Geistliches Leben

Mittwoch, 25. November 2015

Zeit aktiven Wartens und Hoffens

Wir sollen mitarbeiten an der Vollendung der Welt – Gedanken zum Lukas-Evangelium 21, 25–28. 34–36 von Pastoralreferentin Regina Mettlach

Der Advent ist unübersehbar und unüberhörbar. Lichterketten, Zimtwaffeln, Jingle Bells und längere Ladenöffnungszeiten – die Einkaufsstraßen unserer Städte machen es uns leicht. Aber der Advent dort hat nur einen kurzen Atem. Nach vier Wochen ist der Spuk vorbei. Das ist nicht der Advent, den der Evangelist Lukas meint. Er  spricht sozusagen vom letzten großen Ladenschluss, vom Ende der Welt, wenn das gigantische Räderwerk des Kosmos aus den Fugen gerät und in sich zusammenstürzt. Dann wird der Menschensohn mit großer Macht und Herrlichkeit erscheinen.

Dieses Bild stammt aus dem alttestamentlichen Buch Daniel. Dort ist von einem die Rede, der aussieht wie ein Menschensohn, der kommen wird, um im Namen Gottes Gericht über Völker und Nationen zu halten (7,13f.). Lukas überträgt dieses Bild auf Jesus Christus. Dieser wird der von Gott gesandte Richter und Vollender der Menschheit sein. Lukas ist wie die übrigen neutestamentlichen Autoren überzeugt, dass am Ende der Geschichte ein Zusammenbruch der gegenwärtigen kosmischen Ordnung stehen wird, wenn Gott der Welt ein Ende setzt. Aber Lukas vermeidet jede Zeitangabe für das Eintreten der Endereignisse. Er hat erfahren, die Erfüllung der Naherwartung ist ausgeblieben. Wir kennen nicht den Tag und die Stunde des Weltendes. Lukas ist auch nicht am kosmischen Aspekt dieses Geschehens interessiert, sondern an dem, was der Zusammenbruch der Welt für den Menschen bedeutet.

Lukas war der Überlieferung nach Arzt. In seinem Evangelium lenkt er unseren Blick auf seine Art auf Jesus Christus. Seine Frohbotschaft ist voller Geschichten des Trostes und der Barmherzigkeit. Lukas glaubt felsenfest an die Barmherzigkeit Gottes. Mehr als die übrigen Evangelisten stellt er Jesus als Sohn Gottes dar, der dem Verlorenen nachgeht bis zum Äußersten. Nur er erzählt zum Beispiel die Gleichnisse vom barmherzigen Samariter und vom verlorenen Sohn. Aber auch er ruft die Menschen in die Verantwortung. Es geht ihm um die Wachsamkeit der Christen angesichts der Parusie, der Wiederkunft Christi, die noch auf sich warten lässt. Wenn das Ende kommt, ist das für Lukas nichts Erschreckendes, sondern „dann richtet euch auf und erhebt eure Häupter; denn eure Erlösung ist nahe“.

Aus den Worten des Lukas klingt Hoffnung und Zuversicht, nicht Angst und Schrecken. Denn mit dem Ende der Welt werden die noch ausstehenden Verheißungen Jesu erfüllt werden, alles wird in die Vollendung geführt. Was mit dem Kommen Jesu als Mensch auf dieser Welt begann, das wird vollendet, wenn Jesus wiederkommt in Herrlichkeit. Lukas malt die endzeitlichen Ereignisse so eindrücklich aus, um vor diesem Hintergrund die große Verheißung der Erlösung darzustellen. Die Aussagen des Evangelisten sind keine Reportage über das Ende der Welt, sondern sie wollen ankündigen dass das Reich Gottes, das Jesus zu seinen Lebzeiten verkündet hat, einmal zur dauerhaften Realität wird.

Sei ältester Zeit beginnt die Kirche den Advent mit diesen ernsten Bildern. Die Wahl dieser Lesungen betont die Doppeldeutigkeit des christlichen Advents. Zum einen ist er Vorweihnachtszeit und stimmt ein in die Feier der Geburt Christi, zum anderen ist er wachendes und betendes Erwarten des zweiten Kommens Jesu, der bei seiner Wiederkunft die Welt vollenden wird.

Die Adventswochen könnten Wochen der Wiederentdeckung werden. Sie sind eine gute Zeit, sich auf die Suche nach Gott zu machen, um ihn im Gestrüpp unseres Alltags neu zu entdecken. Dabei ist Wachheit gefordert. Wachheit der Sinne, Gott zu erspüren, Wachheit des Geistes, ihn zu erkennen, Wachheit des Herzens, ihn aufzunehmen. Und wenn uns manchmal die bange Frage überfällt, ob hinter all dem Widersprüchlichen wirklich Gott zu finden ist, dürfen wir uns an das Wort von Lukas halten, „… dann richtet euch auf, und erhebt eure Häupter; denn eure Erlösung ist nahe.“

Die Gemeinde des Lukas musste warten und lebte aus dieser Erwartung. So konnte sie den Bedrängnissen ihrer Zeit etwas entgegenhalten und gab sich nicht auf. „Wacht und betet allezeit“ bedeutete für sie, in den ganz alltäglichen Herausforderungen aufmerksam zu sein für das, was geschieht: Tut mit allen Kräften das, was euch möglich ist, fangt in eurem eigenen Leben an mit dem Frieden und der Gerechtigkeit. Dann arbeitet ihr mit an der Erlösung und Vollendung der Welt.

Auch wir werden es in den kommenden Tagen besingen: „O Herr, wenn du kommst, wird die Welt wieder neu, denn heute schon baust du dein Reich unter uns, und darum erheben wir froh unser Haupt. O Herr, wir warten auf dich“ (GL 233,1).

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