Geistliches Leben

Mittwoch, 25. Mai 2016

Wanderer zwischen den Welten

Der glaubende Hauptmann und die zweifelnden Juden – Gedanken zum Lukas-Evangelium 7, 1–10 von Hartmut von Ehr

Ein spannender Mann, dieser Hauptmann von Kafarnaum. Heute würde man ihn als Hundertschaftsführer bezeichnen, der einer Einheit mit circa hundert Soldaten vorsteht. Bestimmt haben die Soldaten dafür Sorge zu tragen, dass es in der kleinen Stadt Kafarnaum nicht zu Aufständen unter der jüdischen Bevölkerung gegen die Römer kommt. Denn beide Völker verstehen sich nicht eben gut. Den Juden ist es ein Dorn im Auge, dass sie in ihrem eigenen Land von diesen Heiden befehligt werden. Die Heiden werden nicht selten von den Juden als „Hunde“ beschimpft, und diese stehen in ihren Augen auf einer Stufe mit Prostituierten, Verrätern und Verbrechern.

Auf der anderen Seite mögen auch die Römer die Juden nicht sonderlich. Nicht selten machen sie sie zur Zielscheibe ihres Spotts. Für sie  sind die Juden die Verächtlichsten aller Sklavenvölker. Nicht die besten Voraussetzungen für ein friedliches Zusammenleben.

Diesen Zwiespalt scheint der Hauptmann für sich überwunden zu haben. Man könnte ihn als einen „Wanderer zwischen den Kulturen“ bezeichnen. Ob er sich schon als Proselyt dem jüdischen Glauben angeschlossen hat, kann man dem Text nicht entnehmen. Allerdings ist er anscheinend zu den Juden besonders freundlich und geht sogar so weit, dass er ihnen eine Synagoge erbaute.

Hinzu kommt, dass er auch für seine Untergebenen ein großes Mitgefühl besitzt. Es ist für einen Herrn sehr ungewöhnlich, sich so besorgt um einen Sklaven zu zeigen. So lässt er die „Ältesten der Juden“ bei Jesus bitten, den Diener zu heilen.

Das wiederum ist für die Ältesten eine seltsame Situation. Sie glauben nicht an Jesus, doch ihre Freundschaft zu dem Hauptmann zwingt sie, zu ihm zu gehen Und sie erzählen Jesus von der Liebe des Hauptmanns zu den Juden. Interessant ist, dass sie sagen: „Er ist es wert, dass du ihm hilfst.“ Der Hauptmann sagt von sich selber: „Ich bin nicht würdig.“ Damit meinte er: „Ich bin nicht wichtig genug.“ Doch er glaubt, dass Jesus heilen kann, ohne leiblich anwesend zu sein. Ein „Wort“ von ihm würde reichen, um die Krankheit zu vertreiben.

Der Hauptmann kennt sich aus mit Befehlsgewalt und Verantwortung. Er hat genügend Erfahrung auf diesem Gebiet. Er steht unter der Befehlsgewalt der römischen Armee und ist verantwortlich, ihren Anweisungen Folge zu leisten. Ebenso hat er  Soldaten unter sich, die seinen Befehlen sofort zu gehorchen haben. So meint er zu erkennen, dass Jesus mit derselben Befehlsgewalt Krankheiten heilen kann.

Das drückt ein hohes Vertrauen in die Kompetenz Jesu aus. Ihm überlässt er das Leben seines Dieners. Ob er Jesus als Gottes Sohn ansieht, wird nicht deutlich. Aber die Demut und der Glaube des Hauptmanns sind bemerkenswert. Er ist der Meinung, „nicht würdig“ genug zu sein, dass Jesus in sein Haus kommt. Auch fühlt er sich „selbst nicht würdig“, persönlich zu Jesus zu gehen.

Wenn ein Mensch seine eigenen Grenzen anerkennt, wenn er spürt, dass Äußerlichkeiten wie Macht, Besitz und Ansehen vergängliche Werte sind, dann kann er einen freien Blick bekommen. Frei für die Menschen, denen gerade diese äußeren Werte verwehrt bleiben. Frei für die, die keine Stimme haben, für die man aber die eigene Stimme und den eigenen Einfluss erhebt.

Wir Leser des Evangeliums wissen, dass dieser Hauptmann das Leben seiner Dieners dem Sohn Gottes anvertraut hat. Seine Worte benutzen wir heute in jeder Eucharistiefeier, bevor wir die Heilige Kommunion empfangen. In manchen Gesprächen habe ich erfahren, dass sich manche Katholiken schwer tun mit diesen Worten. Sie werden eher als eine Unterwerfungsformel gedeutet, also eine Form der Selbsterniedrigung, die dem autonomen Menschen heute widerspricht.

Aber ist es nicht umgekehrt? Diese Formel drückt unsere Würde aus, dass wir uns vertrauensvoll an Gott wenden dürfen. Es befreit von der Last, dass wir Menschen alles alleine  leisten müssen. Es befreit, nicht alles beherrschen zu müssen. So wie der Hauptmann seinen Knecht nicht aus eigener Kraft hätte heilen können, so können auch wir uns nicht alleine das Heil zusprechen. Wir wissen, dass Gott uns helfend beistehen wird: „Aber sprich nur ein Wort, so wird unsere Seele gesund.“

Schreiben Sie Ihre Meinung zu diesem Beitrag an:  Diakon Hartmut von Ehr
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