Geistliches Leben

Donnerstag, 15. Dezember 2016

Weihnachten fordert Anbetung

Dieses Kind Jesus ist der „Gott rettet“ in Person – Gedanken zum Matthäus-Evangelium 1, 18–24 von Diplom-Theologe Klaus Haarlammert

Schon ganz Weihnachten „trägt“ dieser Vierte Adventssonntag, obwohl es noch eine Woche hin ist bis Weihnachten. Die Lesungen dieses Sonntags künden davon, allen voran die von Jesu Geburt, wie sie im Evangelium nach Matthäus überliefert ist. Nicht nur wer aufmerksam hinschaut, hat vermutlich Fragen, denn diese Erzählung ist ja so anders als die zudem noch bekanntere, auch volkstümlichere im Evangelium nach Lukas – wie überhaupt alles um dieses Ereignis herum, vorher und nachher.

Und das sind die Unterschiede, ohne hier im Einzelnen auf sie eingehen zu können: Im Evangelium nach Matthäus sind die Verkündigung, die an Josef im Traum ergeht, und Jesu Geburt unmittelbar miteinander verknüpft, und beides geschieht in Josefs Haus in Betlehem; weiter ist die Rede von den „Sterndeutern“, der Flucht nach Ägypten, dem Kindermord in Betlehem, der Rückkehr aus Ägypten und der neuen Heimat in Nazaret. Dagegen erzählt das Evangelium nach Lukas ausführlich von der Verkündigung an Maria und ihrem Besuch bei Elisabet, dem Weg von Nazaret nach Betlehem, der Geburt auf dem Feld, weil kein Platz in der Herberge war, von den Windeln, der Krippe, den  Hirten, der Beschneidung, der Darstellung im Tempel, der Begegnung mit Simeon und Hanna; außerdem werden bei Lukas Jesu Verkündigung und Geburt mit denen des Johannes verwoben. Alle diese doch gravierenden Unterschiede lassen sich beim besten Willen nicht ausgleichen, und die Fragen werden noch mehr, wenn die anderen Schriften des Neuen Testaments herangezogen werden, die die Geburt Jesu gar nicht erwähnen wie das Markus-Evangelium oder lediglich als theologische Reflexion wie Paulus oder noch einmal ganz anders als mystisch-theologische Meditation wie das Johannes-Evangelium.

Doch es kommt ja auch gar nicht darauf an, dass alles übereinstimmt wie etwa in einer Reportage oder in einem Tatsachenbericht: Es geht nicht um geschichtliche Daten, wenngleich die Geburt Jesu ohne jeglichen Zweifel ein historisches Faktum ist, sondern um die theologische Wahrheit, um die Bedeutung in Gottes Heilswirken für die Erlösung von Welt und Menschen. Letztendlich steht Gott für uns in der Mitte. Genau darauf zielen die Gemeinsamkeiten, die es in diesen unterschiedlichen Überlieferungen sehr stark auch gibt, so zum Beispiel die Herkunft Josefs und damit Jesu aus dem Geschlecht Davids, die Verankerung der Geburt und vor allem der Person Jesu in den Prophetien des Alten Testaments, die Ankündigung der Geburt und die Namensgebung Jesu durch den Engel beziehungsweise von Gott, die Jungfräulichkeit Marias, die Empfängnis durch den Heiligen Geist, die Geburt Jesu in Betlehem und die widrigen Umstände dieses Ereignisses, die geschichtliche Verifizierung, das Zeugnis von Menschen, die besondere Berufung und Sendung Jesu, nicht zuletzt – damit untrennbar verknüpft – seine Gottessohnschaft, seine genuine Göttlichkeit.

Eine Gemeinsamkeit umfasst, durchdringt, überstrahlt alles: der Name Jesus, der zudem von Gott selbst vorgegeben wird. Jesus ist die lateinische Form des hebräischen Jeschuah, und das heißt „Gott ist der Retter“, „Gott rettet“. Im Evangelium nach Matthäus, das ohnehin noch mehr als die anderen Schriften des Neuen Testaments, die Geschehnisse um Jesus, sein Verkünden und Wirken als Erfüllung der alttestamentlichen Verheißungen begründet, werden Geburt und Name Jesu mit der Weissagung des Propheten Jesaja verbunden: „Seht, die Jungfrau wird ein Kind empfangen, einen Sohn wird sie gebären, und man wird ihm den Namen Immanuel geben, das heißt übersetzt: Gott ist mit uns“ (Matthäus-Evangelium 1,23 – Buch Jesaja 7,14). Immanuel kann als ein anderes Wort für den Namen Jahwe verstanden werden, mit dem sich Gott selbst dem Mose offenbart: „Ich bin der Ich-bin-da“ (Buch Exodus 3,14), was auch heißen kann: „Ich bin der Ich-bin-da-mit-euch“ und „Ich bin der Ich-bin-da-für-euch“. Ungeachtet der verschiedenen Namen Immanuel und Jesus, die hier einfach nebeneinander stehen, ohne den Versuch einer Erklärung, bedeutet dies: Dieses Kind, das hier zur Welt kommt, ist „Gott mit uns“ und „Gott rettet“ in Person.

Das ist die unendlich große Botschaft von Weihnachten, in allen Verschiedenheiten und über allen Gemeinsamkeiten der Überlieferung: Gott selbst kommt als dieses Kind Jesus. Vor seinem Namen, vor diesem Kind können wir nicht anders als unsere Knie zu beugen wie alle im Himmel, auf der Erde und unter der Erde, und zu bekennen: Jesus Christus ist der Herr – zur Ehre Gottes, des Vaters (Philipperbrief 2,9–11). Wenn wir das tun, ist wahrhaft Weihnachten, nicht nur in dieser Heiligen Nacht und an diesem Heiligen Tag: Gott kommt immer, und immer ist er da. Für uns.

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