Geistliches Leben

Dienstag, 26. März 2019

Welcher der beiden Söhne sind wir?

Gedanken zum Lukas-Evangelium 15, 1–3. 11–32 von Dr. Helmut Husenbeth, Studiendirektor i.R.

Der Evangelist Lukas erzählt uns hier eines der schönsten und bewegendsten  Gleichnisse. Dessen unterschiedliche Deutung fordert uns allerdings immer wieder heraus. Es geht um Verzeihung und um Frieden mit sich selbst, mit anderen, mit Gott. Im Mittelpunkt steht die Liebe Gottes.
Über Jahrhunderte wurde das Gleichnis als das vom „verlorenen Sohn“ bezeichnet, zunehmend aber auch als das vom „barmherzigen Vater“. Könnte man nicht auch einen dritten Blickwinkel zulassen: Das Gleichnis von dem engherzigen Sohn?


Schon diese Fragestellung zeigt, dass die Hörer und Leser damals, ebenso wie wir heute, Position beziehen müssen. Sind wir eher wie der jüngere Sohn, auf Abwegen, aber auch voll Einsicht und Reue? Oder eher wie der ältere Bruder, der brav seinem Vater dient, aber engherzig und verstockt auf die Barmherzigkeit des Vaters gegenüber dem reuig Zurückgekehrten reagiert? Und weiter: Wie bewerten wir die Reaktion des Vaters auf das Verhalten der beiden Söhne?


Die Kritiker Jesu, denen er dieses Gleichnis erzählt, stehen jedenfalls auf der Seite des älteren Sohnes. Sie akzeptieren die Großzügigkeit des Vaters nicht – damit aber haben sie  auch kein Gespür für die Kraft der Liebe des Vaters zu seinem reuigen Sohn. Stattdessen im Gleichnis eine ganz andere Szenerie der Begegnung. Eindrucksvoll schon die Bewegung: Der Vater läuft dem Sohn entgegen. Er begrüßt ihn mit Kuss und Umarmung – voll Freude und Liebe. Als Besiegelung der Rückkehr des Sohnes in die Familie lässt ihm der Vater sogar einen Ring an die Hand stecken – Zeichen der Würde und der Zugehörigkeit. Mehr geht nicht.   
Der ältere Sohn aber fühlt sich zurückgesetzt, er ist sogar „zornig“ – und er will nicht zu Feier hinein gehen. In seiner Anklage wertet er den jüngeren Bruder ab mit dem verächtlichen Wort „der hier“.  
Aber der Vater belässt es nicht dabei.  Er wendet sich auch dem älteren Sohn zu, ebenso wie dem jüngeren, zurückgekehrten Sohn. Nur das Ritual der Versöhnung ändert sich. „Sein Vater kam heraus“, heißt es im Gleichnis.
Die Reaktionen des Vaters sind den jeweiligen Befindlichkeiten  der Söhne angepasst. Die väterliche Zuneigung, Bild für die Liebe Gottes zu uns Menschen, gilt gleichermaßen den so unterschiedlichen Brüdern. Der Vater ist fähig und bereit, sich auf die so extrem verschiedene Situation seiner Söhne einzustellen. Die Rückkehr des „verlorenen Sohnes“ weckt beim Vater spontane Zuwendung. Für den älteren Sohn hat er das überwältigende Wort der Gemeinsamkeit und der Zärtlichkeit: „Mein Kind, du bist immer bei mir.“


Beide Söhne, und auch wir, haben die Chance, den „Vater“  wahrzunehmen: als den väterlichen und auch mütterlichen Gott, der allen die Chance zur Umkehr gibt. Wie die Kritiker Jesu sollen auch wir begreifen: Er kommt uns allen entgegen, je nach unserer Situation – ob wir nun mehr der jüngere Sohn sind, der „verloren war“, aber in sich gegangen ist, oder der ältere, der fromm und korrekt lebte, jetzt aber sich der Begegnung sperrt, weil er sich für besser hält.
Jedes schnelle Urteil über „den hier“ oder auch über „jenen“ verbietet sich. Beide Söhne, so wie wir alle, brauchen die barmherzige Liebe des Vaters.

(helmuthusenbeth@web.de)


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