Geistliches Leben

Mittwoch, 18. Dezember 2019

Vereint in Sorge und Liebe

Auch heute kann die Heilige Familie Vorbild sein

Was ist die „ideale“ Familie? Einige „Regeln“ finden sich in den Lesungen zum Fest der Heiligen Familie. (Foto: KNA)

„Das Wichtigste an Weihnachten? Das ist die Familie!“ So antworten die meisten meiner Schülerinnen der Maria-Ward-Schule, wenn ich sie nach der Bedeutung von Weihnachten für sie persönlich befrage. Auf weiteres Nachhaken, was Familie denn genau in ihrer Vorstellung beinhaltet, kommt: Geborgenheit, Liebe, Vertrauen, Heimat, die Sorge umeinander und Hilfe füreinander. Aus diesen Antworten spricht eine tiefe Sehnsucht nach Angenommen-Sein und Zuwendung. Wir wissen, dass vieles davon offen bleibt. Trennungen, Streit, Überforderung, Zeit- und Leistungsdruck, Einsamkeit, manchmal sogar Gewalt, stehen diesen Sehnsüchten gegenüber. Starke Gefühle verschiedener Richtungen begleiten das Thema Familie.
Das Fest der Heiligen Familie ist ein junges Fest. Im 19. Jahrhundert sah man in der Familie aus Nazaret ein Vorbild für das als gefährdet gesehene christliche Familienleben. Die Handwerkerfamilie des Josef von Nazaret bildete das Miteinander in einer Familie ab und war somit das Idealbild der bürgerlichen, handwerklichen und bäuerlichen Familie. Erwerbsleben und Familienleben war damals oft direkt miteinander verbunden. Die liturgischen Texte beten dafür, dass auch unsere Familien „in Frömmigkeit und Eintracht leben und einander in Liebe verbunden bleiben“ (Tagesgebet) und dass „wir das Vorbild der Heiligen Familie nachahmen“ (Schlussgebet).
Die Familienwelt, um die es hier geht, ist zu einem guten Stück verlorengegangen. Kann also die Heilige Familie in der heutigen Zeit und in der aktuellen gesellschaftlichen Situation kein Vorbild mehr sein?
Zunächst einmal entsteht beim Lesen des heutigen Evangeliums ja auch ein ganz anderes Bild dieser gebeutelten und ums Überleben kämpfenden Kleinfamilie: eine Geburt in bitterer Armut und in der Fremde; verfolgt und bedroht von den Regierenden sind die drei auf der Flucht, auf der Suche nach einem Ort zum Leben in Sicherheit. Sie sind nicht sesshaft und bürgerlich abgesichert durch eine wohl gefügte politische Ordnung, sondern vorwiegend unterwegs: Betlehem, Ägypten, Nazaret heißen die Stationen. Aber auch moralisch läuft einiges schief: Maria ist Mutter eines unehelichen Kindes; beide werden aber nicht verstoßen, sondern von Josef angenommen.
Wenn wir die jungen Menschen mit ihren Sehnsüchten an Weihnachten (nicht nur dann) und die Situation von Maria, Josef und Jesus auf der Flucht ernst nehmen, wird klar: Es geht nicht darum, nach außen perfekt dazustehen, moralisch einwandfrei und materiell abgesichert zu sein, sämtliche (Bildungs-)Chancen zu haben und zu nutzen – sondern um das gegenseitige Annehmen, manchmal auch um das Loslassen von Vorstellungen und Plänen, um die Sorge füreinander und die Liebe. Dann kann es auch Patchworkfamilien geben und Familien mit gleichgeschlechtlichen Eltern und Alleinerziehende. Wenn Gewalt, Katastrophen, Verfolgung und Hunger zur Flucht drängen, dann wäre es möglich, dass Familien unterschiedlicher Kulturen und Religionen friedlich und respektvoll miteinander leben. Und gerade in dieser Sache kann uns die Heilige Familie heute Vorbild sein: mutig sein!
Dann ist es vielleicht auch möglich, ehrlich und frei als Familien miteinander Weihnachten zu feiern und den Kindern begreifbar zu machen, warum mit Jesus von Nazaret etwas Neues begonnen hat.
Wie das konkret gehen kann, dazu geben uns die Lesungen einige „Regeln“:  Wer als Eltern seine Kinder einschüchtert, der macht sie mutlos. Wer aber vergibt, liebt, Friede im Herzen trägt, mit Dankbarkeit schaut und in Weisheit zu belehren und zu ermahnen in der Lage ist, der trägt zum Zusammenhalt bei.
Allerdings ist auch von der Unterordnung der Frau unter den Mann die Rede. Diese Aussage macht heute selbstverständlich Probleme. Aber ein Blick auf den Josef des Evangeliums hilft beim Verständnis: Josef ist kein Patriarch, sondern einer, der zu seiner Verlobten mit dem unehelichen Kind hält, der sensibel für Gottes Wort ist und seinen Anweisungen ohne zu zögern folgt, der sich für Gottes Plan gebrauchen lässt und doch keine Marionette Gottes ist, sondern eigenständig denkt und entscheidet, der schließlich all dies nicht hätte auf sich nehmen müssen, da es ihm nur Unbequemlichkeit und Gefahren eingebracht hat.
Dieser Josef braucht keine Unterordnung, sondern er nimmt seine Verantwortung für seine kleine Familie wahr, mit größter Güte, Hingabe und Liebe.

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