Kultur

Donnerstag, 08. August 2019

Aschenputtel in der Sprache Jesu

Aramäische Christen nehmen in Speyer Grimmsches Märchen für Trickfilm auf

Filme und Hörspiele auf Aramäisch sind Mangelware. Mitglieder der christlichen Volksgruppe in Speyer haben jetzt ein Märchen aufgenommen. Foto: adobeStock

„De ilono de mihaz, de ilono de mënfas w madrili lbu?e ?afire“: Die Worte, die Lilyana be Isa spricht, klingen fremd – und doch wirkt der Singsang seltsam vertraut. Kein Wunder. Mit „Aschenputtel“ ist im Tonstudio des Evangelischen Presseverbands in der Pfalz in Speyer für eine Trickfilmproduktion in den USA ein bekanntes Märchen aufgenommen worden. Die Sprache ist eine der ältesten der Welt – und wird kaum noch gesprochen: Aramäisch.

Die Aramäer, ursprünglich im oberen Zweistromland und dem mittleren Euphrat zu Hause, hatten nie einen eigenen Nationalstaat. Während des Völkermords an den syrischen Christen und den Armeniern während des Ersten Weltkriegs, aber auch in den 1960er und 1990er Jahren verließen viele ihre Heimat. Aktuell sorgt der syrische Bürgerkrieg für einen erneuten Flüchtlingszuzug. Deutschland, die Niederlande, Schweiz, Schweden, Australien und die USA sind die Länder, in denen heute die meisten Aramäer leben.

Durch die Diasporasituation sei die Sprache besonders wichtig, um den Bezug zur eigenen Kultur aufrechtzuerhalten, sagt der Speyerer David Jacob. Seine Eltern kamen in den 1960er Jahren nach Deutschland. Mit seinen Töchtern spricht er deutsch und aramäisch. Zufällig lernte er den US-amerikanischen Arzt Robby Edo kennen, der die aramäische Sprache und Kultur erhalten möchte. Über das vor einigen Jahren gegründete gemeinnützige Projekt „Rinyo“ produziert er unter anderem Youtube-Clips auf Aramäisch. Weil möglichst viele Menschen erreicht werden sollen, es in den USA aber nur eine spezielle aramäische Sprachform gibt, kam die Idee auf, in Deutschland Sprecher zu suchen.

Im Freundes- und Familienkreis warb Jacob für die Idee. Mit Erfolg. Tatsächlich gab es sogar mehr Bewerber als Rollen in dem Stück. Ausgangspunkt ist eine Aschenputtel-Übersetzung von Zeki Bilgic. Simone Hanna, eine Heidelberger Lehrerin, die wie Bilgic Semitistik studiert hat, organisierte im Vorfeld einen Workshop zum Aramäischsprechen. Das Ziel war außerdem, in der neuen Märchenversion alle aramäischen Dialekte zu vereinigen. Diese stammen unter anderem aus dem arabischen oder kurdischen Sprachraum sowie dem Aramäischen der christlichen Liturgie.

Für Hanna, die die Erzählerinnen-Rolle hat, ist das Grimm-Märchen ein erster Schritt zu einer größeren Verbreitung der Sprache. Aus den USA gibt es Lieder für Kinder, auf aramäisch übersetzt. Jetzt entsteht die aramäische Fassung eines deutschen Märchens. Was noch fehle, seien Aufnahmen von Geschichten aus dem aramäischen Kulturraum, sagt Hanna, die ihre Kinder bewusst zweisprachig erzieht. Demnächst will sie aramäische Erzählungen in Textform herausbringen.

Was ihr außerdem vorschwebt, sind Bibelgeschichten für Kinder auf Aramäisch. Zum einen sprach Jesus wissenschaftlichen Forschungen zufolge selbst Aramäisch. Ganze Bücher des Alten Testaments, etwa Esra und Daniel, sind in dieser Sprache verfasst worden. Überhaupt ist der syrisch-orthodoxe Glaube für Hanna ganz zentral, im badischen Leimen gibt es eine größere Kirchengemeinde. Über die christliche Liturgie sei die Sprache und damit das Selbstverständnis als Aramäer bewahrt worden – während vieles andere durch die Islamisierung des Kulturraums verloren gegangen sei.

„Die Bibelübersetzung Luthers ins Deutsche ist wunderbar“, sagt Hanna. Und trotzdem sei der Blick auf das Aramäische spannend; etwa was die ursprüngliche Bezeichnung von Pflanzen betrifft, die Luther nicht kannte, sagt Hanna. Jetzt ist sie wie auch Aschenputtel Lilyana be Isa und Debora Gelen in der Rolle der bösen Stiefmutter erst einmal froh, dass die fertigen Aufnahmen in die USA geschickt werden konnten. (epd)

Redakteur:  Redaktion

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