Geistliches Leben

Donnerstag, 28. Juli 2016

Wachend warten. Und bekennen!

Wie kaum zuvor ist unser klares Bekenntnis zu Jesus Christus gefragt – Gedanken zum Lukas-Evangelium 12, 35–40 von Diplom-Theologe Klaus Haarlammert

Leider ist in unserer Wahrnehmung der Worte Jesu so vieles so arg abgebraucht, dass wir die Schärfe, die in ihnen steckt, dieses Drängende, die Tragweite, dieses Hier und Jetzt gar nicht mehr hören. Liegt das daran, dass wir diese Worte schon so oft gehört haben? Oder sind sie uns so weit weg in die Vergangenheit hinein ausgelegt worden, dass wir sie gar nicht mehr für die Gegenwart nehmen? Oder hat uns die lange Geschichte so abgestumpft, die Gewohnheit so eingelullt, dass wir einfach keine Sensibilität haben für das, was am Ende sein wird?

Was Jesus hier sagt, steht in seiner Mahnrede auf dem Weg nach Jerusalem. Das sind so etwas wie „letzte Worte“, wie ein „Vermächtnis“, ein „Erbe“. Da geht es um Warnung vor Heuchelei, davor, Jesu Botschaft zu entschärfen, zu verharmlosen, weichzuspülen, seine Worte  zurechtzulegen, einer falschen selbst gebastelten Sicherheit zu folgen. Da geht es um das furchtlose, kompromissfreie Bekenntnis, dieses glasklare Auftreten, ob es passt oder nicht, darum, bereit zu sein, gegen den Strom zu schwimmen. Da geht es um die Frage, was wichtig ist und woran das Herz hängt. Von alledem handelt dieses zwölfte Kapitel im Lukas-Evangelium, das wiederum Teil eines größeren Ganzen ist. Und dazu gehören diese paar Verse des heutigen Evangeliums. Sie sind zwar an die Jünger gerichtet, doch  an die Gemeinde, für die Lukas schreibt. Und über diese konkrete Gemeinde hinaus an alle Gemeinden nach ihr, über den Graben der langen, weiten Geschichte bis heute, so auch an die „Gemeinde“, die wir selbst sind, gerade weil wir, durch die lange Geschichte, nicht mehr wachsam und achtsam sind.

Den Gürtel anbehalten und die Lampen brennen lassen bedeutet, nicht schlafen zu gehen, sondern bereit zu sein, die Tür zu öffnen. In den ersten Gemeinden war wohl schon die Gewöhnung eingetreten: Das Feuer der Begeisterung war eingefangen, brannte zwar noch, aber in einer sicheren Feuerstelle oder gar bereits auf Sparflamme; der Aufbruch war in einer bequemen Sesshaftigkeit gebändigt; man hatte sich in seinem Glauben eingerichtet, schon erste Formeln und Sätze geprägt, die in sich gut sind, aber dazu verleiten, nur sie festzuhalten und zu bekennen, um sich nicht mehr bewegen zu müssen; und erste Strukturen waren geschaffen, die Sicherheit bieten, aber auch die Gefahr in sich bergen, es sich in ihnen bequem zu machen und gar sie für das Eigentliche zu nehmen. Das alles führt zwangsläufig zu einer gewissen Ermüdung und Schläfrigkeit, die jede Spannung und Lebendigkeit ausschaltet. Dagegen setzt Jesus die Mahnung, wach zu bleiben, allzeit bereit zu sein für den Herrn, wenn er kommt, und sein Kommen richtet sich nicht nach einem im voraus festgelegten Zeitpunkt und in keinem Orgaplan oder Terminkalender ist sein Kommen eingetragen. Im Gegenteil: Der Herr kommt zu einer Stunde, in der es gerade gar nicht zu erwarten ist, zu einem Zeitpunkt, an dem es gerade gar nicht passt.    

Wenn wir das Evangelium ernst nehmen als auch für heute gültig und verbindlich, sagt Jesus dies hier ja nicht nur damals, sondern gerade uns: Wir sind gemeint, die Mahnung gilt uns. Da trifft sie den Kern: Gibt nicht unser Christsein, geben nicht wir, unsere Gemeinden dieses eben gezeichnete Bild ab? Nach außen scheint alles gut, aber innen? Gewiss, da ist auch viel Eifer, viel Engagement festzustellen, aber sind dies nicht Einzelne oder einzelne Gruppen? Wie sieht es im Großen und Ganzen aus, in dem wieder der Einzelne mit seinem Zeugnis gefragt ist? Ist unser Glaubenszeugnis lebendig, hat es das Feuer der ersten Zeugen? Warten wir so auf den Herrn, wie Jesus es fordert? Oder sagen wir eher, dass der Herr ja kommen soll, aber noch nicht so bald?

Ein Aspekt dieses Wartens, das kein untätiges „Wartezimmerwarten“ sein darf, sondern ein höchst lebhaftes, aktives Warten sein muss, ist das Bekenntnis unseres Glaubens. Gerade heute ist unser Bekenntnis so wichtig, und gerade heute liegt es gerade da im Argen: Kennen wir unseren Glauben so, dass wir zu jeder Zeit jedem Rede und Antwort stehen können, der uns danach fragt? Heute ist unser Glaube gefragt wie selten zuvor, nicht nur in den brennenden ethische-moralischen Fragen, sondern mehr noch im Alltäglichen, zum Beispiel im Zusammenleben mit Andersgläubigen. Es ist sehr einfach, den ebenso dumpfen, gefährlichen wie grundfalschen Parolen von der „Islamisierung“ unserer Gesellschaft nicht zu widersprechen oder gar zuzunicken. Der Grund dafür, dass hier ein „fremder“ Glaube so stark auftritt, liegt daran, dass unser Glaube so schwach erscheint. Bevor wir eine nicht vorhandene „Islamisierung“ lautstark anprangern, sollten wir gegen die schon lange währende „Atheisierung“ unserer Gesellschaft, unseres Lebens angehen.

Das klare, feste und wache Bekenntnis zu Jesus Christus, mit allen Folgerungen für unser Leben, muss unser Warten auf den Herrn bestimmen. Das grenzt nicht ab und aus, sondern schließt die Achtsamkeit für die ein, die anders leben und anders glauben. Wenn uns dies mehr und mehr gelingt, bereiten wir uns gut vor auf den Herrn, ganz gleich, wann er kommt.   

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