Geistliches Leben

Donnerstag, 27. September 2018

Wie Gott Anwalt des Lebens sein

Es geht um Achtung und Wertschätzung eines jeden Menschen – Gedanken zum Markus-Evangelium 9, 38–43.45.47–48 von Diplom-Theologe Thomas Bettinger

„Euer Reichtum verfault, und eure Kleider werden von Motten zerfressen“ – ein starkes, ja prophetisches Bildwort. Eine Fülle biblischer Verweise und Anklänge öffnet sich in diesen sechs Versen, vor allem auf die Klagen und Gerichtsreden der Propheten im Alten Testament hin. Jakobus zeigt, wie sehr die Botschaft der Propheten auch Evangelium ist: Gott ist der kompromisslose Anwalt der Armen und Schwachen, der Missbrauchten, Verlorenen und Stimmlosen.

Es geht nicht einfachhin um den Reichtum, es geht darum, was der Reichtum mit den Menschen macht, wie er erworben worden ist, und auf wessen Kosten. „Euer Gold und Silber verrostet; ihr Rost wird als Zeuge gegen euch auftreten.“ Die Reichen sind Großgrundbesitzer. Statt den Lohn der Arbeiter zu bezahlen, horten sie das Gold, das in Kisten verrottet. Es geht um einen angemessenen, auskömmlichen Lohn, der so groß ist, dass ein Mensch wie ein Mensch davon leben kann. Der vorenthaltene Lohn schreit zum Himmel. Die Klagerufe dringen in die Ohren des „Herrn der himmlischen Heere“, der hier als allgewaltige, unwiderstehlich vergeltende Macht gezeichnet wird, eine Macht, auf die die Schwachen ihre Hoffnung setzen, denn er wird Recht und Gerechtigkeit wiederherstellen. Diesem Gott geht es um das Leben, seine Mehrung, seinen Schutz, um die Eröffnung eines Lebensraumes, in dem „sein“ Mensch sich als Mensch fruchtbar und segensreich entfalten kann.

Die Gier nach Gold ist grenzenlos: „Noch am Schlachttag habt ihr euer Herz gemästet“, es ist der Tag Jahwes, der „dies irae“, Tag des Zorns, wie er  vom Propheten Zefanja angekündigt wird (Zefanja 1, 15). Auch Worte des Jeremia klingen an: „Raff sie weg wie Schafe zum Schlachten, sondere sie aus für den Tag des Mordens“ (Jeremia 12, 3). Der Tag des Herrn ist kein gemütlicher Übergang ins Gottesreich, sondern ein Tag der Abrechnung, das „Jüngste Gericht“, das die Böcke von den Schafen scheiden wird (Matthäus 25, 32f). Noch im Angesicht des Gerichts sammeln die Reichen ihre Schätze. Ihr Reichtum wird sie auffressen. Eine erschreckende Vision. „Macht euer Herz stark, denn die Ankunft des Herrn steht nahe bevor“ (Jakobus 5, 8). Die Habgier der Reichen hat „den Gerechten verurteilt und umgebracht“. Jetzt kann er ihnen nicht mehr Widerstand leisten (so heißt es im griechischen Urtext). Wir dürfen in ihm Jesus sehen, aber auch alle, die ihm gefolgt sind und ihr Leben gegeben haben für
andere, für die Frohe Botschaft Jesu Christi. Ich sehe in diesem Bild den leidenden Gottesknecht des Jesaja, dessen Gottesknechtslieder zutiefst verstören, aber auch einen neuen Blick auf das Geheimnis Gottes werfen. Hier ist Gott nicht der übermächtige Feldherr, er ist ein Gott, der bei den Ohnmächtigen und Schwachen, den Armen und Leidenden ist. Ein Gott, der das schwache, bedrohte Leben ehrt: „Das geknickte Rohr zerbricht er nicht, und den glimmenden Docht löscht er nicht aus“ (Jesaja 42, 3). Er zieht dieses Leben zu sich empor: die ohnmächtigen, leidenden Menschen, zu denen auch Menschen auf der Flucht gehören, die alles verloren haben.

Es geht nicht um Macht, Machttaten, schon gar nicht göttliche. Es geht um Liebe, um gelebte und nicht gelebte, um gewährte und nicht gewährte Liebe, um gelingendes und verfehltes Menschsein. Jakobus warnt die Reichen: Es kann zu spät sein.

Jakobus richtet sein Wort an die Mitglieder seiner Gemeinde. Gewissenfragen treiben mich um: Was bedeutet das für mich heute? Wo verorte ich mich? Bei den Armen oder den Reichen? Mein Lebensstil ist doch auch subventioniert. Sind meine materiellen Ansprüche nicht eine Belastung für „das gemeinsame Haus“, die eine Erde? Bin ich nicht Teil einer Wirtschaftsordnung, die Menschen von den Gütern dieses Planeten ausschließt und ihnen gleichzeitig die Mittel zur Überwindung ihrer Armut, nämlich Bildung, vorenthält? „Diese Wirtschaft tötet“ (Papst Franziskus). Wie teile ich meinen Reichtum mit den Armen? Bin ich nicht auch einer, der anderen „ihren Lohn“ vorenthält? Wieviel ist genug für ein gutes Leben?

Jesu Evangelium ist ein radikaler Gegenentwurf zu einer Weltanschauung der Stärke, die das schwache Leben verachtet, ausplündert und totschlägt. Wir wissen gut, was das bedeutet. Wir kennen die Ideologie und die Wirtschaftsordnung. Jakobus und die Propheten ermutigen uns zum Widerstand. Denn es geht um nichts weniger als die Menschlichkeit, um Achtung und Wertschätzung eines jeden Menschen, um Menschenwürde und Menschenrechte – hier und jetzt. Glauben heißt, wie Gott Anwalt des Lebens sein.

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