Geistliches Leben

Mittwoch, 25. April 2018

Wir in Jesus und Jesus in uns

Aus der Lebensgemeinschaft mit Jesus kommen unsere „Früchte“ – Gedanken zum Johannes-Evangelium 15, 1–8 von Pastoralreferentin Annette Schulze

Frucht bringen, darum geht es in diesen Versen des Johannes-Evangeliums. In der Pfalz, in der das Leben mit dem Weinanbau zum Alltag gehört, kann man diesen Gedanken gut nachvollziehen. Wenn die Reben keine Frucht bringen, sieht es schlecht aus mit dem Ertrag und dem Wein für das Jahr. Je mehr Früchte, umso besser. Ruft uns Jesus mit diesen Worten also dazu auf, uns anzustrengen, damit wir möglichst „reiche Frucht“ tragen?

Die Bilder dieses Textes sind nah an der Realität der Arbeit im Weinberg: reinigen und beschneiden, Reben, die zum Weinstock gehören, verdorrte Reben, die aussortiert und verbrannt werden. Eine beängstigende Perspektive, wenn wir dies auf unser Leben übertragen und so verstehen, dass wir für die Frucht allein verantwortlich sind. Dann kann es vorkommen, dass wir den Erwartungen des Winzers nicht gerecht werden, dass wir keine Frucht bringen und am Sinn unseres Daseins vorbeileben. Wozu sind Reben da außer zum Frucht tragen? Wozu sind wir da? Worin bestehen die Früchte unseres Lebens?

In Gesprächen mit Patientinnen und Patienten höre ich oft die Klage: „Ich kann nichts mehr tun, bin auf Hilfe angewiesen – ich empfinde mich als Last für meine Familie.“ Diese Klage hat ihre Berechtigung, wenn ein Mensch plötzlich damit konfrontiert wird, dass ihm oder ihr die Selbstständigkeit, Bewegung und Mobilität verloren geht. Er kann seinen Beruf nicht mehr ausüben. Sie kann ihren pflegebedürftigen Mann nicht mehr zuhause versorgen. Der Wille ist da, aber die Früchte sind trotzdem in weite Ferne gerückt. So scheint es.

Doch Jesus ruft nicht auf, Frucht zu bringen, sondern „zu bleiben“. Die Reben müssen sich nicht sorgen, wie sie wachsen und Frucht tragen sollen – sie brauchen nur eines zu wissen: dass sie aus dem Weinstock leben. „Wer in mir bleibt und in wem ich bleibe, der bringt reiche Frucht.“ Wenn wir uns mühen, aus uns selbst Frucht zu bringen, arbeiten wir uns kaputt – im Beruf und manchem Ehrenamt. Da machen wir Häkchen hinter erledigten Aufgaben und eilen weiter von Termin zu Termin, von Mensch zu Mensch. Tag für Tag versuchen wir zu funktionieren, und das Bewusstsein, dass wir zu einem Weinstock gehören und aus einer Quelle leben, geht uns verloren.

Mit dem Optimierungswahn unserer Gesellschaft werten wir auf und ab, beurteilen und verurteilen – andere und uns selbst; dabei sind wir eingeladen, „unser Herz in seiner Gegenwart (zu) beruhigen“, wie es im ersten Johannesbrief heißt. Auch wenn das Herz uns verurteilt, wenn wir vor unserem eigenen Urteil nicht standhalten können, „Gott ist größer als unser Herz“. In Gott bleiben und Gott in uns bleiben, leben lassen – das ist die Haltung, die zu reichen Früchten führt. Viel weniger das aktive Tun  und viel mehr das passive „Bleiben“ und manchmal sicher auch aushalten, was das Leben mir zumutet.

Ich wünsche uns allen, den Patientinnen und Patienten und mir selbst dieses Bewusstsein, dass wir angewiesen sind auf einen Halt, einen Weinstock, der uns mit Kraft und Leben versorgt. Angewiesen – ohne auch nur einen Finger rühren, oder ein Wort sagen zu müssen. So sind auch wir angewiesen auf Hilfe, Pflege, Sorge und Liebe – in manchen Zeiten unseres Lebens weniger, in anderen mehr. Über die Früchte, die wir bringen, sagt dieses Angewiesensein überhaupt nichts aus. Früchte tragen können wir immer, wenn wir „bleiben“ – im Bewusstsein der Gegenwart Gottes.

Wenn wir dann bitten, um was wir wollen, werden wir es erhalten. Wir werden in diesem Bewusstsein anders bitten – vielleicht nicht um ein Wunder und um völlige Genesung, aber um den Blick auf das, was an Gutem geblieben ist. Vielleicht bitten wir nicht einfach darum, dass die Zahlen der Teilnehmer und Teilnehmerinnen an Gottesdiensten wieder steigen, sondern um Lebendigkeit für das Wort, das wir in den Gottesdiensten verkünden. Und vielleicht geht es beim „Bleiben“ in seiner Gegenwart gerade darum, heraus zu treten aus den Kirchen und Pfarrhäusern und das Leben mit Menschen zu teilen, wo wir ihnen begegnen. Mit ihnen zu lachen, zu weinen, mit ihnen auszuhalten, was manchmal nicht auszuhalten ist, mit ihnen auf die Kraft zu vertrauen, die aus dem Weinstock in alle Reben fließt, mit ihnen zu feiern, was das Leben schenkt.

Bleiben – und in seiner Gegenwart unser Herz beruhigen – das hat Angelus Silesius schon vor rund vierhundert Jahren formuliert: „Halt an, wo läufst du hin? Der Himmel ist in dir. Suchst du ihn anderswo, du fehlst ihn für und für.“ Möge uns der Himmel begegnen mitten im Alltag. Möge die Kraft des Weinstocks uns stärken für unser Leben. Und mögen die Unruhen der Welt und unseres Herzens zur Ruhe finden im Bleiben, im Atmen, im Sein.

Schreiben Sie Ihre Meinung zu diesem Beitrag an:  Pastoralreferentin Annette Schulze
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