Kultur

Mittwoch, 10. Juli 2019

Warum Reisen so hoch im Kurs steht

Von Fernweh, Tapetenwechsel und der vergnüglichen Erweiterung des Horizonts

Manchmal reichen schon zwei, drei Tage an einem anderen Ort, um zu entspannen und Neues zu entdecken. Foto: Pixabay

Für viele ist der Urlaub die beste Zeit des Jahres. Dabei verändert sich die Art des Reisens ständig. Der Tourismus in heutiger Form ist ein recht modernes Phänomen: Erstmals geprägt wurde dieser Begriff vom französischen Autor Stendhal im Jahr 1846.

Dass sich das Unterwegssein erst allmählich zum Massenphänomen entwickelte, hatte zunächst praktische Gründe, etwa in Form der Transportmittel. Anschaulich macht das derzeit das Museum Schloss Lübben: Ein Laufband, ausgeliehen von einem örtlichen Fitnessstudio, steht im Mittelpunkt eines Ausstellungsraums, umgeben von mannshohen Stellwänden mit Bildern aus dem Spreewald. Besucher sind eingeladen, das Band zu testen und der Wanderlust nachzuspüren, die ab Mitte des 19. Jahrhunderts aufkam. Sperrige Koffer oder ein schweres Reisebügeleisen erinnern daran, dass das Unterwegssein damals in vielerlei Hinsicht beschwerlicher war als heute.

Seither hat sich der Tourismus immer weiter ausdifferenziert: Unter dem Begriff werden so unterschiedliche Formen von Freizeitvergnügen zusammengefasst wie Bildungs- oder Sauftourismus, Festival- oder Gesundheitstourismus, aber auch problematische Phänomene wie Sextourismus. Daran erinnert der italienische Autor Marco d‘Eramo in seinem Sachbuch „Die Welt im Selfie. Eine Besichtigung des touristischen Zeitalters“. Die Motive für das Reisen sind ebenso unterschiedlich: Reisen bildet – das war schon zu Goethes Zeiten bekannt, der das Bild von Italien als Sehnsuchtsland der Deutschen entscheidend mitprägte. Für den Dichter war der Weg nach Süden beinahe eine Fernreise, heute lächeln Touristen über zwei, drei Stunden Flugzeit.
Ziel des Urlaubs kann es sein, Kultur- und Naturschönheiten zu entdecken. Andere freuen sich über Zeit mit lieben Menschen oder suchen das Abenteuer. Und manche nennen als Motto: „Der Weg ist das Ziel“: Etwa beim Pilgern, einer ursprünglich wenig touristischen Form, ist auch das Unterwegssein von entscheidender Bedeutung – nicht nur das Ankommen.

Ein Tapetenwechsel kann bisweilen Wunder wirken. In der Literatur und Kunst aller Epochen wurden äußere Reisen immer wieder mit einer inneren Entwicklung verbunden: von Homers Odyssee bis zu „Unterwegs“, jenem Roman von Jack Kerouac, der in den 1950er Jahren zum Manifest der Beatniks wurde.

Doch verändern Reisen einen Menschen tatsächlich? Zumindest können sie zur Selbstverortung beitragen – wer unterwegs ist, gewinnt Abstand von Alltag und Sorgen. Neue Perspektiven können einen Wandel anstoßen, und wenn aus der Ferne alles kleiner wirkt, kommt vielleicht eine entscheidende Idee.
Inzwischen wächst zudem das kritische Bewusstsein für den modernen Massentourismus – Stichwort Klimawandel, ökologischer Fußabdruck, „Flugscham“. Und das ist nicht das einzige Problem: Autor d‘Eramo sieht zudem mit Skepsis, dass immer mehr Altstädte die Unesco-Welterbe-Auszeichnung erhalten. „Eine Stadt besteht nicht nur aus Architektur. Eine Stadt ist ein lebendiges Geflecht aus Beziehungen, Geschäftsbeziehungen, Freundschaften, Nachbarschaften. Das kann man nicht mit einem Gütesiegel bewahren“, sagte er einmal der „Welt“.

Etwas anderes sei es, wenn ein einzelnes Kunstwerk oder Bauwerk zum Weltkulturerbe erklärt werde. Aber, so d‘Eramo: „Wir müssen unsere historischen Städte erhalten, indem wir sie modern nutzen, statt nur auszustellen.“ Etwa die Altstädte von Brügge, Korfu und Dubrovnik zählen zum Weltkulturerbe. Manch überlaufende Stadt behilft sich mit Besucherbeschränkungen.

Die Frage sei nicht, ob Tourismus erwünscht oder unerwünscht sei – vielmehr müsse zwischen Touristen und Tourismus unterschieden werden, so d‘Eramo: „Die Industrie als Institution braucht Regeln.“ Das Recht auf Tourismus für den Einzelnen könne man jedoch nicht einschränken, „ohne seine Freiheit zu beschneiden“.

Das moderne Reisen bleibt zwiespältig: Einerseits bereitet es Freude und ist in vielen Gegenden ein zentraler Wirtschaftsfaktor, andererseits will niemand Umweltschäden, soziale Konflikte oder Geisterstädte, in denen nur noch Touristen hausen. Unabdingbar sei eine „vernünftige Tourismuspolitik“, so der Experte.

(Paula Konersmann, kna)

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