Wochenkommentar

Donnerstag, 17. September 2015

Vereinfachung mit Tücken

Ehenichtigkeitsprozesse sollen verkürzt werden

Wieder hat Papst Franziskus ein Ausrufezeichen gesetzt. Die Ehenichtigkeitsprozesse sollen, wie es schon lange von vielen in der Kirche gefordert wurde, erleichtert und verkürzt werden. Franziskus, der vor allem pastoral denkt und sich als erster Seelsorger seiner Kirche versteht, hat mit seiner Reform dafür gesorgt, dass künftig eine einzige Instanz für die Feststellung der Nichtigkeit ausreicht und nicht mehr – wie bisher – zwei oder gar drei Instanzen nötig sind. Das Urteil in Sachen Eheannullierung soll auch viel schneller als bisher gefällt werden können, allerspätestens nach einem Jahr. Darüber hinaus kann der Ortsbischof unter bestimmten Voraussetzungen sogar ein Schnellverfahren durchführen – eine eindeutige Stärkung der Ortskirche.

Keine Frage: Diese Vereinfachungen eines ungeheuer komplizierten Verfahrens, das sich in der Vergangenheit oft über viele Jahre hinziehen und große Kosten verursachen konnte, sind nur zu begrüßen. Dass die Eheannullierungsverfahren darüber hinaus künftig für Paare kostenlos sein sollen, ist ein wahrhaft sozialer Akt und durchaus geeignet, manche Gläubige mit der ihnen völlig fremden juristischen Seite der Kirche zu versöhnen.

Und doch gibt es inzwischen heftige Kritik von Kirchenrechtlern und aus der Kurie; Gerüchte sprechen gar von „organisiertem Widerstand“.

Doch warum hat der Papst seine Entscheidung wohl an allen zuständigen Behörden vorbei getroffen? Die Antwort ist einfach: Weil er offenbar befürchtete, die Reform könnte sonst verwässert werden. Die sachlichen Einwände der Kritiker wiegen dagegen schwerer, denn tatsächlich könnte ja die Qualität der Urteile leiden, wenn ein Urteil in erster Instanz nicht mehr durch eine zweite Instanz überprüft werden muss. Auch stellen die künftig möglichen Schnellverfahren übliche Fristen auf den Kopf, und ob ein Bischof in jedem Fall die nötige kirchenrechtliche Kompetenz mitbringt, wird auch von einigen angezweifelt.

Fest steht: Die grundsätzliche Unauflöslichkeit der Ehe darf durch die vereinfachten Verfahren nicht in Frage gestellt werden. Das pastorale Anliegen von Papst Franziskus setzt das Kirchenrecht nicht außer Kraft. Ob und was das im Hinblick auf die kommende Familiensynode bedeutet, darüber darf jetzt nach Herzenslust spekuliert werden. (Gerd Felder)

  

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