Geistliches Leben

Mittwoch, 31. Mai 2017

Was würde Jesus dazu sagen?

Pfingsten als Fest der Realpräsenz Christi – Gedanken zum Johannes-Evangelium 20, 19–23 von Pastoralreferent Dr. Thomas Stubenrauch

Was würde wohl Jesus dazu sagen? In Gesprächen über Gott und die Kirche begegnet mir immer wieder diese Frage. In der Regel antworte ich darauf mit einer Gegenfrage: Wenn wir so über Jesus reden, nämlich im Konjunktiv (würde, hätte …): Tun wir dann nicht so, als sei er nicht (mehr) da? Freilich, irgendwie stimmt das ja auch. Wir gehören nun einmal nicht zu den wenigen, die vor zweitausend Jahren Jesus von Angesicht zu Angesicht begegnet sind, die ihn erlebt, seine Stimme gehört und seine Wunder gesehen haben.

Aber unser Glaube sagt uns etwas anderes: Nämlich, dass die irdisch-menschliche Existenz Jesu keine einmalige, abgeschlossene Episode war, die mit seinem Tod bzw. mit seiner Himmelfahrt zu Ende war. Nein, als Christen glauben wir an die Realpräsenz Jesu. Also daran, dass er uns auch im Hier und Jetzt begegnen und nahe sein will.

Nur – in der Vergangenheit haben wir die Realpräsenz eingeengt und fast nur auf die Eucharistie bezogen: Jesus Christus ist gegenwärtig im Tabernakel, in den verwandelten Gaben von Brot und Wein. Das Evangelium vom Pfingstsonntag kann und will unseren Blick weiten: auf die grundsätzliche Gegenwart des Auferstandenen, der auch hier und heute in der Mitte seiner Jüngerinnen und Jünger zugegen ist – kraft seines Geistes.

Am Beginn der Schriftstelle stellt Johannes uns eine kleine, entmutigte Jüngerschar vor Augen. Nach Jesu Tod sind sie völlig auf sich alleine gestellt. Voll Scham denken sie daran zurück, wie sie ihn feige im Stich gelassen haben. Traurig und resigniert erinnern sie sich an sein grausames Ende am Kreuz. Aus Angst, dass Jesu Schicksal auch sie ereilen könnte, verbarrikadieren sie sich.

Inmitten dieser Furcht und Hoffnungslosigkeit, die sich im Dunkel der anbrechenden Nacht widerspiegelt, zeigt sich ihnen der Auferstandene. Der Evangelist beschreibt dieses Ereignis so schlicht wie möglich. Kein göttlicher Machterweis, keine wundersame Erscheinung – sondern einfach nur: Jesus kam und trat in ihre Mitte. Die Realpräsenz Jesu Christi braucht keinen Thron und  keine Fanfaren. Sie ist kein triumphales Hereinbrechen des Göttlichen in unsere Welt, sondern sie ereignet sich oft völlig unspektakulär, mitten in unserem Alltag, vor allem dann, wenn wir schon fast aufgehört haben, auf Gottes Beistand zu hoffen.

Weiter berichtet Johannes, dass Jesus den Jüngern den Friedensgruß zuspricht und ihnen seine verwundeten Hände und seine geöffnete Seite zeigt. Beides sind Hinweise darauf, dass der, der am Abend vor seinem Leiden den Jüngern seinen Frieden zusagte (vgl. Joh 14,27) und am Kreuz durchbohrt wurde (Joh 19,37), ein und derselbe ist wie der, der sich nun seinen Jüngern zeigt. Realpräsenz blendet somit die Verwundungen und Gebrochenheiten der menschlichen Existenz Jesu nicht aus. Im Gegenteil: Der erhöhte Herr hat seine Wunden nicht abgestreift. Sie sind ihm geblieben – wenn auch verwandelt – als Zeichen, an dem wir ihn erkennen als den, der auch unsere Wunden heilt und verklärt, der unseren aufgescheuchten Seelen (so Dietrich Bonhoeffer) Heil und Frieden schenkt.

Von den Jüngern, die sich gerade noch hoffnungslos und ängstlich hinter verschlossenen Mauern versteckt haben, heißt es weiter: Sie freuen sich, als sie den Herrn sehen. Dann haucht Jesus sie an, so wie Gott am Anfang den Adam angehaucht und ins Leben gerufen hat. Er beschenkt sie mit seinem Heiligen Geist und sendet sie, Sünden zu vergeben. Realpräsenz ist also etwas zutiefst Dynamisches. Sie meint nicht nur die verwandelten eucharistischen Gestalten, sondern sie kann und will auch uns verwandeln – vom Tod zum Leben, von der Bezogenheit auf das eigene Ich hin zu den anderen Menschen, von der Gebrochenheit der durch die Sünde verunstalteten Welt zur Fülle der Erlösung.

Was würde Jesus heute sagen? An Pfingsten sagt er uns: Sucht mich nicht nur und nicht in erster Linie als den Erhöhten, der jenseits dieser Welt in der Herrlichkeit Gottes thront. Sucht mich nicht nur mit Blick auf das, was vor zweitausend Jahren geschehen ist. Und sucht mich nicht nur in euren Kirchen, wo das ewige Licht meine sakramentale Gegenwart anzeigt.

Sondern: Sucht mich inmitten der Welt – dort, wohin ich euch vorausgegangen bin (Mt 28,7). Sucht mich dort, wo Menschen von Furcht geplagt und von körperlichen und seelischen Wunden gezeichnet sind, wo ihre Lebensgeschichten und Biografien gebrochen sind – und wo sie zugleich erfahren, dass auch ihre Wunden durch die meinen geheilt und verklärt werden. Sucht mich dort, wo zwei oder drei zusammenkommen – wo sie sich in meinem Namen versammeln und so dem Wirken meines Geistes öffnen. Dort ereignet sich Realpräsenz Christi, dort tritt er in der Kraft des Heiligen Geistes in unsere Mitte. Dort wird es Pfingsten – mitten in der Welt, hier und heute!

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