Pilgern

Donnerstag, 14. April 2016

Urlauber suchen zunehmend Sinn statt Sonne

Expertentagung: Urlaubsgewohnheiten verändern sich und rücken spirituelle Angebote in den Blick

Rund sechs Millionen Pilger besuchen in jedem Jahr den südfranzösischen Wallfahrtsort Lourdes. Besonders die Lichterprozessionen werden zu tiefen Erlebnissen. Aus Deutschland kommen jedoch seit einigen Jahren weniger Wallfahrer, besonders die Zahl der großen Pilgergruppen nimmt ab. Foto: Heib

Pilgern und das Wallfahren haben eine lange Tradition, die bis in frühchristliche Zeiten zurückreicht. Sie ist immer noch lebendig, die Pilgerbewegung boomt sogar geradezu – und nicht nur auf dem Weg nach Santiago de Compostela. Ein dichtes Netz von Pilgerwegen durchzieht inzwischen fast ganz Europa. Hunderttausende sind hier unterwegs. Im Jahr 1987 wird der Jakobsweg vom Europarat zur ersten europäischen Kulturroute erhoben und ausdrücklich empfohlen. Wiederentdeckte Wegenetze, steigendes kulturelles Interesse und der Wunsch nach Entschleunigung locken viele Menschen auf ihren „Weg“. Das Besondere an der modernen Pilgerbewegung: Die Reise zu sich selbst, die alle Pilger verbindet, ist gleichzeitig sehr individuell.

Wallfahrer, die in großen Gruppen im Sonderzug anreisen, die mit Fahnen und in Begleitung von Blaskapellen auf dem Weg zu einer Wallfahrtskirche sind, deren Zahl nimmt dagegen deutlich ab. Wallfahrten verändern ihr Gesicht, werden ebenfalls individueller oder richten sich zunehmend an Zielgruppen. So gibt es in Kevelaer seit einigen Jahren eine „Wallfahrt für Karnevalisten“. Sie ist in Kevelaer ein „Renner“. Unübersehbar ist die Entwicklung: Die Zahl der Einzelwallfahrer wächst deutlich, moderne Sinnsucher verändern eine Jahrhunderte alte Tradition.

Das „fromme Laufen“ wandelt sich, wie jetzt Experten bei einer Studientagung in der Thomas-Morus-Akademie in Bergisch-Gladbach deutlich machten. Mitveranstalter waren die Katholische Arbeitsgemeinschaft Freizeit und Tourismus bei der Deutschen Bischofskonferenz und die Akademie der Bruderhilfe der Versicherer im Raum der Kirchen. Neu war, dass der Landschaftsverband Rheinland mit seinem Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte mit im Boot war – ein Hinweis darauf, dass das Thema Pilgern und Wallfahrten über die Kirche hinaus wahrgenommen und zunehmend neben seiner religiösen auch in seiner kulturellen Dimension gesehen wird.

Ein neuer Pilger-Typ
Die Expertentagung der Thomas-Morus-Akademie machte deutlich: Traditionelle Wallfahrtsorte wie Kevelaer oder Altötting stellen sich auf einen neuen Pilger-Typus ein: den Sinnsucher.

Für den Bürgermeister von Kevelaer, Dominik Pichler, ist klar: „Der klassische Pilger stirbt aus“. Für ihn als Chef einer  28000-Einwohner-Stadt ist diese Feststellung von enormer Bedeutung, geht es doch auch um wirtschaftliche Fragen. Auf den zu beobachtenden Wandel stellt sich die Stadt ein, die auch von den jährlich 800000 Pilgern lebt. Neben der traditionellen Wallfahrt mit Gottesdiensten und Rosenkranz-Gebeten soll es künftig  – so die Planung der Stadt – ein weiteres Angebot geben: Unter dem Motto „Gesund an Leib und Seele“ plant die Kommune einen Pilgerpark mit Thermalbad rund 500 Meter vom Zentrum entfernt. Zielgruppe sind nicht die klassischen Katholiken, sondern Menschen, die Spirituelles suchen. Ein Bibelpark der evangelischen Kirche soll dort seinen Platz haben. Die katholische Seite ist zurückhaltend.

Der Generalsekretär der Wallfahrt in Kevelaer, Rainer Killich, spricht nicht gern vom Rückgang der Wallfahrten. Immer noch meldeten sich pro Jahr rund tausend Gruppen an. Viele Pilger kämen aber nicht mehr organisiert, sondern spontan – wenn etwa das Wetter schön sei. Und große Anziehung hätten inzwischen Angebote für bestimmte Gruppen wie Biker, Rettungssanitäter oder die „regelrecht explodierte“ Wallfahrt für Karnevalisten. Wie Killich beobachtet, ist Kevelaer besonders bei Niederländern, die sich in ihrer Heimat religiös entwurzelt fühlten, ein beliebtes Wallfahrtsziel. Für sie und für viele andere werde der Wallfahrtsort Heimat. So erhalte er eine zusätzliche Funktion.

Frage nach Wallfahrtsbetreuung
Besonders in Bayern ist die Wallfahrtsbewegung – noch – fest verwurzelt.  Die Altöttinger Heilige Kapelle und das dort verehrte Gnadenbild der Schwarzen Madonna haben es jetzt sogar auf eine neue Sonderbriefmarke der Deutschen Post geschafft. Die Marke im Wert von 85 Cent erscheint am 2. Mai zum 20-jährigen Bestehen der „Shrines of Europe“. Das ist der Zusammenschluss der sechs wichtigsten europäischen Marienwallfahrtsorte. Dazu zählen außer Altötting Fatima (Portugal), Loreto (Italien), Lourdes (Frankreich), Tschenstochau (Polen) und Marienzell (Österreich).

Auf diesen Zusammenschluss wies der Bürgermeister von Altötting, Herbert Hofauer, hin. Aber auch er beobachtet eine Veränderung in der Wallfahrtsbewegung. Es gebe zwar noch die großen Fußwallfahrten, aber seiner Einschätzung nach sind 70 Prozent der Besucher Einzelpilger. Die Bahn habe kaum noch Bedeutung. Der Bürgermeister von Altötting warf zudem eine Frage auf, die viele Wallfahrtsorte derzeit beschäftigt: die Betreuung der Wallfahrten, die vielfach von Orden wahrgenommen wird, die jedoch kaum noch Personal bereitstellen können. Wie es in Altötting weitergeht, wenn „in absehbarer Zeit“ die Kapuziner den Wallfahrtsort verlassen, weiß Hofauer nicht zu sagen.

Weniger Lourdes-Wallfahrer
Auch das Bayerische Pilgerbüro (bp) registriert deutliche Verschiebungen. Die Zahl der Lourdes-Pilger sei in zehn Jahren von 13000 auf rund 3000 geschrumpft, so Geschäftsführer Wolfgang Zettler. Das Unternehmen, das aus  Romwallfahrten zum Heiligen Jahr 1925 entstanden war, wolle gegensteuern, erwäge die Kombination mit einem Pyrenäen-Ausflug. Aber die Marienfrömmigkeit nehme ab.

Dennoch ist Zettler überzeugt, dass Spirituelles zieht. „In ihren Urlaubswochen besteigen die Menschen Berge, besuchen Kirchen und Klöster. Fast die Hälfte aller Angestellten in Deutschland wünscht sich laut Umfragen ein mehrmonatiges Sabbatical, eine Auszeit“, berichtet er. Und warum? „Man sucht nach Sinn statt nach Sonne“, so der Geschäftsführer. So bietet das bp nun Meditationswanderungen in den Ammergauer Alpen mit der Erfahrung von Schöpfung und Gipfelkreuzen. Besinnung statt Ballermann.

Auch in den Studienreisen des kirchlichen Reiseanbieters finden sich die spirituellen Elemente und werden von Reiseteilnehmerinnen und Reiseteilnehmern gerne angenommen, wie Zettler aus vielen Rückmeldungen weiß.

Suche nach dem „Außeralltäglichen“
Für den Trierer Pastoraltheologen Martin Lörsch sucht der moderne Pilger das „Außeralltägliche“ und Religion mit Körpererfahrung. Dabei betrachten sich die Menschen unterwegs selbst nicht unbedingt als religiös, verweist der Theologe auf eine Studie über Jakobspilger. Der Weg ins spanische Santiago de Compostela erlangte durch Hape Kerkeling („Ich bin dann mal weg“) einen Boom. Zwei Drittel schätzen sich nicht oder nur teilweise als religiös ein, aber 80 Prozent als spirituell.

Spirituelle Kraftorte
Lörsch plädiert deshalb dafür, Wallfahrtsorte als „spirituelle Kraftorte“ für den individuellen Lebensweg auszubauen. Neben Traditionsbestände wie die Beichte müssten andere Elemente wie Kultur- und Naturerfahrungen treten. Ganz wesentlich sei, auf die Gesprächswünsche der Pilger einzugehen – nicht nur durch Seelsorger, sondern auch durch geschulte Ehrenamtliche. Die Ehrenamtlichen hat der Pastoraltheologe im Zusammenhang mit der Trierer Heilig-Rock-Wallfahrt gesondert in den Blick genommen. Sie könnten der Wallfahrt ein menschenfreundliches Gesicht geben, die Besucher Gastfreundschaft spüren lassen. Wallfahrten sind für Lörsch Lernorte des Glaubens – auch für die Helfer.

Ökumenisches Lernen auf dem Weg
Gilt Pilgern und noch mehr Wallfahren allgemein als eine weitgehend katholische Angelegenheit, sieht hier Pfarrer Dr. Manfred Gerland neue Entwicklungen. Er leitet für die Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck im Kloster Germerode eine Pfarrstelle für „Meditation und geistliches Leben“. Gerland, der sich selbst als „pilgerbegeistert“ beschreibt, veranstaltet zusammen mit einem Team von neben- und ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern Seminare, Zeiten der Einkehr und Stille, bildet Pilger-Leiter aus, organisiert Samstagspilgern und ökumenische Pilgerwege. Das jüngste Projekt, bei dem er mitarbeitet: die Ausschilderung eines Lutherweges von Worms nach Eisenach. „Ich kann mir nicht vorstellen, ohne meine Pilger-Erfahrungen Pfarrer zu sein“, unterstreicht er bei der Tagung der Thomas-Morus-Akademie. Aus dem wachsenden Interesse auch aus der evangelischen Kirche spürt er „die Sehnsucht der Menschen, den Glauben in Bewegung zu vollziehen“. Das „ökumenische Lernen auf dem Weg“ hält er für wichtig und misst ihm große Nachhaltigkeit bei – und Zeugnischarakter: „Pilgern heißt Kirche sein, wo keine steht.“

www.pfarr-rad.de
Auf den neuen Pilger-Trend reagiert auch das Erzbistum Köln. Unter der Homepage „www. pfarr-rad.de“ stellt es rund 80 Rad-Pilgertouren vor – nicht nur zu (kunst)historisch bedeutenden Kirchen, sondern zu themenbezogenen Zielen. Eine Tour dreht sich um „Krieg und Frieden“ und führt zum Kölner Westfriedhof, wo Gestapo-Opfer begraben sind. Die „Verlorene Heimat“ lässt sich in den wegen des Braunkohleabbaus verlassenen Dörfern erspüren. (Andreas Otto, kna/Norbert Rönn)

 

Pilgern und Wallfahren

Pilgerreisen und Wallfahrten haben eine lange Tradition, die die meisten Religionen kennen. Während im Christentum die Pilgerreise Ausdruck des privaten Glaubens ist und individuellen Charakter besitzt, hat die Wallfahrt mit Brauchtum sowie Volksglauben und Volksfrömmigkeit zu tun, Pilgerreisen und Wallfahrten unterscheiden sich also, obwohl sie umgangssprachlich oft vermischt werden. Einige Unterscheidungsmerkmale.

Pilgern
Pilgern ist wegorientiert („der Weg ist das Ziel“), findet allein oder in Kleingruppen statt. Pilgern hat ein persönliches Anliegen oder Lebenswenden zum Anlass. Die alleinige religiöse Motivation gibt es natürlich auch, oft vermischen sich bei den Pilgern jedoch die Beweggründe. Pilgerreisen überwinden häufig große Entfernungen, folgen durch Zeichen gekennzeichneten Wege. Sie sind nicht an bestimmte Termine gebunden und von selbstbestimmter Dauer. Die bedeutendsten Pilgerorte sind Santiago de Compostela, Rom und Jerusalem. Alle drei Orte sind auch zentrale Pilgerstätten.

Wallfahren
Eine Wallfahrt ist zielorientiert und wird meist gemeinschaftlich in einer Gruppe unternommen – zu oft Jahrhunderte alten Wallfahrtsorten. Sie hat ein gemeinschaftliches Anliegen (Verehrung von Heiligen, Besuch heiliger Orte). Wallfahrtsorte haben regionale Bedeutung oder auch überregionale Ausstrahlung (Lourdes in Südfrankreich, Aperecida in Brasilien, Velankanni in Indien). Wallfahrten überwinden unterschiedlich weite Entfernungen (zu Fuß, mit vielfältigen Verkehrsmitteln), sie folgen oft nicht festgelegten oder nicht gekennzeichneten Wegen, und sie finden nicht selten zu regelmäßigen Terminen statt (Feste im Kirchenjahr, Heiligenfeste). Wallfahrten haben in der Regel eine festgelegte Dauer.

Ökumene
Wallfahrten sind eine vorwiegend katholische Tradition, wogegen Pilgerreisen von allen Christen unternommen werden, aber auch von Konfessionslosen oder Menschen anderer Religionen. Zunehmend werden auch ökumenische Pilgerrwege ausgeschildert – wie der Ökumenische Pilgerweg von Görlitz nach Vacha. Er folgt in weiten Teilen der Via Regia, der alten Ost-Westverbindung.  Wer pilgert, fördert Verständigung und Frieden, heißt es zu Recht.

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