Kirche und Welt

Donnerstag, 07. Juli 2016

„...weil sie Gott lieben“

Seit 800 Jahren pflegt der Dominikanerorden den christlich-islamischen Dialog

Miteinander statt gegeneinander: Dominikanerpater Richard Nennstiel mit schiitischen Geistlichen aus dem Iran. Foto: Dominikaner-Provinz Teutonia.

Als Dominikanerpater Georges Anawati am 28. Januar 1994, am Fest des Heiligen Thomas von Aquin, 89-jährig in Kairo verstarb, würdigte ihn eine ägyptische Tageszeitung als „Wissenschaftler und Denker, als Pionier der Islamwissenschaften, der sein Leben der Annäherung und dem Verständnis zwischen Christen und Muslimen widmete“. Tatsächlich schaffte es Anawati, mit wissenschaftlicher Kompetenz und menschlicher Herzlichkeit dem Anderen zu begegnen. Zu der Zeit, als der radikale Islam hervorzutreten begann, war dieser Dominikaner einer der ersten, die den Dialog der Kulturen und Zivilisationen für die Gestaltung einer besseren Welt pflegten. „Ich liebe die Muslime, weil sie Gott lieben“, sagte Anawati einmal. Das war kein Ausdruck von Naivität oder Leichtgläubigkeit, sondern von tiefer Kenntnis und Respekt. „Die Muslime haben Verstand, und ihre Religion ist eine stabile Religion. Die Religion kann nicht zu Zerstörung oder Ähnlichem auffordern, das gibt es nicht!“, widerlegte Georges Anawati weitsichtig islamistische Parolen heutiger Zeit.

 

Zeit der Auseinandersetzungen

Dieser Dominikaner des 20. Jahrhunderts, der mit weiteren namhaften Mitbrüdern den christlich-islamischen Dialog in Ägypten führte, stand dabei in der Tradition seines Ordens, der vor 800 Jahren (am 22. Dezember 1216) durch Papst Honorius III. in einer Bulle bestätigt wurde. Der Heilige Dominikus (um 1170-1221) hatte den Predigerorden – Ordo praedicatorum (OP) – ins Leben gerufen. Er gründete den Orden in einer Zeit, als Europa ein Konglomerat von verschiedenen Kulturen, Religionen und Herrschaftsformen war. Dominikus und seine Wanderprediger nahmen diese Herausforderung an und suchten, darauf zu antworten. Und zwar gerade auch in einer philosophischen und theologischen Auseinandersetzung mit dem Islam und den islamischen Wissenschaften. Durch karitative Arbeit in muslimischen Gesellschaften sammelten Dominikaner und Dominikanerinnen praktisches Erfahrungswissen. Auch in der Theologie setzten sie Zeichen. So griff etwa der große dominikanische Theologe Thomas von Aquin auf griechische Philosophen zurück, zu denen die muslimischen Philosophen Avicenna und Averroes ihm das Tor öffneten. Seine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Islam fasste Thomas von Aquin in der „Summa contra gentiles“ zusammen.

Schon im 13. Jahrhundert gründete der dritte Ordensmeister Raimund von Penyafort (+1275) in Toledo eine Sprachenschule, an der Dominikaner Arabisch lernen sollten, um sich genauer mit dem Koran und den arabischen Quellen zu beschäftigen. „Diese lange Tradition der Beschäftigung des Ordens mit dem Islam hatte immer ihre Höhen und Tiefen“, weiß Pater Richard Nennstiel, Leiter des Dominikanischen Instituts für christlich-islamische Geschichte (DICIG) in Hamburg. Schon früh habe es sich gezeigt, dass es in den christlich-islamischen Beziehungen nicht nur um theologische Probleme gegangen sei, sondern dass auch politische Interessen mitspielten und „der Dialog immer von der politischen Wetterlage abhängig war“, so Pater Nennstiel.

Er weist auf die Beschlüsse des Generalkapitels seines Ordens aus dem Jahre 1986 in Avila hin. Diesen zufolge gehört der Dialog mit anderen Religionen und Kulturen zu einer wesentlichen Aufgabe des Dominikanerordens. Pater Nennstiel zitiert aus den Beschlüssen zur heutigen Mission des Ordens: „Der Dialog erfordert eine Grundhaltung des Hörens und ein Eingehen auf andere Kulturen, frei von jedem Kolonialismus, Imperialismus und Fanatismus.“

 

Bedrohung christlicher Präsenz

In dieser Grundhaltung sind Dominikaner in vielen islamischen Ländern präsent – zum Beispiel in Ägypten, Iran, Pakistan, im Irak oder in der Türkei. Freimütig räumt Institutsleiter Nennstiel, der in engem Kontakt zu den Konventen in diesen Ländern steht, Schwierigkeiten im interreligiösen Dialog ein: „Mancherorts scheint das Scheitern dieses Prozesses offenkundig zu sein.“ Denn politische, gesellschaftliche, religiöse und historische Faktoren würden die christliche Präsenz besonders im Mittleren und Nahen Osten bedrohen. Da sei es notwendig, mögliche Perspektiven für die Zukunft des interreligiösen Dialogs zu entwickeln, die sich nicht nur auf Europa richten dürften. „Dialog muss immer auch einen selbstkritischen, selbstreflektierenden Ansatz haben“, betont Dominikaner Nennstiel. Es sei zu einfach, den Glauben nur in seinem theoretischen System zu betrachten und die Tatsachen des gelebten, real existierenden Glaubens zu vernachlässigen.

 

Glauben gegenwärtig halten

Den Dominikanern in den islamischen Ländern gehe es in ihrer Präsenz nicht um „Verwestlichung“, sondern darum, den Glauben an Christus gegenwärtig zu halten und ein Gespräch über den Glauben anzubieten sowie Unterschiede, aber auch Gemeinsamkeiten zu entdecken. Pater Nennstiel hält den Begriff des Dialogs für nicht unproblematisch: „Er impliziert ein Ergebnis, eine Lösung.“ Vielleicht wäre der Begriff „Begegnung“ besser, meint der Pater, Begegnung zum gegenseitigen Kennenlernen im Respekt vor dem Glauben des anderen und in Anerkennung der Differenz von Christentum und Islam.

„Mit einem muslimischen Gläubigen fühle ich mich wie mit einem Bruder. Kein Unterschied weiter. Du bist so, Gott schenkte Dir Deinen Glauben, und mir schenkte er meinen, Schluss!“ bekannte Pater Georges Anawati. Und: „Ich sage Dir. Bleib Muslim, aber ein aufgeklärter. Und ich bin ein aufgeklärter Christ, denn unter uns gibt es auch Fanatiker.“ Mit den Worten von Pater Richard Nennstiel klingt diese dominikanische Position so: „Auch wenn Christen und Muslime in Fragen der Glaubensinhalte unüberbrückbare Differenzen trennen, so gibt es doch im praktischen Handeln, im Blick auf Gerechtigkeit und Verantwortung vor Gott ähnliche Sichtweisen.“ (Marion Krüger-Hundrup)

 

Thomas von Aquin und die Frage nach dem Islam

Der Fokus liegt auf dem 13. Jahrhundert: Die Missionsidee erlebt ihre Hochkonjunktur und stößt auch in der Begegnungswelt Islam neue Türen auf. Gerade die mobilen Bettelorden – Dominikaner und Franziskaner – erwandern von ihren europäischen Stützpunkten aus neue und bis dahin zum Teil völlig unbekannte Gegenden der Welt. Die Ordensbrüder besuchten Persien und den geheimnisvollen Osten, gelangen nach Arabien und lassen sich in Nordafrika nieder und im multikulturellen Süden der iberischen Welt. „Heidenmission“ haben sie sich auf die Fahnen geschrieben. Von einem „Dialog auf Augenhöhe“ mit Muslimen und Juden ist aber noch keine Rede.

Die intellektuellen Predigerbrüder in der Nachfolge des heiligen Dominikus versuchen jedoch, sich inhaltlich mit Religion und Kultur des Islams auseinanderzusetzen. Dabei hilft die Übersetzung des Korans ins Lateinische, die schon der Zisterzienserabt von Cluny, Petrus Venerabilis, im 12. Jahrhundert anfertigen ließ. Es helfen technische Hilfsmittel wie ein lateinisch-arabisches Wörterbuch oder ein arabisch-französisches Glossar für das Heilige Land, die der Dominikanerorden hervorbringt. Es helfen eigene Sprachschulen für das Arabische.

Ein Meilenstein in den dominikanischen Beziehungen zur islamischen Welt ist jedoch die um 1260 verfasste „Summa contra gentiles“ (Summe gegen die Heiden) des Thomas von Aquin (1225-1274). Das Werk ist zwar kein Missionshandbuch, liefert aber das Rüstzeug für eine Verteidigung christlicher Glaubensdogmen. Thomas will in der Debatte mit Nichtchristen ganz auf die „natürliche Vernunft bauen“, argumentative Gegenproben zur islamischen Lehre liefert er nicht. Zumal er nicht einer aktiven Missionspredigt das Wort redet, sondern der Stärkung des christlichen Glaubens als kulturelle Herausforderung seiner Zeit.

Bis in unsere Tage zieht die dominikanische Mission im Iran, in Ägypten, in der Türkei und in Pakistan ihre systematische Inspiration für einen Dialog mit dem Islam aus den theozentrischen Reflexionen einer thomasischen Theologie. Diese Überlegungen zu den beiden Offenbarungsreligionen Christentum und Islam könnten im aktuellen Dialog eine zentrale Rolle spielen. Vor allem dann, wenn die ethische Dimension mitbedacht wird in der gemeinsamen Verantwortung für Frieden und Versöhnung in der Welt. Die Selbstvergewisserung des je eigenen Glaubens und Standpunktes ermöglicht Gespräche, die das Selbstverständnis des Anderen ins eigene Denken einbezieht unter Wahrung der Identität. (red)

Schreiben Sie Ihre Meinung zu diesem Beitrag an:  Redaktion
Keine Kommentare

Pilger-Community

Um Kommentare verfassen zu können müssen Sie in der Pilger-Community angemeldet sein.

Falls Sie noch kein Benutzerkonto haben, können Sie sich
hier kostenlos registrieren.

Die Kommentarfunktion dient dem Austausch der Pilger-Community untereinander. Alle Kommentare drücken ausschließlich die Ansichten der Autoren (Nutzer) selbst aus. Der Betreiber der Website www.pilger-speyer.de ist für den Inhalt einzelner Beiträge nicht verantwortlich. Hier finden Sie die  ausführlichen Nutzungsbedingungen und Regeln zur Kommentarfunktion.

Zurück zum Archiv

Anzeige

Abo der Pilger

Bestellen Sie bequem online Ihre persönliche Ausgabe der Kirchenzeitung.

Anmeldung im Benutzerbereich

Passwort vergessen?
neu registrieren