Geistliches Leben

Mittwoch, 23. September 2020

Wer im Weinberg des Herrn arbeitet

„Glaube ja, Kirche nein“, das erlebte auch Jesus schon

„E Kerchgänger war er net, aber geglaabt hat er schunn!“ (Wer des Saarländischen nicht so mächtig ist: „Ein Kirchgänger war er nicht, aber geglaubt hat er schon). Sie können sich nicht vorstellen, wie oft ich diesen Satz bereits in Trauergesprächen gehört habe. Wen ich mit Angehörigen Verstorbener im Gespräch bin, frage ich meistens auch nach der Religiosität des oder der Verstorbenen. Meist ist die Antwort eben diese.
Dieser kleine Satz bringt mich dann immer ins Grübeln. Es sterben offensichtlich sehr viele fromme Menschen, die aber nicht in meiner Kirche zu finden waren. Das würde doch im Umkehrschluss bedeuten: Sehr viele gläubige Menschen rennen da draußen herum, aber die Kirche brauchen sie nicht. Kann das wirklich sein? Es geht im letzten um die Frage, wie Glaube, Kirche und Gemeinschaft miteinander zusammenhängen. Kann man glauben ohne die Gemeinschaft der Kirche? Brauche ich die Gemeinschaft der Kirche für meinen Glauben überhaupt? Glaube ist doch etwas rein Privates, oder nicht? Das Bild der Kirche hat in der Vergangenheit erheblichen Schaden gelitten, Missbrauchsskandale, Sexualmoral, nicht vorhandene Frauen in Weiheämtern – um nur einige wenige zu nennen. Wer will sich heute noch vorschreiben lassen, was er zu glauben hat und was nicht. Und vor allem: von wem? Es gibt für mich keinen Zweifel mehr: Ein Großteil unserer Gesellschaft heute ist von der Einstellung geprägt „Glaube ja, Kirche nein!“ Und so bleiben die Kirchen weitgehend leer.
Das heutige Evangelium schenkt mir in dieser Hinsicht ein wenig Zuversicht. Ja, Jesus selbst kennt offensichtlich diese Situation. Da gibt es diejenigen, die zum Aufruf des Herrn ganz klar sagen: Nein, ich will nicht. Irgendwann reut es diese Menschen, und sie tun es doch. Daneben gibt es die anderen, die sagen: „Jawohl, das mach ich“, aber dann tun sie es nicht.
Jesus spricht zu den Hohepriestern und Ältesten, jene, die ja dafür bekannt sind, sich dem Weinberg verschrieben zu haben. Er entlarvt jedoch diejenigen, die sich zwar nach außen als gute Weinbergarbeiter produzieren, es aber im Innersten nicht sind. Und die, von denen man es gar nicht erwarten würde, die Zöllner und die Dirnen, ausgerechnet die sind es, die den Willen des Vaters tun. Wichtig ist nicht, was einer vorgibt zu sein, sondern wichtig ist, was jemand ist, und das drückt sich immer in seinem Handeln aus. Insofern mahnt das Wort Jesu zu größerer Bescheidenheit gegenüber jenen, die vermeintlich weit draußen stehen. Der Anschein trügt oft. Jesus rückt diese sogar ins Zentrum. Sie erreichen noch vor den augenscheinlich Frommen das Himmelreich.
Und was lerne ich für mich daraus? Vielleicht dies: Christliches Leben realisiert sich oft fern von dem, was ich sehe und wahrnehme. Selbst dort, wo nicht das Etikett „Kirche“ draufklebt, ereignet sich Weinbergarbeit. Und nicht überall ,wo Kirche draufsteht, ist auch Kirche (im guten Sinne) drin. Was aber bedeutet das für unsere pastorale Arbeit? Was bedeutet das für unsere Kirchengemeinden und Pfarreien? Dazu passt, was ich immer öfter von Kollegen höre, dass das Modell Pfarrei längst gestorben und die neue Gestalt von Kirche noch nicht greifbar sei. Kirche ist auf der Suche nach sich selbst. Die Stichworte „synodaler Prozess“, „Strukturveränderungen“, „missionarische Pastoral“, „Visionsprozess“ (...) sind alles Ausdruck einer Kirche, die sich zu lange gegen strukturelle Veränderungen gewehrt hat und nun auf der Suche ist. Was bedeutet das Gleichnis also für die Kirche?  Eigentlich doch dies: Die Gemeinschaft der Christen ist größer, als wir es uns vielleicht vorstellen können. Christen finde ich auch an ungewöhnlichen Orten, ja vielleicht sogar in anderen Religionen. Dort, wo ich es wahrscheinlich nie vermuten würde. Ich habe jedenfalls keinen Grund daran zu zweifeln, wenn Angehörige mir sagen, ihr Verstorbener sei gläubig gewesen, auch wenn er oder sie nicht in die Kirche ging. Oder anders formuliert: Darüber kann ich mir kein Urteil bilden. Es steht mir nicht zu, da ich nicht überblicken kann, welche Rolle der oder die Verstorbene im Weinberg des Herrn gespielt hat. Stattdessen nehme ich es also hin und vertraue darauf, dass der oder die Verstorbene vielleicht wirklich „Nein“ zur Arbeit im Weinberg gesagt hat, und er oder sie dann doch tätig war, auf eine Art und Weise, die nur Gott zu erkennen vermag. Davon bin ich sogar überzeugt.
Die kirchlichen Strukturen mögen an den Herausforderungen unserer Zeit möglicherweise scheitern und zerbrechen. Die Christen werden es sicher nicht.

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