Aus dem Bistum

Freitag, 18. Dezember 2020

Wichtig auf dem Weg in die Zukunft

Interview: Generalvikar Andreas Sturm zur Rolle der neu ins Leben gerufenen Diözesanversammlung

Andreas Sturm. Bild: Bistum Speyer

Am 14. November tagte zum ersten Mal die neu ins Leben gerufene Diözesanversammlung – coronabedingt in digitaler Form. Das Gremium knüpft an die Diözesanen Foren an, die zurückliegend vor allem das Seelsorgekonzept „Gemeindepastoral 2015“ auf den Weg gebracht hatten.

Herr Generalvikar, die erste Sitzung der Diözesanversammlung liegt hinter uns, wenn auch nur digital, die Fortsetzung folgt Ende Januar 2021. Wie ist Ihr Bauchgefühl, ihre erste Einschätzung? Was ist Ihnen besonders in Erinnerung?

Generalvikar Sturm: Wir hatten vorher etwas Sorge, ob mit der Technik alles klappt. Aber das hat wunderbar funktioniert. Es hat sich aus meiner Sicht bestätigt, dass wir dieses erste Treffen angesichts der großen Herausforderungen, vor denen wir im Bistum stehen, dringend gebraucht haben. Gefreut hat mich, dass sich die Mitglieder auch über die Videokonferenz intensiv beteiligt haben, sei es durch direkte Wortmeldungen oder durch Diskussionsbeiträge im Chat. In manchen Beiträgen sind auch Gefühle von Skepsis und Unsicherheit angeklungen. Es ist uns von Seiten der Leitung wichtig, auch diese Stimmen zu hören und in guter Weise aufzunehmen.

Bei allem Positiven, die Kandidatensuche für die einzelnen Funktionen verlief aber doch etwas schleppend...

Generalvikar Sturm: Das lag aus meiner Sicht daran, dass wir viele neue Gesichter in der Diözesanversammlung haben und wir uns untereinander teilweise noch wenig kennen. Umso mehr weiß ich zu schätzen, dass wir mit der neuen Vorsitzenden, den Mitgliedern des Vorstandes und des Hauptausschusses jetzt ein motiviertes und engagiertes Team von Frauen und Männern, Jüngeren und Älteren haben, mit denen wir die Zukunft unseres Bistums gemeinsam gestalten können.

Wie sind die ersten Reaktionen aus dem Bistum auf die Ergebnisse der ersten Sitzung der Diözesanversammlung, die bei Ihnen auf dem Schreibtisch landen oder sich in Gesprächen ergeben?

Generalvikar Sturm: In den Tagen nach der Diözesanversammlung habe ich von vielen Teilnehmerinnen und Teilnehmern die Rückmeldung bekommen, dass das Treffen eine gelungene Premiere war und sich in den Beratungen, wie schon früher bei den Diözesanen Foren, ein gutes Miteinander gezeigt hat. Zu der Umfrage unter den Mitgliedern, welche Schwerpunkte das Bistum in Zukunft setzen soll, habe ich in den letzten Wochen auch manche kritische Stimmen gehört.
Manche fürchten, dass wichtige Aufgabenfelder hinten runter fallen könnten. Dabei ist die Zielrichtung der Umfrage genau umgekehrt: Wo wollen wir als Kirche in Zukunft für die Menschen da sein? Die Rückmeldungen von 93 Mitgliedern der Diözesanversammlung geben dazu wichtige Hinweise. Wir werden sie als Leitung aber nicht absolut setzen, sondern als Mosaikstein in ein größeres Bild einordnen.

Ein großer Teil der Mitglieder der Diözesanversammlung steht im kirchlichen Dienst bzw. die Mitglieder sind Bedienstete in kirchlichen Einrichtungen oder Organisationen. Sehen Sie das als Vorteil oder eher als Problematik?

Generalvikar Sturm: Von den insgesamt 111 Mitgliedern der Diözesanversammlung gehören 66 Mitglieder zur Gruppe der hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Das ergibt sich hauptsächlich aus der Funktion der Diözesanversammlung. Sie nimmt im Sinne des Kirchenrechts die Aufgaben des bisherigen Pastoralrats wahr und setzt sich aus den Mitgliedern des Priesterrats, des Katholikenrats und den Vertreterinnen und Vertretern der pastoralen Berufsgruppen und des Caritasverbandes zusammen. Von zentraler Bedeutung für die Beratungskultur der Diözesanversammlung wird sein – das hat der Bischof beim ersten Treffen deutlich betont –, dass alle Mitglieder für das gemeinsame Ganze denken.

Sie haben bei der Diözesanversammlung einen viel beachteten Impulsvortrag gehalten. Den Synodalen Weg nennen Sie darin eine „Nagelprobe der Glaubwürdigkeit der Kirche“. Aber der Synodale Weg tritt gegenwärtig doch einigermaßen auf der Stelle. Was bedeutet das?

Generalvikar Sturm: Angesichts der aktuellen und absehbaren Lage der Corona-Pandemie kann die vorgesehene Synodalversammlung in Frankfurt vom 4. bis 6. Februar 2021 nicht stattfinden. Eine Abfrage bei den Mitgliedern der Synodalversammlung hat ergeben, dass viele von ihnen die persönliche Begegnung, das direkte Gespräch und die verbindende Erfahrung des gemeinsamen Gottesdienstes angesichts des Ernstes der Themen für unentbehrlich halten. Das Synodalpräsidium hat deshalb entschieden, die zweite Synodalversammlung auf den 30. September bis 2. Oktober 2021 zu verschieben.
Das heißt jedoch nicht, dass der Synodale Weg gestoppt oder ausgesetzt wird. Denn am 4./5. Februar 2021 wird es stattdessen ein Online-Format geben, in dem alle Mitglieder der Synodalversammlung ohne Entscheidungsdruck vor allem die Arbeitsfortschritte der Synodalforen diskutieren werden. So kann dieser coronabedingte Zwischenschritt für eine substantielle Weiterarbeit in den thematischen Synodalforen genutzt werden. In dieses Format sollen auch die Eindrücke der Beobachterinnen und Beobachter aus dem Ausland und der Ökumene einfließen.

In Ihrem Vortrag gehen Sie ausführlich auf die zu erwartenden rückläufigen finanziellen Mittel des Bistums ein und die Notwendigkeit pastoraler Schwerpunktsetzungen. Kritiker sagen, es dreht sich zu viel um Geld und Kirchensteuer. Was antworten Sie ihnen?

Generalvikar Sturm: Ich würde es genau andersherum sagen: Wir brauchen eine Verständigung für die künftigen pastoralen Schwerpunkte, um nicht immerfort über Finanzen sprechen zu müssen. Das kann aber nur gelingen, wenn wir nicht weiterhin mehr Geld ausgeben, als uns durch die Kirchensteuer zur Verfügung steht. Mit der Schwerpunktsetzung wollen wir aus genau dieser Spirale ausbrechen.

„Wir können nicht warten“, betonen Sie. Was bedeutet dies hinsichtlich eines Zeitrahmens für einen Perspektivwechsel?

Generalvikar Sturm: Es kommt mir darauf an, die Schwerpunktsetzung mit dem Visionsprozess zusammen zu sehen. Wir brauchen die gemeinsame Vision als Orientierung, an welchen Segensorten wir für die Menschen in der Pfalz und im Saarpfalzkreis künftig da sein wollen. Es kann keine Schwerpunktsetzung ohne oder gegen den Visionsprozess geben. Sonst bleiben wir gefangen in finanziellem Pragmatismus. Das wäre mir zu wenig.

Sie sprechen von einem möglichen Stellenabbau, der sozialverträglich sein soll. Warum ist er notwendig, und wie umfangreich könnte ein Abbau ausfallen?

Generalvikar Sturm: Der größte Ausgabeposten im Bistum sind die Personalaufwendungen. Damit ist klar: Wenn wir eine finanzielle Schieflage des Bistumshaushaltes abwenden wollen, führt an einem Stellenabbau kein Weg vorbei. Unser Ziel ist, die Ausgaben des Bistums dauerhaft um 15 Prozent zu reduzieren. Das entspricht einer Einsparung von etwa 25 Millionen Euro. Wir werden alle Maßnahmen, die dazu erforderlich sind, natürlich mit unserer Mitarbeitervertretung absprechen. Auch gibt es ein paar gegenläufige Entwicklungen, wie zum Beispiel das Ausscheiden der geburtenstarken Jahrgänge aus dem Berufsleben in den nächsten 15 Jahren, die zu einem Personalabbau beitragen werden, ohne dass damit Kündigungen verbunden sein müssen.

Die Mitglieder der Diözesanversammlung werden anhand einer langen Liste befragt, wofür das Bistum seine Kraft und seine Finanzen einsetzen soll. Birgt ein solches Vorgehen nicht die Gefahr eines „Verteilungskampfes“?

Generalvikar Sturm: Die Gefahr besteht, wenn jede und jeder nur auf seinen eigenen kleinen Bereich schaut. Genau deshalb kommt es jetzt entscheidend darauf an, gemeinsam das Ganze und die größeren Zusammenhänge in den Blick zu nehmen. Wir müssen von der Vision ausgehen und uns fragen: Wofür braucht Gott, wofür brauchen die Menschen heute die Kirche von Speyer? Wie können wir ein Segen sein? In dem Maß, wie wir diese Frage in den Mittelpunkt stellen, sehe ich die Gefahr von Verteilungskämpfen zwar nicht als ausgeschlossen, aber doch als deutlich minimiert an.

Neben der Notwendigkeit, aus wirtschaftlichen Erwägungen, pastorale Schwerpunktsetzungen vorzunehmen, läuft gleichzeitig der Visionsprozess des Bistums. Da muss es ja nicht unbedingt deckungsgleiche Ergebnisse geben. Wie soll hier eine Vernetzung und Abstimmung geschehen? Steht der Visionsprozess unter einem „Finanzierungsvorbehalt“?

Generalvikar Sturm: Nein, keineswegs. Beim Visionsprozess geht es ja nicht darum, irgendwelche pastoralen Traumschlösser zu errichten, sondern uns im Blick auf die vorhandenen Ressourcen sehr genau zu fragen, wie wir diese Ressourcen zum Segen für die Menschen bestmöglich einsetzen können. Eine Vision ist keine realitätsferne Illusion, sondern eine ziemlich geerdete Antwort auf die Frage, wofür uns Gott in diesem Moment der Geschichte am meisten braucht. Wer nur die Sparzwänge sieht, denkt und handelt klein. Zu klein, wie ich finde. Ich möchte, dass wir die Vision zum Ausgangspunkt unserer Überlegungen machen und damit groß denken und groß handeln – auch wenn nicht alles direkt umgesetzt werden kann, denn unsere Mittel sind nun mal begrenzt.

Ende Januar trifft sich die Diözesanversammlung erneut. Wird es hier schon Ergebnisse geben, die in die Richtung deuten, in die das Bistum in Zukunft gehen will?

Generalvikar Sturm: Ich gehe davon aus, dass sich bei der Diözesanversammlung im Januar schon eine Richtung andeuten wird. Bis dahin liegen uns die Ergebnisse der Umfrage unter den Mitgliedern der Diözesanversammlung vor, und auch zum ersten Entwurf einer Vision für unser Bistum werden wir bis dahin schon einiges an Resonanz gehört haben. Darauf aufbauend möchte ich bei der Diözesanversammlung im Januar erste, sicher noch vorläufige Vorschläge für den künftigen Kurs der Diözese einbringen.

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