Geistliches Leben

Mittwoch, 26. August 2015

Verkündigung muss therapeutisch sein

Jesus öffnet die Menschen für das Leben und heilt sie – Gedanken zum Markus-Evangelium 7, 31–37 von Pfarrer i.R. Bernhard Lin­vers

Es gibt viele Gründe, warum Menschen immer wieder gerne in der Bibel lesen; einer davon mag sicher sein, dass uns da gezeigt wird, wie Jesus mit den Menschen umging. Dieser Lebensstil regt auch uns an, über uns und unser Miteinander nachzudenken und Anregungen zu holen.

Zum Wesen unseres Menschseins, das uns von allen Mitgeschöpfen unterscheidet, gehört, dass wir imstande sind, uns nicht nur in Zeichen und Gebärden einander mitzuteilen, sondern in Worten. Menschen können den Sinn von Worten aber nur begreifen, wenn sie imstande sind, sie selbst zu sprechen. Nicht zuhören und sich nicht mitteilen können – haben Ausgeschlossenheit und Verschlossenheit zur Folge.

Im Evangelium bringen die Leute einen Taubstummen zu Jesus, damit er ihn berühre. Jesus begegnet seiner Not, indem er durch Berührung der kranken Organe zu ihm in einer ihm eigenen und verständlichen Sprache in Kontakt tritt, um ihn dann zu der vollen Teilhabe an menschlicher Kommunikation zu befreien. Als erstes nimmt Jesus den Mann beiseite, eine „heilende Begegnung“ kann wohl nur abseits vom lauten Gerede, von aller Besserwisserei, „wie man es machen muss“, geschehen. Dann hebt Jesus die Hand, um die Ohren des Tauben zu berühren. Es ist wie ein Flehen, die verschlossenen Organe menschlicher Wahrnehmung mögen sich doch öffnen. Und seinen eigenen Speichel legt Jesus auf die Zunge des Mannes, um ihm quasi zu sagen: „Sprich alles aus, was du fühlst!“ Worte haben die Macht, tiefste Verletzungen, aber auch wertvollste Erinnerungen ans Tageslicht zu holen. Jesus sagt dem Taubstummen: „Effata“, das bedeutet: „Öffne dich.“ Dies gilt sicher zunächst für Ohr und Mund, aber vielleicht auch für das Innere des Menschen. Es ist doch etwas „Wunder“bares, zu einem anderen Menschen ein solches Vertrauen haben zu können, dass ich ihm mein Innerstes ins Wort bringen kann.      

Wir spüren, es geht nicht nur um ein äußeres Heilen des Hörens und des Sprechens. In frühester Zeit wurde diese Geschichte als Gedicht weitererzählt. Im Gedicht „verdichtet“ sich eine Erfahrung, die bei jedem Menschen ein Echo findet und sich tiefer einprägt.

Jesus hat einen Taubstummen geheilt. Die Not des Taubstummen ist sein Abgeschlossensein. Der Taubstumme kann sehen, aber nicht verstehen. Er sieht lachende Gesichter und weiß nicht, was die Umstehenden belustigt. Lachen sie über ihn?  Er sieht auch ernste und traurige Gesichter, fühlt sich aber oft von dem, was andere beschäftigt, ausgeschlossen; er leidet an Kommunikationsschwierigkeiten. Jesus öffnet einen Menschen für neue Kommunikationsmöglichkeiten. Er spricht nicht einfachhin ein „Machtwort“, sondern es gibt Berührungen, die zugleich eine Zeichensprache sind. Die Finger in den Ohren und auf der Zunge stellen schon Kommunikation her. Der Kranke kann offen werden für das befreiende Wort; er wird am Wunder beteiligt; er ist dem Wundertäter nicht ausgeliefert, sondern er kann aktiv am Geschehen mitwirken. Jesus hilft verschlossenen Menschen, offene Menschen zu werden.

Nicht nur Taubstumme haben Kommunikationsprobleme. Es gibt viele Situationen im Leben – nicht nur in der Weltpolitik wie z.B. zwischen Israelis und Palästinensern – Schwierigkeiten zwischen Eheleuten, zwischen Eltern und Kindern, zwischen Einheimischen und Fremden. Auch innerhalb unserer Kirche tun wir uns schwer mit offenen vertrauensbildenden Gesprächen der verschiedenen Meinungen.   

Vor Jahren mahnte ein Theologe, unsere Verkündigung und unsere Sprache müsse „therapeutisch“ sein, er meinte damit, sie müsse „heilend“ und nicht z.B. „strafend“ sein, und nur so können sie das „Heil“ verkünden, damit die Menschen das von Gott geschenkte Heil erfahren können.

Von dem Geheilten heißt es: „und er konnte richtig reden“. Das bedeutet nicht, dass er nur die Buchstaben bzw. die Laute richtig aussprechen konnte, denn wir kennen in unserer Sprache den Zusammenhang von „recht, gerecht und Gericht“. Das rechte Wort zur rechten Zeit finden, wenn es um eine schwierige Lebenssituation geht. Vor Gericht bekommt der Geschädigte sein Recht, und das Unrecht wird beendet.

Noch einen weiteren Hinweis gibt unsere Sprache. Wir sagen: Man kann einen Menschen „totreden“ oder auch „totschweigen“, man kann ihn auch mit Worten „schlagen“ – das sind eben „Schlagworte“.

Wir können (am Beispiel Jesu) Hören lernen und einüben, es hängt davon ab, wie wir unsere Mitmenschen sehen und ob ich in ihnen ein Geschöpf Gottes sehe. Sehe ich jeden Menschen so oder nur manche, die ich mir aussuche?

Es heißt: „Jesus blickte zum Himmel und seufzte“ – ein feiner Hinweis. Das Heilen von Taubstummen, das durch gute Gespräche geschaffene Klima hat seine letzte Rückbindung bei Gott. Unser Mühen ist Erfüllung des Willen Gottes.

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