Geistliches Leben

Mittwoch, 16. Dezember 2015

Wie sollen wir das schaffen?

Weihnachten hat die Botschaft einer kräftigen Hoffnung – Gedanken zum Lukas-Evangelium 1, 39–45 von Pastoralreferent Thomas Stephan

Wie sollen wir das schaffen, das alles nur schaffen? Diese Frage werden sich in der letzten Zeit sicherlich viele im Angesicht der zahlreichen fassungslosmachenden Fernsehbilder, Radiomeldungen und Zeitungsberichte aus Deutschland, Europa und der Welt gestellt haben.

Wie sollen wir das schaffen, das alles nur schaffen, wenn wir an den schier endlosen Strom von Flüchtlingen denken, der vom berechtigten Wunsch nach Frieden und Sicherheit getrieben ist? Millionen ehemals gesichts- und namenlose Schicksale drängen mit Macht nach Europa, nach Deutschland, in unsere Heimat und werden nun konkret sichtbar und fordern uns und unsere Haltung in Bezug auf Solidarität und Toleranz auf ungeahnte Weise heraus.

Wie sollen wir das schaffen, das alles nur schaffen, wenn wir an die terroristische Bedrohung unserer Tage denken? Die Frage nach dem „Wann und Wo“ eines Anschlags erscheint viel realistischer, als die vor Jahren noch debattierte Frage nach dem „Ob“ zu sein. Das Gefühl von Ausgeliefert- und Ohnmächtigsein begleitet nicht wenige, und mehr denn je wird allen klar, eine hundertprozentige Sicherheit gibt es heutzutage nirgendwo.

Wie sollen wir das schaffen, das alles nur schaffen, wenn wir beispielsweise nur an den Syrienkonflikt denken? Der Kampf gegen den so genannten „Islamischen Staat“ hat Dimensionen angenommen, der viele Eskalationsstufen beinhaltet. Selbst Kinder Fragen nicht zu Unrecht nach der Möglichkeit eines Dritten Weltkrieges, der in diesem Konflikt mit allen seinen Nebenkriegsschauplätzen lauern könnte.

Wie sollen wir das schaffen, das alles nur schaffen, wenn wir an den politischen „Rechtsruck“ in vielen Ländern Europas denken? Angst ist ein schlechter, aber sehr wirkungsvoller Berater, aus dem besonders „rechte“ Parteien ihren Vorteil ziehen. Wie sieht es um die europäische Idee aus, wenn diese Gemeinschaft von immer mehr nationalen Interessen sabotiert und torpediert wird?

Wie sollen wir das schaffen, das alles nur schaffen, wenn wir an die immer weiter auseinander gehende Schere zwischen arm und reich denken? „Bist du bei der Kasse, oder sind Sie privat versichert?“, lautet ein bissiges Wort im Gesundheitssystem. Wer kann sich noch was leisten, wer kommt für die auf, die das nicht mehr können? „Die Rente ist sicher“ hieß es einmal, was heißt heute noch sicher, und wieviel ist genug, um zukünftig sicher zu sein?

Wie sollen wir das schaffen, das alles nur schaffen, wenn wir an den Klimawandel und die nahezu unmöglich erscheinenden Bemühungen, um international verbindliche und wirkungsvolle Abkommen denken? Wie viel muss buchstäblich untergehen, bis ein Einsehen und Einlenken Wirklichkeit wird, und ist es dann nicht schon zu spät? „Wir haben die Erde nur von unseren Kindern geliehen bekommen“, welchen Wert haben schöne Kalendersprüche, wenn sie doch am anderen Tag im Papierkorb landen?

Wie sollen wir das schaffen, das alles nur schaffen, ich weiß es nicht, aber wer sich mit Jesus Christus beschäftigt, sollte in diesen Tagen nicht beim Christstollen stehen bleiben, sondern einen Blick auf seine ganze Geschichte werfen. Auf eine Geschichte, die zu Beginn ein Flüchtlingsdrama und die im Leben alles andere, als immer nur ein einfacher Spaziergang war. Dieser letztlich dornenreiche Weg kannte Ablehnung und Anfeindung und führte schließlich zu Jesu Ermordung. Auch für die Jünger schien alles damit vorbei zu sein, und berechtigte Ängste machten sich breit, sein Schicksal teilen zu müssen. Ebenso war es in den ersten Jahrhunderten lebensgefährlich, sich Christ zu nennen, wenn man sich die schrecklichen Christenverfolgungen in Erinnerung ruft. So gesehen wissen wir als Christen, die in der Tradition des leidgeprüften Volkes Israel stehen, um die Erfahrung von Gefangenschaft, Sklaverei und Exodus. Seit alters her stehen wir schon vor der Frage: Wie sollen wir das schaffen, das alles nur schaffen?

Die (vor-) weihnachtliche Botschaft des heutigen Evangeliums erzählt von einer „guten Hoffnung“, die in Maria in den Blick kommt und über Jahrhunderte trotz leidvoller Erfahrungen und unbeantworteter Fragen lebendig geblieben ist und die die Herzen unzähliger Menschen hat höher schlagen lassen. Wer hätte darauf gewettet, dass aus einem kleinen Haufen, der sich vor 2000 Jahren um einen Wanderprediger namens Jesus am See von Genezareth geschart hat, einmal die größte Religionsgemeinschaft der Welt wird? Unglaublich, aber wahr, aber der Glaube an Jesus Christus und die Kirche ist in schier ausweglosen Situationen nicht untergegangen. Vielleicht hat der Weg nicht immer zu dem geführt, was wir uns vorgestellt und gewünscht haben, aber sicher hat es zu nicht für möglich gehaltenem Neuen geführt.

Wie sollen wir das schaffen, das alles nur schaffen? Mit Mut, Tatkraft, Zuversicht und mit Vertrauen in den, dessen Name Programm ist. Nicht umsonst bedeutet der Namen Jesus, dessen Geburt wir in den nächsten Tagen feiern, „Gott rettet“.

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