Geistliches Leben

Donnerstag, 24. November 2016

Wach werden und wach bleiben

Nicht Angst ist der Grund dafür, sondern die freudige Erwartung – Gedanken zum Matthäus-Evangelium 24, 37–44 von Pastoralreferentin Annette Schulze

„Pass auf, sonst fällst Du noch die Treppe runter!“ An diese Warnung aus meiner Kindheit denke ich manchmal heute noch, wenn ich vor einer besonders steilen Treppe stehe. „Ach, hätte ich doch nur aufgepasst, dann wäre das mit dem Sturz nicht passiert!“ So überlegen Patientinnen und Patienten in der Unfallklinik immer wieder, wenn sie nach mehreren Operationen mühsam wieder auf die Beine kommen. In dieser Situation ist das Bedürfnis nach Sicherheit absolut verständlich. Wenn  aber jemand ständig in „Hab- Acht- Stellung“ ist, damit nur ja nicht Schlimmes passiert, dann habe ich doch Bedenken. Es kann doch nicht die Angst sein, die uns leitet!

Das Sonntagsevangelium zum Ersten Advent könnte sich allerdings in diese Richtung verstehen lassen. Es geht um die Ankunft, aber da ist weder von Vorbereitung noch von Vorfreude die Rede. Sie geschieht ganz „plötzlich und unerwartet“, sie reißt aus dem Leben heraus – wie die Sintflut nichtsahnende Menschen überrascht und überrollt hat. Matthäus verwendet erschreckende Bilder, wenn er beschreibt, wie einer von zwei Menschen mitgenommen und einer zurückgelassen wird. Es gibt nur entweder – oder. Bilder, die zur Wachsamkeit aufrufen wollen. Letztlich aber machen sie doch Angst. Soll unser Glaube uns dazu führen, dass wir in Angst und Schrecken leben? Von Angst besetzt vor dem, was passieren könnte, was schiefgehen könnte. Und es kann eine Menge schiefgehen, wenn wir morgens das Haus verlassen, im Straßenverkehr, bei der Arbeit. Wenn wir uns von der Angst bestimmen lassen, werden wir eng. Wir ziehen den Kopf ein. Wir leben nicht wirklich.

Aber das ist nicht die Haltung unseres Glaubens. Gott will uns nicht in Angst und Schrecken vor dem Leben und vor dem Tod sehen. Sicher ist nicht einfach alles egal: unsere Entscheidung, unsere Haltung zum Leben ist gefragt und wichtig. Aber es ist ein Unterschied, ob ich aus Angst vor dem Dieb wachbleibe oder aus einem Bewusstsein für das Leben.

Matthäus ruft auf zur Wachsamkeit. Wach sein, offen und aufmerksam – in meinem Alltag denke ich da an Ärztinnen und Pfleger im OP – und natürlich möchte ich, dass sie wach sind und fit bei ihrer Arbeit, von der manchmal ein Menschenleben abhängt.  Ich denke an Kinder, die ganz wach sind – beim Spielen, Malen, Toben – ohne einen Zweck, einfach nur so. Ich denke an manchen besonderen Moment in meinem Leben, in dem von meinem Gefühl her die Zeit stehen blieb und ich einfach sein konnte.

In all diesen Situationen, der Herausforderung im OP, der Gelassenheit eines Kindes, dem Geschenk des Augenblicks, geht es nicht darum, aus Angst bewusst und wach da zu sein. Thema dieses Textes und auch der Adventszeit ist nicht das Leben in Angst und Schrecken vor der Strafe, die uns ereilt, wenn wir den Ansprüchen nicht genügen. Die Frage ist auch, wessen Ansprüche da überhaupt zählen. Die höchsten Ansprüche sind wahrscheinlich unsere eigenen, und die Angst, zu versagen, liegt verborgen in uns selbst. Aber darum geht es weder der frohen Botschaft noch dem Advent.

Es geht um Wachsamkeit. Darum, bereit zu sein für die Ankunft Gottes – mitten in den vielen einzelnen Momenten, aus denen unser Leben besteht. Gott, an den wir glauben als die Kraft, aus der alles geschaffen ist, kommt an – in unserer Welt, in unserem Leben, in unserem Herzen – als einer von uns, als einer von den anderen, als Gott und als Mensch. Um seine Ankunft geht es – damals wie heute – genau da, wo wir sind. Mitten in der Herausforderung unseres Tages, mitten im zweckfreien Spiel, mitten im Geschenk eines Augenblicks  kommt Gott an. Unerwartet, weil wir nicht mit ihm rechnen in den Höhen und Tiefen, den großen und den unbedeutenden Momenten unseres Lebens. Und weil Gott ankommt und „da ist“ in unserem ganz gewöhnlichen Leben, können wir „unsere Wege gehen im Licht des Herrn“. Wir brauchen nicht dem Vergangenen nachzutrauern oder das Leben auf die Zukunft zu verschieben. Wir können anfangen, im Heute zu leben. In unserem Jetzt anzukommen.  Auch wenn das Jetzt vielleicht unerfreulich und enttäuschend oder schmerzhaft ist. Wir können wach sein und bereit  für die Begegnung mit Gott, auch in Zweifel und Sorge, Not und Leid.

Gottes  Ankunft naht wie jedes Jahr, wie jeden Tag. Er kommt in eine Welt, in der Angst und Schrecken im Großen wie im Kleinen ihren Platz haben. Er hält die Angst mit uns aus und gibt uns in Jesu Worten das Versprechen, dass wir leben sollen – in Fülle. Und er schenkt immer wieder die Kraft und den Mut, die wir brauchen, um weiter zu gehen – und eine neue Perspektive:  von der Angst zur Hoffnung, vom Herrscher zum Kind, vom Tod zum Leben.

Lassen Sie uns gemeinsam mit ihm wach bleiben, wach werden, wach sein, damit wir lebendig im Hier und Jetzt Gottes Geburt feiern können.

Schreiben Sie Ihre Meinung zu diesem Beitrag an:  Pastoralreferentin Annette Schulze
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