Geistliches Leben

Donnerstag, 22. Juni 2017

Vertrauen in Gott steht über allem

Nur so können wir uns befreien aus dem Teufelskreis der Angst – Gedanken zum Matthäus-Evangelium 10, 37–42 von Pastoralreferentin Regina Mettlach

Was bedeutet es für uns, Leben zu gewinnen? Was erwarten wir vom Leben? Jeder hat wohl seine eigenen Vorstellungen, aber sehr viele würden sagen: Zu einem gelingenden Leben gehören Freude, gute Beziehungen innerhalb und außerhalb der Familie, eine erfüllende Arbeit …

Das heutige Evangelium kann uns da erst einmal irritieren: Das alles, was uns im Leben wichtig ist, soll in der Nachfolge Jesu nichts mehr wert sein? Wir sollen es hinter uns lassen? Ist eine solche Nachfolge Jesu überhaupt möglich, kann man so auf Dauer leben? Jesus vertraut offensichtlich darauf, dass es trotz aller Bedenken Menschen gibt, die Gott ganz tief vertrauen und die ihn anderen vermitteln können als einen Urgrund, der ihr Leben trägt und der sie bereit macht, neben der eigenen Familie auch andere Menschen in ihre Liebe einzubeziehen. Dieses Vertrauen in Gott macht sie auch fähig, Böses zu überwinden und nimmt ihnen die Angst, im Leben zu kurz zu kommen.

Ein Blick in die Geschichte der Kirche zeigt, dass es immer wieder Menschen gegeben hat, die die Forderungen Jesu radikal angenommen und gelebt haben. Franz von Assisi zum Beispiel, der so tief vom Wort Gottes getroffen wurde, dass er auf der Stelle sein Leben änderte. Er gab sein großes Vermögen weg und lebte fortan in großer Einfachheit und tiefer Gottverbundenheit. Er blieb nicht alleine, es scharten sich Gleichgesinnte als Weggefährten um ihn, woraus dann später eine Ordensgemeinschaft wurde. Im Laufe der Zeit kristallisierten sich im Mönchtum drei spirituelle Grundhaltungen heraus, die bis heute Geltung haben: Armut, Ehelosigkeit und Gehorsam. Ein Mensch, der im Orden lebt, hat keinen oder nur einen sehr geringen persönlichen Besitz. Er bindet sich nicht an einen Ehepartner, sondern an seinen Orden, letztlich an Gott. Er ist bereit, Gehorsam zu leisten gegenüber dem, was die Ordensleitung für richtig und notwendig hält.

Die Werte, die hinter den drei monastischen Grundhaltungen stehen, haben auch eine Bedeutung für den „normalen“ Christen. So sollte Geld immer Mittel zum Zweck bleiben und nicht Zweck an sich werden. Und von dem Geld, das einem zur Verfügung steht, sollte immer etwas eingeplant werden für die, die nichts haben, für die Armen dieser Welt.

Auch wer mit einem Partner zusammenlebt, sollte sich nicht in einer Zweisamkeit einrichten, die sich nach außen abschottet. Die Partnerschaft sollte nicht der einzige Lebensinhalt sein. Auch für Lebensgemeinschaften gilt, was Jesus in der Bergpredigt formuliert hat: „Sucht zuerst das Reich Gottes – und alles andere wird euch dazugegeben werden.“

Gehorsam schließlich hat mit Horchen und Hinhören zu tun. Als Mensch bin ich eingebunden in ein größeres Ganzes, das mein Hinhören erfordert. Ich muss meine persönlichen Wünsche auch einmal zurückstellen, damit die Gemeinschaft – die partnerschaftliche, die staatliche, die kirchliche – Bestand hat. Mein Leben dient nicht nur mir selber, es dient einem größeren Ganzen. Daran mitzuarbeiten hat Gott uns als Aufgabe gegeben.

So könnte man sagen: Im christlichen Sinne gewinnt einer das Leben, der etwas übrig hat für die Armen dieser Welt; der sich nicht abschottet von der Welt, sondern über den Tellerrand seines Lebens hinausschaut; der zum Wohl der Gemeinschaft auch einmal seine eigenen Wünsche und Ansprüche zurücksteckt.

Keine Angst sitzt uns so tief in den Knochen, wie die Angst, unser Leben zu verlieren. Das kann die Angst vor dem Sterben sein, die Angst vor einem Unfall oder einer Krankheit, aber auch die Angst, dass wir das Leben verlieren mitten im Leben. Wir fürchten vielleicht, dass sich all unser Mühen am Ende als sinnlos erweisen könnte, dass wir um die Früchte unseres Lebens betrogen werden, dass eine tragende Lebensbeziehung in die Brüche geht, dass wir letztlich nichts vom Leben haben.

Wer Angst hat, fängt an, um sich selbst zu kreisen. Um aus diesem Teufelskreis herauszukommen, muss man vertrauen lernen. Wer sich von Gott gehalten weiß, der kann sich auch verschenken, ohne zu fürchten, dabei ärmer zu werden. Und wer sich verschenkt, der gewinnt an Lebensqualität. Er gewinnt ein Leben, das bleibt. Leben bedeutet immer auch Wagnis. Sicherheit dafür, dass unser Leben in der Nachfolge Jesu gelingt, haben wir nicht. Aber wir haben Jesu Zusage, dass er mit uns geht. Wenn „die Sache Jesu“ eine Zukunft haben soll, braucht es Menschen, die sich ihr immer wieder selbstlos zur Verfügung stellen. Jeder trägt seinen Teil zum Ganzen bei. Ein Lied, das von dem Theologen Wilhelm Wilms stammt, bringt es auf den Punkt: „Wenn jeder gibt, was er hat, dann werden alle satt.“

Gott erwartet keine Perfektion von uns. Was nach Kräften und mit dem Herzen gegeben wird, das wird auch die Herzen der Menschen erreichen. Jemand hat einmal gesagt: Wir ahnen gar nicht, was Gott aus den Bruchstücken unseres Lebens machen kann, wenn wir sie ihm nur hinhalten.

Schreiben Sie Ihre Meinung zu diesem Beitrag an:  Redaktion
Keine Kommentare

Pilger-Community

Um Kommentare verfassen zu können müssen Sie in der Pilger-Community angemeldet sein.

Falls Sie noch kein Benutzerkonto haben, können Sie sich
hier kostenlos registrieren.

Die Kommentarfunktion dient dem Austausch der Pilger-Community untereinander. Alle Kommentare drücken ausschließlich die Ansichten der Autoren (Nutzer) selbst aus. Der Betreiber der Website www.pilger-speyer.de ist für den Inhalt einzelner Beiträge nicht verantwortlich. Hier finden Sie die  ausführlichen Nutzungsbedingungen und Regeln zur Kommentarfunktion.

Zurück zum Archiv

Anzeige

Abo der Pilger

Bestellen Sie bequem online Ihre persönliche Ausgabe der Kirchenzeitung.

Anmeldung im Benutzerbereich

Passwort vergessen?
neu registrieren