der eigenen Selbsterhaltung, im Dienst des eigenen Wohllebens. Er spricht nur zu sich selbst, nicht zu Anderen, nicht zu seinen Mitmenschen. Er sieht nur sich, klammert sich um seinen Wohlstand und verweigert den Dialog mit seinen Nächsten, den Dialog in der konkreten Hilfe für die „Weniger-Begüterten“, für die Armen. Er schließt sich ein in den Käfig seines Reichtums und wird sich seiner Einsamkeit nicht bewusst. – Als ob unser Leben Sinn, Zufriedenheit und Lebensfreude allein aus unserem Besitztum beziehen würde!

Ich vermute, die meisten von uns werden das Beispiel dieses „reichen Bauern“ nicht auf sich beziehen, schon deshalb, weil sie nicht über ein großes Vermögen verfügen. Aber so ganz überhören dürfen wir die Mahnung Jesu vor aller Habsucht nicht. Man kann auch mit geringerer Habe sich einigeln, seinen Wohlstand vergötzen und den Dialog mit dem Nächsten verweigern, den Dialog in Form von Helfen und Teilen mit den Notleidenden und Armen dieser Welt. Ist es nicht so, dass wir hier in Europa gegenüber etwa der Hälfte der Weltbevölkerung heute die „Reichen“ sind, in Frieden und Wohlstand leben dürfen, sozusagen (nicht meteorologisch) auf der „Sonnenseite“ dieses Planeten Erde sind!

Zurück zum Gleichnis: Der „reiche Bauer“ führt einen Monolog mit sich selbst und verweigert den Dialog. Doch er wird zum Dialog gezwungen: Gott spricht in sein Selbstgespräch hinein: „Du Narr! Noch in dieser Nacht wird man dein Leben von dir zurückfordern.“ Und all seine sicher geglaubte schöne Zukunft ist dahin! Er hat sich verkalkuliert. Er wollte „autark“ sein, ein selbstbestimmtes, von niemandem abhängiges Wohlleben führen – und hat Gott, den Herrn des Lebens, dabei vergessen.

Jesus ruft uns mit diesem Gleichnis in Erinnerung: Der Mensch hat das Leben nicht als festen Besitz, sondern als „Leihgabe“ von Gott. Bei all unserem vernünftigen Planen und Vorsorgen muss uns bewusst sein, dass wir unser Leben nicht in der Hand haben, sondern ein anderer; und dass wir die Güter, die wir erworben haben, letztlich nicht festhalten können, noch dass sie uns Halt und Sicherheit geben können. Die Lebenstage sind nicht käuflich. „Nimm dir das Leben, und lass es nicht mehr los“, sang vor wenigen Wochen ein berühmter Rock-n-Roll-Sänger in der zweimal ausverkauften Frankfurter Festhalle. Falsche Selbstsicherheit! „Du Narr,“ sagt im Gleichnis Gott zum reichen Bauer, der „autark“ sein will. Es gehört zu den großen Narreteien der Weltmenschen, „autark“, unabhängig sein zu wollen, und – an Gott vorbei – ihr Leben mit materiellen Gütern sichern zu wollen.

Aber für uns, die „Weniger-Begüterten“, will ich hinzufügen: Neben dem Versuch, die eigene Existenz durch materielle Güter sichern zu wollen, können auch andere, subtilere Arten der Selbstbehauptung treten: Die Versuchung, „autark“ sein zu wollen, selbst „Herr“ des eigenen Lebens sein zu wollen, – an Gott vorbei – überkommt uns fast jeden Tag, in vielen Situationen. Und oft sind wir in Gefahr, dass wir in einen Monolog fallen, Gott und den Nächsten aus den Augen verlieren, und uns verfangen in den Netzen unseres eigenen Selbst.

Reich werden, ja das sollen wir; aber nicht an Schätzen dieser Erde, die unserem Leben letztlich doch nicht Halt und Sinn geben können, sondern „reich bei Gott,“ durch Werke der Nächstenliebe und Hilfe für die Bedürftigen. Die Güter, die Gott uns in diesem Äon gibt, sind nicht unser persönlicher Besitz, sondern sind uns anvertraut für das Notwendige, das wir zum Leben brauchen und zugleich – nach dem Willen Gottes – für das Notwendige, das jedem Menschen zusteht. Es darf nicht so sein: Gott gibt, und der Mensch weigert sich zu teilen. „Der einzige Koffer, den wir ins Jenseits mitnehmen, ist der Koffer der Nächstenliebe“ (Mutter Teresa).

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