Geistliches Leben

Mittwoch, 22. November 2017

Wachsamkeit der Hoffnung

Rückzug ist keine Option: Wir müssen mutig dem Herrn entgegen gehen – Gedanken zum Markus-Evangelium 13, 33–37 von Pfarrer i.R. Bernhard Lin­vers

Mit dem Ersten Adventssonntag beginnt ein neues Kirchenjahr; es kann eine Chance sein, ohne „Silvestertrubel“ ein wenig über unser Leben nachzudenken.

Wir feiern Advent, und doch ist Jesus schon lange gekommen. Wir bereiten uns auf die Ankunft des Herrn vor, und doch ist er schon lange da. Wir feiern Advent, weil sein Kommen damals auch heute gilt. Jesus will auch heute – durch uns – in dieser Welt und bei den  Menschen in unserer Welt ankommen. Wie aber können wir dieses Kommen spüren und bemerken?

Dazu gibt uns das heutige Evangelium einige Hinweise. Wir können uns dadurch vorbereiten, dass wir „wachsam“ werden. Es gibt verschiedene Formen der Wachsamkeit, die wir unterscheiden müssen.

Da gibt es die Form der Angst: Bei jedem Neuen (beispielsweise in der Wirtschaft, in der Kirche) fühlt der Mensch sich bedroht und muss sich wehren. Da lässt man Menschen, die Neues bringen, nicht mehr an sich heran und kapselt sich ab. Das findet man nicht nur bei einzelnen Menschen, sondern auch bei Organisationen, bei Staaten und manchmal auch in der Kirche.   

Selbstverständlich gibt es auch eine berechtigte Wachsamkeit vor Gefahren im persönlichen wie im politischen Bereich. Das erleben wir gerade in der jüngsten Vergangenheit. Sicherheit ist ein hohes Gut für den Menschen, und wir müssen in vielen Bereichen Vorsorge treffen. Aber wir wissen auch, es gibt keine absolute Sicherheit. So dürften wir uns zum Beispiel nicht „nach draußen trauen“ oder „ins Internet gehen“. Es ist ein Balanceakt zwischen Selbstisolierung und sich neuen Herausforderungen stellen.   

Es gibt aber auch die Wachsamkeit der Hoffnung. Sie spürt schon das Kommende, sie wagt sich heraus, traut sich Neues zu.  „Jedem übergab der Herr eine bestimmte Aufgabe“, heißt es im Evangelium. Wachsam sein heißt, die Aufgabe entdecken, die Gott mir anvertraut hat. Es geht also nicht um bloßes Abwarten, sondern um die Frage, welche Fähigkeiten hat er mir gegeben, um zu spüren, was neue Zukunft eröffnen kann, und dies auch aktiv anzunehmen. Da können natürlich auch Fehler passieren, aber ohne dieses Wagnis fallen wir nur in Altes zurück.  

Das Evangelium nennt ein Beispiel für das „Wachsamsein“: Ein Hausbesitzer verreist, ohne den Termin seiner Rückkehr zu nennen. Er überträgt die Verantwortung für sein Eigentum seinen Dienern, jedem eine bestimmte Aufgabe. Dem Türhüter befiehlt er „wachsam“ zu sein. Was bedeutet dieses Bild? Der Türhüter steht an der Grenze von drinnen und draußen. Er kann es sich drinnen im Haus nicht bequem machen und schlafen; er kann draußen nicht spazieren gehen und sich die schöne Gegend ansehen. Er muss wachsam sein in der grellen Helligkeit des Tages und in der Finsternis der Nacht. Er kann nicht nur seinem Augenschein trauen, er muss lernen, mit all seinen Sinnen Gefahren zu entdecken, und sie abwenden. Er will wissen, was tatsächlich los ist; er will nicht von sogenannten Hausherren hereingelegt werden, die in Wirklichkeit Betrüger sind. Er weiß, dass man versuchen wird, ihn in der Dunkelheit „auszutricksen“. Er ist Realist.                                                                                                    

Dieser Text ist sicherlich ein so genannter „Endzeittext“, der auf die Wiederkunft des Herrn am Ende der „zeitlichen Welt“ ausgerichtet ist, wenn Christus (wieder)kommt, um unsere Welt zu vollenden. Es gibt ein Ende der Zeit. Nur so wird christliches „Geschichtsbewusstsein“ aufgebaut, zu dem das Wissen um das Ende der Zeit gehört. Das Wann, Wo und Wie dieser Ankunft kennt niemand, aber wir dürfen die Frohbotschaft nicht einfach auf diese Wiederkunft hinausschieben – das wäre Vertröstung. Gerade im Markus-Evangelium sagt Jesus zu Beginn seines öffentlichen Auftretens: „Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um und glaubt an das Evangelium!“      

Versuchen wir, unser Leben zu gestalten, vom Ziel her, von der Vollendung her! Träumen wir nicht von einer utopischen Welt, sondern leben wir im Hier und Jetzt! Liefern wir uns nicht Täuschungsmanövern aus, die uns eine Welt ohne Probleme vorgaukeln!

Es gibt wohl kaum ein christliches Leben, das ohne Zeiten geistlicher Erschöpfung, ohne Durststrecken auskommt, in denen das Gebet ermüdet, die Glaubensfreude nachlässt, die Hoffnung schwach wird. Angefochten werden wir durch Enttäuschungen – vielleicht auch in unseren religiösen Lebenserwartungen, ob als Jugendlicher, Erwachsener oder auch  älterer Mensch. Wie oft empfinden wir eine Mischung aus Sehnsucht nach Gott und dem Leiden an der eigenen Unfähigkeit, sich auf Gott hin auszurichten. Begegnen wir all dem durch wache Aufmerksamkeit, durch den Mut zur Geduld!

Beginnen wir in diesem Advent, den Herrn auch in der Dunkelheit zu suchen, ziehen wir uns nicht zurück in eine sichere Behausung, wo auch „die anderen alle sind“, wo wir unter uns sind – in einer festen Burg! Wecken wir auch andere, damit wir bereit sind, den Herrn zu empfangen!  

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