Geistliches Leben

Mittwoch, 26. Juni 2019

Was Nachfolge wirklich bedeutet

Gedanken zum Lukas-Evangelium 9, 51–62 von Pastoralreferent Martin Wolf

Was macht uns zu wirklichen Jesus-Jüngerinnen und -Jüngern? Eine Frage, vor der wir Glaubenden ja genau genommen immer wieder stehen. Was dabei ganz gern ausgeblendet wird ist, wie radikal Jesus sie gegenüber seinen engsten Anhängern beantwortet hat, und zwar mehr als einmal. Auch unsere Bibelstelle lässt es in dieser Frage kaum an Deutlichkeit fehlen.

Jesus macht sich auf den Weg nach Jerusalem, ganz bewusst und wohl auch darum wissend, was ihn erwartet. Die Zeit sei für ihn gekommen, „in den Himmel aufgenommen“ zu werden, mit anderen Worten: Die Zeit ist nun reif, um zu leiden und zu sterben. Das heißt aber auch, Jesus entschließt sich hier ganz bewusst zu dieser letzten Reise, in Vorahnung ihres dramatischen Endes. Ein Weg, der sich beim Evangelisten Lukas von nun an über die folgenden zehn Kapitel erstrecken wird.

Die vorgeschickten Jünger durchqueren zunächst das Gebiet der Samaritaner, die von den Juden nicht als gleichwertige Glaubensgeschwister akzeptiert werden, auch wenn man gegen ihre Gastfreundschaft offenkundig wenig einzuwenden hat. Ein Nachtquartier sollen sie in Samaria organisieren. Umgekehrt aber sind auch die Samaritaner den Juden in herzlicher Abneigung verbunden und Juden auf ihrem Weg nach Jerusalem zu beherbergen, das wollen diese offenkundig auch nicht. Bemerkenswert ist, dass sich schon damals der Zorn der Zurückgewiesenen sogleich in wirren Gewaltfantasien entlädt. Es ist leider kein neues Phänomen. Nur von ihrem Meister und seiner Botschaft scheinen diese Jünger nicht wirklich viel begriffen zu haben. Jesus verliert kein Wort über die bockigen Samaritaner, staucht dafür aber seine eigenen Leute ob ihrer wirren Rachegelüste zusammen.

Auf dem weiteren Weg begegnen ihnen drei Menschen, die alle eines verbindet. Sie wollen oder sollen sich Jesus anschließen, also ganz und gar sein Jünger, seine Jüngerin werden. Dem ersten, der diesen Wunsch selber äußert, macht Jesus klar, dass radikale Nachfolge Heimatlosigkeit in dieser Welt bedeuten wird. Dem zweiten, den er zur Nachfolge einlädt, legt er nahe, sich nicht mehr um das anstehende Begräbnis seines Vaters zu kümmern. Der dritte schließlich soll Haus und Familie verlassen, ohne noch mal Abschied zu nehmen. Es sind Forderungen und Bedingungen einer Nachfolge, die Kopfschütteln und Widerspruch hervorrufen, nicht erst heute, auch zur Zeit Jesu. Die Toten nicht zu begraben, seine Familie wort- und abschiedslos zu verlassen waren unerhörte Ansinnen. Freilich machen uns auch diese wenigen Zeilen deutlich, dass der Jesus der Evangelien nicht zum Bild jenes immer lieben, weichgespülten Softies passt, als der er uns manchmal vorgestellt wird. In der zentralen Frage seiner Botschaft vom nahen Gottesreich war er kompromisslos bis zur Selbstaufgabe. Lukas deutet es an, wenn er Jesus aus freiem Entschluss nach Jerusalem ziehen lässt – sehenden Auges in die Katastrophe. Doch was heißt das für jene, die ein Jünger, eine Jüngerin Jesu werden wollen? Was heißt das für uns, die wir uns um seine Nachfolge bemühen?

Jesus erwartet nichts weniger als die unbedingte Ausrichtung auf das Reich Gottes hin und diese Welt mit all ihren Bindungen und Abhängigkeiten hält davon nur ab. Sie wird sowieso bald vergehen, weil Gottes Reich sich durchsetzt, davon war er überzeugt. Diese Haltung war und ist zweifellos radikal, aber ist sie auch lebbar? Ja, wenn man wie er davon ausgeht, dass Gottes Herrschaft quasi vor der Tür steht und unsere oft so armselige Welt bald ablösen wird. Nein, wenn der endgültige Anbruch des Gottesreiches doch noch auf sich warten lässt. Es ist genau die Situation, in der wir uns seit seiner Himmelfahrt befinden und darum bleibt uns wahrscheinlich nur eine Art Spagat übrig. Wir müssen uns in dieser Welt und Gesellschaft einrichten und Vorsorge treffen, für uns selbst und für alle, die uns anvertraut sind. Und dennoch können und dürfen wir jene Vision nie verlieren, die die Vision Jesu war: Die Sehnsucht nach dem Reich Gottes auf Erden, das wir nicht selber aufrichten, dem wir aber „entgegenleben“ können. Motiviert und ermutigt durch Jesu Lebensvorbild, in dessen Reden und Tun sich Gott selber offenbart hat. Als ein uneingeschränkt barmherziger Gott, der auch dem allerletzten Verlorenen noch liebevoll nachgeht und der keine Nichtsnutzigen und Unwürdigen kennt. Diese Vision ist lebbar und sie sollte auch Spuren hinterlassen in unserm Alltag.

Martin.Wolf@bistum-mainz.de

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