Kirche und Welt

Mittwoch, 20. Juni 2018

Veränderungen kommen dem Menschen näher

IT-Forscherin mahnt zu aktiver Gestaltung der digitalen Welt

Die künstliche Intelligenz ist auf dem Vormarsch, die Grenzen zwischen Mensch und Maschine beginnen zu verschwimmen. Foto: actionpress

Yvonne Hofstetter ist IT-Unternehmerin und Forscherin – und sieht sich selbst gerade deshalb als kritische Begleiterin der Digitalisierung. Vor zwei Jahren erschien ihr Buch „Das Ende der Demokratie – Wie die künstliche Intelligenz die Politik übernimmt und uns entmündigt“. Am 16. Juni erhielt sie in Stuttgart die Theodor-Heuss-Medaille als Anerkennung dafür, dass sie die Gesellschaft „aufrüttele“. Im Interview mit der Katholischen Nachrichten-Agentur  spricht Yvonne Hofstetter über Chancen und Risiken des digitalen Zeitalters.

Frau Hofstetter, manche bezeichnen die Digitalisierung als neue Religion. Zu Recht?

Digitalisierung ist eine menschliche Kulturleistung. Der Mensch hat immer schon nach vorne gestrebt und neue Dinge entwickelt. Insofern steht die Digitalisierung in einer Reihe mit der Entdeckung des Feuers, dem Pyramidenbau oder der industriellen Revolution. Mit ihr gehen allerdings bestimmte Ideologien einher: beispielsweise der Anspruch, Geld zu verdienen und Monopole aufzubauen. Manche dieser Begleiterscheinungen haben Parallelen zur Religion.

Inwiefern?
Zentral ist sicher der Anspruch, wie Gott zu werden – die Welt so zu gestalten und umzubauen, dass sie den eigenen Anforderungen entspricht. Manche Unternehmen wollen Künstliche Intelligenz dafür einsetzen, Menschen so zu programmieren, dass sie sich besser verhalten.

Der israelische Historiker Yuval Noah Harari schreibt vom „Homo Deus“...
 ...als dritte Stufe einer Entwicklung. Erstens sollen uns Technologien dabei helfen, das Glück zu maximieren. Im zweiten Schritt geht es darum, den Tod zu überwinden, indem wir den Menschen optimieren, ihn künftig etwa mit Sensoren ausstatten. Das dritte Ziel des Menschen wird nach Harari sein, selbst zu erschaffen: Künstliche Intelligenz als neue Gattung des Lebens.

Vor solcher Hybris warnt schon die Bibel...
Selbst wenn 99,99 Prozent aller Menschen guten Willens sind, die digitale Entwicklung vernünftig und zum Guten einzusetzen, reichen die übrigen 0,01 Prozent, um Schaden im Ausmaß eines Krieges anzurichten. Das blenden viele Menschen aus.

Manche Experten argumentieren, die Digitalisierung sei weder gut noch schlecht; es komme darauf an, wie sie genutzt wird. Wie sehen Sie das?
Es kommt unbedingt darauf an, die Digitalisierung zu gestalten. Im Moment fehlen rechtliche Regelungen, daher kommt es zu Exzessen in der Überwachung, auf den Märkten, in der Profilerstellung des Menschen. Solche Exzesse gab es immer wieder, beispielsweise in der Industriellen Revolution. Heute sehen wir vor allem die Vorteile durch Erfindungen wie das Auto, Treibstoff, Elektrizität. In den ersten Jahrzehnten dieser Revolution aber war die Arbeit aus heutiger Sicht unmenschlich. Auf die Idee, dass Kinder in der Schule und nicht am Webstuhl sitzen sollten, musste man erst einmal kommen.

Im modernen Christentum steht die Einzigartigkeit jedes einzelnen Menschen im Zentrum. Ist sie heute in Gefahr?
Hofstetter: Die Entscheidungsfreiheit, die wir aus der semitisch-christlichen Tradition kennen, war immer an eine Gruppe gebunden. Mit der Französischen Revolution und der Aufklärung wurde diese Freiheit auf das Individuum bezogen – weil es Gott ähnlich ist, weil es frei entscheiden und moralisch handeln kann. Daraus wird in der Moderne der Anspruch auf die Bürgerrechte und auf politische Beteiligung abgeleitet. Das ist in der Tat eine Gefahr, denn heute zählt nicht die politische Freiheit, sondern die Freiheit des Konsumenten.

Wo liegt der Unterschied?
Vor der Aufklärung war die Freiheit des Einzelnen an das Eigentum gebunden. Wer Eigentum hatte, war im 17. Jahrhundert frei – wer nicht, war unfrei. Dahin fallen wir heute zurück, denn das Signal der Digitalisierung ist: Du bist frei, wenn du die maximale Auswahl hast, Dinge zu besitzen, zu liken. Aus allem anderen, insbesondere politischen Entscheidungsprozessen, soll sich der Konsument jedoch heraushalten. Ein Anzeichen für diese Entwicklung ist die Beschränkung der Meinungsfreiheit im Internet.

Angesichts von Hassrede im Internet wird teils eine stärkere Reglementierung gefordert...
In der Tat äußern sich viele Menschen online, wie sie möchten. Entscheidend für die Demokratie ist aber auch die freie Information, und die ist durch Filterblasen massiv eingeschränkt. Wer nur noch maßgeschneiderte Newsfeeds sieht, in denen steht, was ihn ohnehin schon interessiert, erhält eben keine freie Information. Relevante Nachrichten und Minderheitsmeinungen kommen oft nicht durch. Der Einfluss der Sozialen Netzwerke auf die politische Meinungsbildung ist nicht so leicht messbar wie die vieldiskutierten Datenskandale, aber umso relevanter.

„Ich denke, also bin ich“, schrieb der Philosoph Rene Descartes. Gilt dieser Satz noch, wenn Maschinen „denken“?
 Etwas abgewandelt wird daraus die Aufforderung: selber denken! An der Stelle eines Monarchen, einer Kirche oder Partei, die vorgibt, wie der Einzelne denken soll. Wenn Künstliche Intelligenz für den Einzelnen entscheidet, rücken wir von diesem Anspruch ab.
Wir haben eine Maschine für den Bankenhandel entwickelt, die auf Basis eines Lagebildes eine Empfehlung ausspricht. Zunächst waren die Broker skeptisch, ließen sie aber mitlaufen. Nach ein paar Wochen fiel die Maschine aus – und es brach Panik aus. Menschen mit 20 Jahren Erfahrung konnten ohne ihren Autopiloten keine Entscheidung mehr treffen. Dabei hatten sie ja nicht aufgehört zu denken, sondern durchaus versucht, die Entscheidungen der Maschine zu verstehen.
Aber das Beispiel zeigt, dass wir Fähigkeiten verlieren, wenn wir sie an Maschinen abgeben.

Was wünschen Sie sich angesichts dieser Umwälzungen für die Debatte?
Die Veränderungen kommen den Menschen näher, das zeigt zum Beispiel die Diskussion über die EU-Datenschutzgrundverordnung. Allerdings ist Europa im Hintertreffen gegenüber dem Silicon Valley oder den neuen digitalen Zentren, Boston und insbesondere China. Ich hoffe, dass die Zivilgesellschaft nicht von technologischen Entwicklungen überrollt wird. Dass es uns hierzulande so gut geht, hindert uns manchmal daran, den nächsten Schritt in die Zukunft zu gehen. (Paula Konersmann/kna)

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