Geistliches Leben

Mittwoch, 18. Dezember 2019

Wir zeigen, dass Gott da ist

Ein einziger Moment: Gott wird Mensch

Sie folgten dem Willen Gottes. Weihnachtskrippe in einer der Kathedralen von Moskau. (Foto: KNA)

Eine Geschichte im Vorfeld der Weihnachtsgeschichte erzählt das Matthäusevangelium. Nach der Verkündigung durch den Engel Gabriel musste das angekündigte Wunder nun irgendwie Wirklichkeit werden. Marias Umfeld musste informiert und Fragen beantwortet werden. Heute hätten wir es leichter, nicht nur Josef, sondern die ganze Welt ins Boot zu holen, um das Wirken Gottes zu „liken“, zu „teilen“ oder für verrückt zu erklären. Damals bekam Josef seine Infos und Antworten auf eine ganz andere Weise. Das Evangelium erzählt nicht, was die traum-hafte Ankündigung bei ihm auslöste, nur dass er beim Aufwachen eine Entscheidung getroffen hatte und seine Frau zu sich nahm.
Wenn wir uns die einzelnen Begriffe in diesem Textabschnitt näher anschauen, können wir sie mit unterschiedlichen Schwerpunkten lesen. Wenn wir zum Beispiel die Worte „verlobt – schwanger – trennen“ herausgreifen, könnten wir uns darunter eine aktuelle Partnerschaft vorstellen. Wie oft denken zwei Menschen gerade allmählich daran, ihr Leben miteinander zu teilen. Sie wagen einen Schritt und verloben sich. Davor oder danach wagen sie weitere Schritte der Nähe und Intimität – und werden mit einer Konsequenz konfrontiert, um die sie theoretisch natürlich wussten, aber mit der sie praktisch einfach nicht gerechnet haben. Ein Kind ist unterwegs. Und wie oft können die beiden mit dieser Konsequenz, die ihr komplettes Leben auf den Kopf stellt, nicht leben. Zumindest nicht gemeinsam. Sie trennen sich. Und wie oft muss die junge werdende Mutter dann alleine entscheiden, wie es weitergeht. Alleine für das Kind da sein, alleine für Geborgenheit sorgen, alleine Grenzen spüren und Grenzen setzen, alleine die Fragen, Sorgen und Ängste durchstehen, die das Begleiten eines Kindes mit sich bringt.
Eine andere Lesart ergibt sich, wenn wir die Begriffe „Heiliger Geist – gerecht – Stille“ herausgreifen. In diesen Worten klingt etwas von der Intensität an, die auch zum Leben gehört. Gottes Geist bewirkt etwas Großes, und ein Mensch beschließt, sich diesem Wirken nicht zu widersetzen. Er ist gerecht, dieser Josef, und er liebt seine Verlobte. Er will sie nicht in aller Öffentlichkeit vorführen oder beschämen, aber trotzdem denkt er darüber nach, die Beziehung zu beenden. In aller Stille – und in der Tiefe dieser Stille begegnet er einem Engel Gottes, der ihm erklärt, was es mit Maria und mit diesem Kind auf sich hat. Der Engel nimmt dem Mann die Entscheidung nicht ab, aber er nimmt ihm die Angst, sich – trotzdem – auf die Beziehung mit Maria einzulassen. Er stellt das Geschehen in den großen Zusammenhang der Prophezeiungen der Schrift, und so kann Josef seine Entscheidung treffen – für Maria und das Kind, das ein Immanuel sein soll. Ein „Gott ist mit uns“.
Mich hat beim Lesen und Meditieren dieser Weihnachts-Vor-Geschichte das Bild des Atems beschäftigt. Gott wird als Mensch in unsere Welt geboren und beginnt zu atmen. Die Ur-Geschichte der Schöpfung berichtet, wie Gott den Menschen aus Erde formt und dann durch seinen Atem be-lebt. Nun, „als die Zeit erfüllt war“, sandte Gott seinen Sohn und gab sich selbst in den Kreislauf des Lebens, der vom Atem geprägt ist. Menschliches Leben ereignet sich, entwickelt sich im Rhythmus des Atems. Das ist etwas Einzigartiges. Die Momente, in denen ein Mensch geboren wird oder stirbt, sind besondere Momente, die sich anfühlen, als würde die Zeit stehenbleiben. Auch der Moment, in dem Gott seinen Atem in den Erdenmenschen gelegt hat, und der Moment, in dem Gott als Kind im Stall von Betlehem seinen ersten menschlichen Atemzug getan hat, sind solche einzigartigen Momente. Atem strömt ein – kommt und geht – Atem fließt – ganz einfach, ganz still und leise. Unaufdringlich und doch von einer unglaublichen Kraft, die in uns wohnt und uns am Leben hält oder durchs Leben begleitet.
Die Lesart der Trennung würde gut in unsere Zeit passen: atemlos, gehetzt, immer auf der Suche nach mehr. Von Lebkuchenmännern und Geschenkefindern bis zu den Sonderangeboten ab Mitte Oktober, um dem Stress zu entkommen und alle Wünsche, alle Erwartungen zu erfüllen.
Maria und Josef haben die Erwartungen ihrer Umwelt nicht erfüllt. Die beiden haben sich auf die zweite Lesart der Geschichte eingelassen: auf die stille Weise, auf die Erfüllung von Verheißungen, auf ein Kind, dem sie den Namen „Immanuel“ geben sollten. Gott ist mit uns – diese Verheißung wird immer neu Wirklichkeit, wenn ein Kind geboren wird – als ein sichtbares Zeichen von Gottes Gegenwart in unserem Leben.
Wenn wir ernstnehmen, dass Gott uns seine Gegenwart, sein „Mit uns Sein“ in diesem Kind zugesagt hat, können wir das Weihnachtsfest in diesem Jahr als ein Fest der Wirklichkeit feiern – unserer eigenen Wirklichkeit, weil wir alle Kinder Gottes und Zeichen von Gottes Nähe sind.

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