Geistliches Leben

Mittwoch, 22. August 2018

Zwischen „Heißzeit“ und „Eiszeit“

Es gilt, einen gesunden Weg zu finden, der Leben schenkt und leben lässt – Gedanken zum Johannes-Evangelium 6, 60–69

Der Begriff „Arabischer Frühling“ war ursprünglich positiv besetzt und bezeichnete eine ab dem Dezember 2010 begonnene Serie von Protesten,
Aufständen und Revolutionen in der Arabischen Welt. Diese richteten sich gegen autoritär herrschenden Regime, mit dem Ziel eine Verbesserung der
Menschenrechtslage in den betroffenen Ländern herbeizuführen. Dieses
Bild hat sich mittlerweile jedoch ins Gegenteil verkehrt, wenn wir beispielsweise
an den Militärputsch in Ägypten und die brutalen Exzesse in Syrien denken. Immer häufiger wird deshalb von einem „Arabischen Winter“ gesprochen.
Das Wort „Winter“ in einem Rekordsommer wie dem unsrigen in den Mund zu nehmen, scheint sich zu verbieten. Allerdings passt der „Temperatursturz“
zu den Ereignissen des heutigen Evangeliums. Die Jünger waren lange ganz „heiß“ auf die Botschaft Jesu. Sie waren „Feuer und Flamme“ und viele folgten ihm, sprachen von Aufbruch und Neuanfang. Mit ihm war„galiläischer Frühling“
spürbar geworden. Doch mit der Zeit brach nicht nur außerhalb des Jüngerkreises, sondern nun auch innerhalb, eine Kältewelle über der Jesusbewegung herein. Viele zogen sich „zurück und wanderten nicht mehr mit ihm umher“, wie es bei Johannes kühl heißt. Der „Zauber des Anfangs“, wie
er poetisch in Hermann Hesses berühmten Gedicht „Stufen“ beschrieben
wird, hatte sich verzogen. Auf Faszination und Zustimmung folgte Aggression
und Ablehnung. Die Jünger Jesu sahen sich an einem Scheideweg. Mitziehen oder Weggehen? Was kann ich (noch) mittragen, oder muss ich ihm die Gefolgschaft versagen?

Und wir? Wie stehen wir zu Jesus? Brennen wir (noch) für ihn? Klimaforscher
warnen in diesen Tagen zwar vor dem möglichen Bevorstehen einer „Heißzeit“, jedoch trifft dieses Phänomen nicht unbedingt auf Überzeugungen und den Glauben zu. Kühl, cool oder mit kalter Schulter wird einer Botschaft begegnet, die doch aus Lieblosigkeit und Unmenschlichkeit loseisen will.

Zur Klarstellung: Hitzköpfe gibt es genug. So mancher Präsident hat sich „Feuer und Zorn“ mit fatalen Folgen auf die Fahnen geschrieben. Auch in der deutschen Politik gibt es in unserer Tagen geistige Brandstifter zur Genüge. Es wird schamlos an den Grundfesten unserer Gesellschaft gezündelt und die großen Parteien und Organisation haben scheinbar nichts Effektives diesem Trend entgegen zu setzen, im Gegenteil. Viele machen lautstark mit oder – noch mehr – geben stillschweigend ihr Einverständnis und kochen Vorurteile, Klischees und gefährliches Halbwissen zu einer neuen braunen Sauce auf.

Der „galiläische Frühling“, der zarte Beginn der Jesusbewegung hat es schwer gehabt. In der Geschichte des Christentums waren und sind immer wieder Extreme festzustellen. Sowohl „verbrannte Erde“ wie „Eiseskälte“ sind nicht zu leugnen. Was es heute mehr denn je braucht, ist Standhaftigkeit, Zähigkeit und Hartnäckigkeit, um allen Widrigkeiten trotzen zu können. Dies darf allerdings nicht zu Borniertheit, Sturheit und Lieblosigkeit führen. Es gilt demnach ein schwieriges Spagat hinzubekommen und so manche Zerreißprobe zu bestehen. Das klingt schwer und ist es auch, aber es ist der einzige Weg, der Botschaft Jesu gerecht zu werden.

Der „Arabische Frühling“ hat ebenso wie der „galiläische Frühling“ ein Zeichen gesetzt, zu was Menschen miteinander in einem guten Sinn in der Lage sind. Ohne Waffengewalt wurden Regime in Nordafrika und im Nahen Osten gestürzt, massenhaft gingen Menschen für Gerechtigkeit, Freiheit, Würde und Respekt auf die Straßen.

Jetzt kann man lamentieren und fregen: Was ist von diesen Protesten, von diesem Geist übrig geblieben? Provokant könnte man allerdings zurückfragen: Was ist denn nicht alles dem „galiläischen Frühling“ schon früh widerfahren, wenn wir auf das heutige Evangelium schauen? Dort ist auch nicht zu jeder Zeit eitel Sonnenschein festzustellen.

Mit Vergleichen ist das so eine Sache. Manche bieten sich an, andere verbieten sich. Fakt ist, auch die größten Bewegungen der Menschheitsgeschichte haben ihre Krisenzeiten. Es geht nicht immer bergauf, sondern auch manchmal bergab und so mancher Regenschauer kann im Nachhinein betrachtet heilsam und notwendig sein. Was es in diesem Auf und Ab immer wieder von neuem braucht, ist Durchhaltevermögen, Vertrauen und Glauben. Diese dürfen aber nicht zu einem dogmatischen Bulldozerdenken führen, nach dem Motto: Augen zu und durch! Vielmehr sollten sie auf dem Boden einer liebevollen Offenheit Gott und den Menschen gegenüber stehen. Gewissermaßen zwischen „Heißzeit“ und „Eiszeit“ gilt es einen gesunden Weg zu finden, der Leben schafft und leben lässt.

Schreiben Sie Ihre Meinung zu diesem Beitrag an:  Pastoralreferent Thomas Stephan
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