Im Gespräch

Mittwoch, 25. Mai 2016

Zu Gast im Hotspot des Ostens

Jedoch nur vier Prozent der rund 570000 Einwohner der Stadt sind Katholiken

Die Nikolaikirche in Leipzig. Foto: Stadt Leipzig

Ausgerechnet Leipzig. Eine katholisch geprägte Metropole ist die sächsische Messestadt beileibe nicht. Nur vier Prozent der rund 570000 Einwohner sind katholisch. Dennoch ist vom 25. bis 29. Mai der 100. Deutsche Katholikentag zu seinem Jubiläum in dem „angesagten“ Hotspot des Ostens zu Gast. Die Stadt gilt als hip. Leipzig boomt, zieht Junge, Kreative, Akademiker an – und zurzeit für einige Tage auch Zehntausende Christen.Für Leipzig ist der Katholikentag nicht das erste Christentreffen nach der Wiedervereinigung. 1997 fand dort ein Evangelischer Kirchentag statt. Davon gingen seinerzeit starke Impulse für den ersten bundesweiten Ökumenischen Kirchentag 2003 in Berlin aus. Für Ostdeutschland insgesamt ist es nach Dresden 1994 der zweite Katholikentag. Damals kamen 60000 Teilnehmer, jetzt sind es mindestens 55000 Besucher.

Auch wenn heute vier von fünf Leipzigern keiner Konfession angehören, ist die Stadt zumindest kulturell weiter christlich geprägt. Erinnert sei exemplarisch an Johann Sebastian Bach (1685-1750), ehemals Kantor an der Leipziger Thomaskirche und dort bestattet. Der weltberühmte Thomanerchor trägt sein musikalisches Erbe weiter. Zudem sind eine Reihe von Ordenseinrichtungen etwa der Dominikaner sowie Jesuiten in der Stadt mit Angeboten präsent – zum Teil speziell für Konfessionslose. Der Sankt-Benno-Verlag und die damit verbundene Kirchenzeitung „Tag des Herrn“ haben hier ihren Sitz und publizistische Relevanz über die Region hinaus.

Historische Bedeutung erhielten überdies die Friedensgebete in der evangelischen Nikolaikirche mit den sich anschließenden Montagsdemonstrationen. Sie trugen maßgeblich zum Ende der SED-Herrschaft bei. Mittels einer App können sich Besucher inzwischen zu den zentralen Orten dieses Weltereignisses durch die Stadt führen lassen. Zugleich steht die Nikolaikirche für die gute ökumenische Gemeinschaft der Leipziger Christen. Bis zur Weihe der neuen Propsteikirche vor einem Jahr feierten die Innenstadt-Katholiken jeden Sonntag dort ihre Abendmesse. Ihre Christmette an Heiligabend findet auch weiterhin – aus Platzgründen – in dem protestantischen Gotteshaus statt. In den vergangenen Jahren hat sich die Mitgliederzahl der Leipziger Propstei auf über 4700 mehr als verdoppelt, damit ist sie die größte Gemeinde im Bistum Dresden-Meißen. Jährlich kommen bis zu 200 Gläubige hinzu. Als sie ihr neues Kirchengebäude im Stadtzentrum bezog, schickte Papst Franziskus eigens ein Glückwunsch-Schreiben. Er würdigte Ostdeutschlands größten Kirchenneubau seit dem Mauerfall als Hoffnungszeichen und Ort der Begegnung – gerade auch im Dialog mit den Konfessionslosen.

Diese sind aber in Leipzig wie in den meisten anderen ostdeutschen Regionen zum großen Teil seit mehreren Generationen konfessionslos und nicht mehr religiös, wie religionssoziologische Studien zeigen. Sie sagen, salopp gesprochen: „Ich hab keine Religion, und mir fehlt auch nix.“ Ihnen ist in hohem Maße Religion gleichgültig, was die Anknüpfungspunkte für einen Dialog reduziert. Die Ankündigung, dass der 100. Katholikentag nach Leipzig kommt, schlug kaum Wellen. Nur um den städtischen Zuschuss von einer Million Euro gab es zunächst Streit. Aber nur solange, bis die Katholikentagsleitung dargelegt hatte, dass das Großevent insgesamt rentabel für die Stadt sei.

Eine weniger bekannte Seite Leipzigs ist, dass die Stadt seit Jahren zu den Armutshochburgen in Deutschland zählt. Rund jeder Vierte lebt statistisch unter der Armutsgrenze, Caritas und Diakonie haben ein breites Betätigungsfeld. Für ihr Engagement ist nachrangig, dass ihre Klienten in den meisten Fällen keine Christen sind. Beim Katholikentag dürften die ostdeutschen kirchlichen Wohlfahrtsverbände mit ihren Erfahrungen deshalb zu den Experten beim Dialog mit Konfessionslosen zählen.

Leipzig gilt zudem als eine der Hochburgen salafistisch-fundamentalistischer Muslime. Außerdem sorgen die ausländerfeindliche, wenn auch kleine Legida-Bewegung und die gewaltbereite linksautonome Szene regelmäßig für Schlagzeilen. Entsprechend hat die Polizei angekündigt, den Katholikentag mit hohen Sicherheitsvorkehrungen zu begleiten. (Karin Wollschläger, kna)

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